Deutschland – ein Einwanderungsland?

Gemessen an der Zahl der Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten hierher gekommen sind, ist Deutschland bereits ein Einwanderungsland. Warum es sich endlich auch als solches begreifen sollte, zeigt unser Autor Meinhard Miegel auf.

von Meinhard Miegel

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Hunderttausende von Menschen, die binnen Wochen schutz- und hilfesuchend nach Deutschland gekommen sind, haben eine seit vielen Jahren schwelende Debatte neu entfacht: Ist dieses Land ein Einwanderungsland? Die Antworten auf diese Frage könnten konträrer nicht sein: Die einen verweisen darauf, dass Deutschland als lebenswertes und wirtschaftlich starkes Land in der Mitte Europas zumindest in der jüngeren Vergangenheit ein gern angesteuertes Ziel von Zuwanderern war. Die Zahlen geben ihnen Recht. Spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder Menschen, mitunter in großen Schüben, zu. Das gilt für die Polen im deutschen Steinkohlebergbau genauso wie für die Balten in den Chemiewerken Mitteldeutschlands oder nach dem 2. Weltkrieg – abgesehen von den Millionen von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten – für abermals Millionen sogenannter Gastarbeiter, zunächst aus Südeuropa, später dann auch aus dem Balkan, der Türkei und zahlreichen weiteren Ländern.

Geht es um die bloßen Zahlen, kann es Deutschland durchaus mit klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland aufnehmen. Und doch, so argumentieren einige, werde es dadurch noch nicht zum Einwanderungsland. Volkes Stimme klingt ganz ähnlich. Nein, ein richtiges Einwanderungsland ist Deutschland nach Meinung vieler nicht und sollte es möglichst auch nicht werden. Wie ist dieser Widerspruch zwischen Fakten- und Bewusstseinslage zu erklären? Deutschland – ein Einwanderungsland wider Willen? Hierfür spricht einiges.

Günstige Voraussetzungen für eine anhaltende Willkommenskultur?

Die einheimische Bevölkerung dieses Landes ist im historischen und internationalen Vergleich – trotz mancher Unzulänglichkeiten – wohlhabend, gebildet und beruflich gut qualifiziert. Sie ist sozial abgesichert, von der Gunst des Schicksals seit Jahrzehnten verwöhnt und folglich höchst anspruchsvoll und sie befindet sich demographisch auf dem absteigenden Ast. Der letzte Jahrgang, der sich in der Zahl seiner Kinder ersetzt hat, wurde hierzulande bereits 1882 geboren und seit Ende der 1960er Jahre werden nur noch zwei Drittel der Zahl der Kinder zur Welt gebracht, die zur Bestandserhaltung erforderlich sind. Entsprechend hoch ist der jährliche Sterbeüberschuss. Die zwangsläufige Folge: Die einheimische Bevölkerung nimmt zahlenmäßig ab und altert rasch.

Das sind nur auf den ersten Blick günstige Voraussetzungen für eine anhaltende Willkommenskultur. Einwanderungsländer der Moderne hatten und haben jedenfalls eine gänzlich anders strukturierte Bevölkerung. So ist das Wohlstandsgefälle zwischen Einheimischen und Zuwanderern in der Regel gering und zwar schon allein aufgrund der Tatsache, dass Länder, die einen Bevölkerungssog ausübten, in ihren Aufbauphasen selbst nicht sehr wohlhabend waren. Armut traf auf Armut und gemeinsam versuchten Alt- und Neusiedler dieser Armut – meist mit Erfolg – zu entkommen.

Hop-On, Hop-Off ist nicht vorgesehen

Ähnliches gilt für den Bildungs- und Qualifikationsgrad. Auch hier waren die Ansässigen den Zuwanderern zumeist nicht überlegen, mitunter war es sogar umgekehrt. Die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten, die aus Deutschland vertriebenen Juden oder die aus Vietnam, Kambodscha und anderen ostasiatischen Ländern Vertriebenen brachten ihren jeweiligen Aufnahmeländern nicht selten einen regelrechten Wissens- und Könnensschub. Die aufnehmenden Länder waren Gewinner.

Anders als Deutschland verfügen typische Einwanderungsländer auch nicht über elaborierte Sozialsysteme, die nur dann verlässlich funktionieren, wenn die Begünstigten ein Leben lang mit ihnen verbunden sind. Weder die Renten- noch die Kranken- noch irgendeine andere Sozialversicherung ist für größere Fluktuationen ausgelegt. Hop-On, Hop-Off ist bei ihnen nicht vorgesehen.

