Die Spirale der Gewalt: Bruno Schirra über den ISIS-Terror und Europa

Seit 30 Jahren ist der Journalist und Autor Bruno Schirra im Nahen und Mittleren Osten unterwegs und berichtet von dort auch über islamistisch motivierten Terror. Spätestens seit den Anschlägen von Paris Anfang Januar geht von den ISIS-Terroristen auch in Europa eine konkrete Bedrohung aus, die sich laut Schirra kaum verhindern lässt – auch da sie mehr ist als nur ein Import aus der islamistisch-arabischen Welt.

von Bruno Schirra

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Szene aus einem ISIS-Bootcamp (Screenshot: YouTube)

Ein junger Mann steht in einem Eisenkäfig gefangen. Er weiß, was nun geschehen wird, sieht die Flammen auf sich zurasen und hebt in einer letzten verzweifelten Geste die Hände zum Gebet. Dann verbrennt er bei lebendigem Leib. Nach vier Minuten und 36 Sekunden ist der 26 Jahre alte Kampfpilot der jordanischen Luftwaffe, Muaz al-Kasaesbeh, tot. Die dschihadistische Todessekte ISIS stellt das Video dieses barbarischen Mordes ins Internet, in Windeseile verbreiten sich die Bilder über alle soziale Netzwerke rund um den Globus, erzeugen Angst und Panik, lähmendes Entsetzen und Hilflosigkeit. Aus Jordanien dröhnt wie Donnerhall der Ruf nach blutiger Rache für diesen Mord, den ISIS im Namen seines Gottes so öffentlichkeitswirksam inszeniert hat.

König Abdallah lässt umgehend eine dschihadistische Terroristin sowie einen Al-Qaida-Terroristen hinrichten. Seine Luftwaffe bombardiert pausenlos Stellungen des ISIS in Syrien und dem Irak. Militärischer Aktionismus, der jordanische Rachebedürfnisse befriedigen soll, ISIS jedoch nicht zerstören kann. König Abdallah weiß das. Ebenso ist ihm bewusst, dass sein Ruf nach dem Einsatz von Bodentruppen, die ISIS bekämpfen sollen, ungehört verhallen wird. Der Westen will dies nicht, die arabischen Staaten können es nicht. Denn ISIS hat in den arabischen Staaten schon längst funktionierende Netzwerkstrukturen aufgebaut, seine Antwort wäre flächendeckender Terror. ISIS kann sich zudem in den islamischen Staaten sehr wohl auf die Sympathie sehr vieler Menschen stützen. Auf dem Sinai ist ISIS schon heute die vorherrschende Macht, in Libyen hat sich ISIS, vom Westen unbemerkt, in Teilen des Landes fest verankert.

Derweil triumphiert ISIS im Propagandakrieg gegen den Westen und instrumentalisiert die unvermeidlichen zivilen Opfer, die die Luftschläge der Koalition wider ISIS seit September letzten Jahres zwangsläufig produzieren. Die zur Schau gestellten Bilder brennender Babys, zerfetzter Kinderleichen, getöteter Zivilisten, die der Koalition der Willigen zur Bekämpfung von ISIS zum Opfer fielen, führen in bewusst inszenierter Dramaturgie hin zum Verbrennen des jungen jordanischen Piloten. Die Botschaft ist klar: Nicht wir haben mit dem Verbrennen angefangen. Ihr wart es.

