Deutschland im Flüchtlings-Hype: Wo ist das Problem?

Auf die Nachfrage, warum sein populärer Blog schleckysilberstein.com heutzutage mit dem Slogan „schneller, geiler, linker“ wirbt und darauf öfter als sonst Nazis ihr Fett weg kriegen, reagiert Christian Brandes verwundert: Warum braucht anständiges Verhalten eine Rechtfertigung?

von Christian Brandes

 

Viele Menschen werden beim Wechseln des Facebook Profilbilds auf das Motiv Refugees Welcome festgestellt haben: Huch, da ist ja noch Regenbogenflagge drin. Vielleicht wird bald Rudi Völler von radikalen Islamisten erschossen und wir müssen auf „JE SUIS TANTE KÄTHE“ wechseln. Aber für den Moment ist das Flüchtlingsdrama der Hype der Stunde.

Das klingt zynisch, ist es auch, aber Hand aufs Herz: Gibt es einen schöneren Hype als Menschlichkeit? Oder anders: Wo ist das Problem? Momentan befinden wir uns in einer Phase, die jeder Hype kennt. Erste mahnen zur Differenzierung, während kluge Publizisten weniger klugen Menschen attestieren, blind einem kollektiven Samaritertum hinterherzulaufen und sobald die erste Kugel Rudi Völler trifft, bringt kein Mensch mehr seine alten Unterhosen zur Auffangeinrichtung um die Ecke. Na und? Deutschland ist unter den Top 3 der beliebtesten Asylländer und jeder, der bis zum Zerbersten reflektiert oder doof emotional über soziale Medien sein Willkommen äußert, hat den Hafen Germany mit aufgebaut. Dabei ist völlig egal, ob wir für drei Wochen den Soli-Film fahren und danach nie wieder. Denn in diesen Wochen ist Deutschland ein Ort der Hoffnung geworden. Das muss man sich mal vorstellen.

Auch wenn’s nur jeder zehnte langfristig ernst meint mit seinem Refugees Welcome, haben wir uns da was zurecht gehypt, auf das wir stolz sein können. Die gesamtgesellschaftliche Übereinstimmung darüber, dass wir mehr helfen sollten, hat sogar die BILD einbrechen lassen. Die „Das Boot ist voll“-Schlagzeilen bleiben auf wundersame Weise aus, weil sich aktuell mit Solidarität sogar richtig Auflage machen lässt. Wie großartig!

Ich persönlich bin mir übrigens immer seltener sicher, ob ich meine Original-Meinung vertrete, oder irgendwas remixe, was ich auf Facebook-Twitter-Spiegel-Online gelesen habe. Aber wenn mich ein Hype dazu bringt, Menschen, die alles verloren haben, in meinem Land willkommen zu heißen, dann bin ich gern ein Mainstream-Opfer.

 

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Weblinks
Schlecky Silbersteins Website
Schleckys Spleensammlung Spleen24
„Ich kann keine Wurstzipfel essen” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
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Christian Brandes

Christian Brandes

Seit 2010 sammelt Christian Brandes auf seinem Blog Schlecky Silberstein die bizarrsten, lustigsten, kreativsten und manchmal auch verstörendsten Phänomene des Internets. Spleen24 ist das neueste Projekt des Comedyautors und mit über 6000 bizarren Eigenarten bereits das größte Macken-Archiv der Welt. Sein Buch „Ich kann keine Wurstzipfel essen” erschien Anfang Juni 2015 im Ullstein Verlag.

Foto: © privat

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