Rechnung zu tragen ist schließlich den geballten Empfindlichkeiten, die diese Bevölkerung in Jahrzehnten des Friedens und Wohlstands entwickelt und kultiviert hat. Das Zusammentreffen mit anderen Kulturen, Ordnungen, Sitten und Gebräuchen erfordert auf allen Seiten eine gewisse Robustheit. Die Stunde der Wahrheit kommt erst, falls die Einheimischen zugunsten der Zugewanderten spürbar zurückstecken müssen, damit diese zu ihrem Recht kommen. Hiervon sind alle Beteiligten noch ein gutes Stück entfernt und nicht wenige scheinen diese Stunde der Wahrheit geradezu zu fürchten. Wie lässt sich sonst die politische Rhetorik erklären, die durchaus an jene der deutschen Wiedervereinigungsphase erinnert: Spürbare Opfer sind nicht zu erwarten! Alle werden profitieren! Die schwarze Null steht!

Aber sind nicht wenigstens die zahlenmäßige Abnahme der Bevölkerung und deren rapide Alterung handfeste Argumente, um die Tore zu öffnen? Wiederum nur auf den ersten Blick. Oder genauer: Es gibt keine historischen oder internationalen Erfahrungen, wie sich Völker, die sich in der Phase ihres demographischen Abschwungs befinden, gegenüber hereindrängenden jungen Zuwanderern, zumal wenn diese abrupt und in großer Zahl kommen, verhalten. Möglicherweise empfinden sie diese als dringend benötigte Stütze. Wahrscheinlicher dürfte jedoch sein, dass sie diese große Zahl an jungen Zuwanderern über kurz oder lang als Bedrohung oder zumindest als belastende Herausforderung ansehen.

Erklärte Einwanderungsländer tun sich leichter

Nein, ein klassisches Einwanderungsland ist Deutschland trotz eindrucksvoller Zuwanderungszahlen nicht, sollte aber eines werden. Da ist zum einen der moralische Imperativ, den einzelne als moralischen Imperialismus verunglimpfen. Menschen, deren Leib und Leben oder deren elementarste Würde bedroht sind, haben nicht nur einen rechtlichen, sondern auch einen moralischen Anspruch darauf, Aufnahme in einem Land wie Deutschland zu finden. Würden wir uns dem verweigern, würden wir einen essentiellen Teil unserer zivilisatorischen und kulturellen Entwicklung und damit auch uns selbst verneinen. So gesehen, sind wir uns diese Hilfe selbst schuldig.

Allerdings betrifft dies nur einen Teil der Menschen, die hierher kommen. Viele – wahrscheinlich sogar die Mehrheit – kommen, um hier ein besseres Leben zu führen. Daran ist nichts Verwerfliches. Nur kann und darf, ja muss hier abgewogen werden: Passt der oder die in das vorhandene Bevölkerungs-, Wirtschafts-, Sozial- und nicht zuletzt Wertegefüge? Kein Volk sollte danach trachten, auf Kosten anderer zu leben. Umgekehrt ist jedoch auch kein Volk verpflichtet, seine legitimen Interessen zugunsten Dritter hintan zu stellen. Dabei hilft, möglichst eindeutig zu klären, was diese Interessen sind und wie sie mit den Interessen anderer zum Ausgleich gebracht werden können. Erklärte Einwanderungsländer tun sich hier leichter. Sie definieren ihre Erwartungen und vermitteln sie unmissverständlich. Damit vermindern sie Enttäuschungen und Frustrationen auf beiden Seiten.

Ein erklärtes Einwanderungsland ist Deutschland nicht, doch sollte es dies im eigenen Interesse sein. Diese Transformation wird nicht ohne Schwierigkeiten und Rückschläge gelingen, aber sie muss in Angriff genommen werden. Dann gelingt es vielleicht sogar – möglichst im Verbund mit anderen – einen neuen Typus von Einwanderungsland zu schaffen, einen Typus für das 21. Jahrhundert.


 

Weblinks
„Hybris” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Meinhard Miegel

Meinhard Miegel

Meinhard Miegel, geboren 1939 in Wien. 1977 bis 2008 Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn (IWG). Seit 2007 Vorstandsvorsitzender des „Denkwerk Zukunft. Stiftung kulturelle Erneuerung” in Bonn. Beiratsmitglied zahlreicher wissenschaftlicher Einrichtungen, ständiger Berater von Politik und Wirtschaft. Sein Buch Hybris erschien 2014 im Propyläen Verlag.

Foto: © Doris Poklekowski

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