„Wann immer wir das wollen: Wir können es tun. Bei euch zu Hause“

„Muaz al-Kasaesbeh ist im reinigenden Höllenfeuer seiner gerechten Strafe zugeführt worden“. Diese Nachricht über das Sterben des 26 Jahre alten jordanischen Kampfpiloten lässt mir ein junger schwäbischer Terrorist in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar aus dem Gebiet des ISIS heraus übermitteln. Als Drohung wider die Menschen Europas. Er lässt ausrichten, wie einfach ein solches Morden, ein solches öffentliches Verbrennen, jederzeit auf den Straßen Europas zu zelebrieren sei. „Wann immer wir das wollen, wo immer wir das wollen: Wir können es tun, wir werden es tun. Bei euch zu Hause.“ Die Pläne von ISIS, in Australien willkürlich Geiseln zu nehmen, sie zu enthaupten und die mörderischen Videos ihres Sterbens in Internet zu stellen, konnten vorerst von den australischen Sicherheitsbehörden verhindert werden. Europäische Dschihadisten träumen jetzt davon, dieses Morden in Europa zu realisieren.

Auf dem Gebiet des Islamischen Staates im Irak und Syrien (ISIS) hat dieser deutsche Dschihadist im August letzten Jahres sehr gelassen, ganz in sich selbst ruhend über das heilige Töten gesprochen. Der gebürtige Schwabe kurdischer Herkunft parlierte stundenlang über das Steinigen von Frauen, das Kreuzigen von Männern, wie und nach welchen genau definierten Regeln Menschen die Köpfe zu nehmen seien. Er berichtet detailliert darüber, wie das Töten homosexueller Menschen zu inszenieren sei, redet vom Höllenfeuer und darüber, dass die Feinde seines Glaubens verbrannt und vernichtet werden müssen. Wer die sind, diese Feinde? „Jeder Mensch, der sich weigert, den Geboten Allahs zu folgen.“ So sagt er das. Da sitzt kein Soziopath im Wüstensand, der sich in kranken Phantasien verliert. Da sitzt vielmehr ein junger Mann, klug und sehr belesen, akademisch gebildet dazu. „Wir sind im Krieg. Du und ich. Deine Welt und meine Welt. Wir werden diesen Krieg so lange gegen euch führen, bis ihr zum wahren Glauben gefunden habt oder vernichtet seid. So Gott will, werden wir ausnahmslos jede Waffe in diesem Krieg gegen euch einsetzen.“ Der junge Schwabe ist nur einer von tausenden Dschihadisten, die es aus der Behaglichkeit des europäischen Lebens in den Heiligen Krieg des ISIS getrieben hat.

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Einsatzkräfte vor der Charlie Hebdo-Redaktion am 7. Januar 2015 (Foto: Thierry Caro)

Aus allen Berichten von Menschen, die ISIS überlebt haben und Allahs wüsten Streitern entkommen konnten, ergibt sich ein übereinstimmendes Bild: Die europäischen Dschihadisten des ISIS zeichnen sich durch eine ganz besonders monströse Grausamkeit aus, zelebrieren ihre blutrünstige Folter in glückseliger, religiöser Besessenheit. Wie Mehdi Nemmouche, der Mann, der im jüdischen Museum in Brüssel im Mai 2014 vier Menschen erschoss. Als Kerkermeister des ISIS in Syrien liebte Nemmouche es, französische Chansons zu singen – bevor er folterte, vergewaltigte, mordete. Nemmouche und seine europäischen Glaubensbrüder sind getrieben im Glaubenshass, getrieben vom Wunsch, im Namen ihres Gottes zu morden. Einen Tag nach dem dschihadistischen Massenmord in Paris meldet sich aus Syrien via Twitter einer zu Wort, der es mittlerweile bis in die Führungsränge des ISIS geschafft hat. Der österreichische Staatsbürger Mohammed Mahmoud. Abu Usama al Gharib, wie er sich jetzt nennt, fordert seine Terrorgenossen zum „Abschlachten von Ungläubigen“ auf und gibt Handlungsanweisungen vor. „An die Löwen des Islam in Deutschland und Österreich. Auch diese haben ein ‚Charlie Hebdo‘ nötig. Mein Bruder in Deutschland. Überfahre einfach die Kufar (Ungläubigen) in einer vollen Einkaufsstraße oder schlachte sie herumschleichend.“

