Ein Apple-Auto ist keine Frage der Technik

Gerüchten zufolge plant Apple, in naher Zukunft ein eigenes Auto auf den Markt zu bringen. Da schießen die Spekulationen ins Kraut: Selbstfahrend soll es sein und lautlos und natürlich mit Strom laufen. Weshalb die Besonderheit bei einem Auto made by Apple weit über die reine Technikfrage hinaus geht, erklärt der Autor und Experte für Digitales Dirk Beckmann.

von Dirk Beckmann

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Foto: Matias Cruz via Pixabay, CC0 1.0

Die Automobilhersteller Deutschlands müssen Softwarehersteller werden. Das meint zumindest Sascha Lobo in seiner Kolumne auf Spiegel Online. Autoblogger finden, das sei Quatsch, weil es jahrelang gesammeltes Know-how brauche, um ein gutes Auto zu bauen: Ohne dieses Herrschaftswissen können die Nerds aus Kalifornien sicherlich so lustige Dinge wie Telefone herstellen, aber auf keinen Fall Autos. Dazu musste ich Sätze wie diesen lesen: „Lässt man das Digitale an einem Auto weg, hat man immer noch ein Auto – versuchen Sie das mal bei einem Smartphone“ und ähnlich wenig Zielführendes. Die Fronten sind klar: Traditionelle Autobauer gegen Software-Nerds – wer hat hier Recht?

Um es vorwegzunehmen: Ich bin kein Autoexperte. Für alle, denen diese Absenderkompetenz wichtig ist: Hören Sie auf zu lesen. Aber dafür habe ich mich intensiv mit Apple beschäftigt. Und seit Jahren schon bin ich ein treuer Kunde des Konzepts Auto. Als bekennender Mercedes-Fan hat mein automobiles Leben schließlich mit dem legendären Strich Acht (W115) begonnen. Meine Tochter hingegen hat nicht mal einen Führerschein. Sie will auch keinen haben. Dabei ist ihr Mobilität wichtig.

Und damit sind wir beim Thema. Ein Auto von Apple ist meiner Meinung nach keine Frage der Technik. Es geht nicht um PS, Drehmoment oder Sonstiges. Es ist aber auch keine Frage von digitaler Technologie (sorry, Sascha Lobo, VW muss kein Softwarekonzern werden). Denn das smarte am Smartphone ist nicht seine Technik. Smart wird etwas, wenn es ein echtes Problem von echten Menschen löst. Vielleicht ist es beim Auto ein Mobilitätsversprechen für eine neue Generation? Oder ein niedrigschwelliges Mobilitätsangebot für diejenigen, die ihr Kapital nicht in Blech binden wollen. Oder ein Automodell, das aus dem gestalterischen Einheitsbrei ausbricht. Was es auch sein wird, es kommt vom Nutzer her. User Experience, User-Centered Design und Design Thinking sind im Westen der USA keine Worthülsen, die es nicht aus Meetingräumen schaffen, sondern gelebter Alltag. Das ist das Missverständnis zwischen Kalifornien und Baden-Württemberg. Selbstfahrende Autos, Technologie als neue Religion, die alles richten wird. Nein. Ich glaube nicht daran, dass Technologie allein die Probleme der Menschen lösen kann.

Die Lösung liegt darin, den irrationalen, von seinem Unterbewusstsein wie ferngesteuert handelnden Menschen ins Zentrum der Überlegungen zu stellen. Denn der Mensch ist mitnichten der vielzitierte Homo Oeconomicus, also der kühl und rational denkende Teilnehmer der Volkswirtschaft. Er ist vielmehr die meiste Zeit mit einem Autopiloten unterwegs, der relativ schnell und vergleichsweise primitiv über unsere nächste Handlung entscheidet: Ist es eine Belohnung oder nicht? Wenn nein, dann weg damit, wenn ja, dann sehe ich mir das mal an. Das ist auch der Grund, warum es sinnlos ist, Konsumenten zu befragen, da die meisten bei jeder Umfrage etwas anderes sagen als sie wirklich tun. Man muss sie beobachten. Geduldig zusehen, was sie machen. Nur daher weiß man, dass es nichts bringt, einen Touchscreen in einen Laptop zu bauen: Denn nach drei Minuten ist der Arm lahm.

Wie Google und Facebook die Werbung, und Amazon den Handel maßgeblich veränderten, so revolutionierte Apple die Produktentwicklung. Apple vertraut seinen Designern und ihrer Meinung. Sie versetzen sich buchstäblich in die Rolle desjenigen, der das Auto am Ende fahren soll. Sie bauen Tausende von Prototypen, um mit gesundem Menschenverstand zu testen, ob eine Idee gut ist. Die digitale Revolution ist für Apple keine Frage von Hard- oder Software, sondern eine Haltung. Aus den unendlichen Möglichkeiten die richtige herauszuschälen, ist die Aufgabe des Produktentwicklers. Und Produkte entwickeln kann Apple wie kaum zweite Firma.

Wenn Apple wirklich ein Auto baut, dann wird es nicht aufgrund seiner überragenden Technik herausstechen. Es wird nicht das Gefährt mit den meisten PS oder tollsten digitalen Gimmicks sein. Es wäre ein Auto für ganz normale Menschen und deren Bedürfnisse.


 

Weblinks
„Was würde Apple tun?“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Dirk Beckmanns offizielle Homepage
Die Website von Dirk Beckmanns Kreativagentur artundweise
Dirk Beckmann auf Twitter

 

Dirk Beckmann

Dirk Beckmann

Dirk Beckmann ist Experte für digitale Innovation. Seit über 20 Jahren berät er als Geschäftsführer von artundweise Unternehmen wie Kraftfoods, Kellogg’s, die WAZ-Mediengruppe, Gräfe und Unzer und Otto. Sein Buch „Was würde Apple tun?“ erschien 2011 im Econ Verlag.

Foto: © David Liebetanz

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