Der Dschihad wächst auch aus Europa heraus

Das ist kein vollmundiges Getöse. Spätestens seit den Terrorakten in Paris vom 7., 8. und 9. Januar ist der Dschihad mitten in Europa angekommen. Und die Menschen, Politiker, aber viel mehr noch Sicherheitsbehörden sind ratlos. Denn der Dschihad ist kein bloßer Import aus der islamistisch-arabischen Welt. Der Dschihad wächst auch aus Europa heraus. Er ist kein isoliertes terroristisches Problem, wie es der Terror der deutschen RAF, der italienischen Roten Brigaden war. Der Dschihad hat in Europa sehr wohl eine breite Basis, aus der heraus er sich hat entwickeln können. In all seiner Monstrosität. Die legitimiert sich aus den Grundlagen des Islam: Aus dem Koran, der Sunna, den Hadithen. Darauf beruft sich ISIS, darauf stützen sich seine gläubigen Jünger, Männer wie Frauen, Migranten und europäische Konvertiten, und lassen nicht gelten, dass just dieselben Grundlagen des Islam, der Koran, die Sunna, die Hadithe, durchaus eine ganz andere, eine zeitgemäße und humane Deutung zulassen. Keine, die einer Theologie der Gewalt frönt, sondern eine, die eine Theologie der Humanitas fordert. Zumindest theoretisch.

Spätestens seit dem massenmörderischen Schlachten an europäischen Juden, Muslimen, Christen und Atheisten in Paris, dem 17 Menschen zum Opfer fielen, ist aus einer abstrakten dschihadistischen eine sehr konkrete terroristische Gefahr geworden, die den Alltag Europas verändern und prägen wird. Was in Paris geschah, wird sich wiederholen. Tausende junger Europäer, Migranten und Konvertiten, Männer und Frauen sind zu ISIS gepilgert, religionstrunken und im Glaubenswahn gefangen. Tausende werden ihnen folgen. Dies wird nicht zu verhindern sein. Allem vollmundigen Getöse von den politischen Bühnen Europas herab zum Trotz. Ebenso wenig wird ihre Rückkehr nach Europa zu verhindern sein.

In Europa haben sich mittlerweile klassische Netzwerkstrukturen herausgebildet. Belgische und französische Fahnder stießen bei ihren Ermittlungen nach den Anschlägen in Paris auf Verbindungen zwischen französischen, belgischen, niederländischen und deutschen Dschihadisten. Im Umfeld der Al-Rahman-Moschee in Aachen deckten die Ermittler Verbindungen deutscher Dschihadisten nach Belgien und Frankreich auf. „Man kommuniziert miteinander, man finanziert sich gegenseitig, man unterstützt sich bei der Waffenbeschaffung“, so ein belgischer Ermittler und spricht von harten Erkenntnissen. Dschihadistische Zellen, die bislang eher isoliert und abgeschottet agierten, würden sich zunehmend zusammenschließen und kooperieren. „Die agieren hoch konspirativ, die Szene professionalisiert sich zunehmend und nützt ausnahmslos alle Möglichkeiten der sicheren Kommunikation, die dem Cyber-Dschihad zur Verfügung stehen. Wir werden in Zukunft noch besser abgestimmte, noch besser choreographierte Terrorscenarios erleben als in Paris“, so die Prognose des belgischen Ermittlers. „Wir können es nicht verhindern.“


 

Weblinks
„ISIS – Der globale Dschihad“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Bruno Schirra

Bruno Schirra

Bruno Schirra hat sich als Journalist auf den Nahen und Mittleren Osten spezialisiert und löste mit einem Artikel 2005 die Cicero- Affäre aus. Nach Stationen beim Hörfunk, der ZEIT und Cicero sowie der Welt-Gruppe schreibt er heute unter anderem für die Weltwoche in der Schweiz. Ende Januar erschien sein Buch „ISIS – Der globale Dschihad“ im Econ Verlag.

Foto: © Sabine Sauer

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