Descartes und der Brexit: die Notwendigkeit der Gewissheit in einer Welt nach der Wahrheit

Die Leave-Kampagne um Boris Johnson und Michael Gove hat Tatsachen verzerrt, um den Brexit möglich zu machen, sagt List-Autorin Guinevere Glasfurd. Um dem entgegenzuwirken, dürfen wir uns aber nicht über sie lustig machen, sondern müssen mit Fakten argumentieren – nach der Argumentationsweise des Philosophen René Descartes: cogito ergo sum.

von Guinevere Glasfurd

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Die meisten Tage beginne ich mit dem Lesen der Nachrichten, aber als ich mich kürzlich mit einer Brexit-Schlagzeile über die „Unverhandelbarkeit des Nicht-Verhandelbaren“ konfrontiert sah, gab ich mich geschlagen. Ich hielt es nicht länger aus. Zu deprimiert, um weiterzulesen, schloss ich den Tab.

Brexit heißt Brexit, verkündet die britische Premierministerin Theresa May. Sie sagt das mit einer solchen Entschlossenheit, einer solchen Autorität, dabei weiß weder sie noch sonst jemand wirklich, was Brexit heißen und schon gar nicht wie er aussehen wird.

Vielleicht liegt es an mir. Ich habe für den Verbleib in der EU gestimmt. Vielleicht verschließe ich mich der Realität, bin ich eine schlechte Verliererin. Werde ich nicht damit fertig. Das will ich sogar zugeben.

In Kübler-Ross‘ fünf Phasen der Trauer, die sich auf jedes einschneidende Lebensereignis anwenden lassen, durchläuft man für gewöhnlich Phasen der Leugnung, des Zorns, der Depression und anschließend der Verhandlung, bevor man schließlich einen Zustand des Akzeptierens erreicht.

Also gut. Ich kann bestätigen, dass ich an den meisten Tagen seit dem EU-Referendum, in dem die britische Öffentlichkeit mit 52 zu 48 Prozent für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU gestimmt hat, zornig gewesen bin.

Deprimiert? Ja. Auch daran kann ich einen Haken machen.

Ein Zustand des Akzeptierens? Ich habe nicht vor, ihn in absehbarer Zeit zu erreichen.

Und warum sollte ich auch? Die Briten sind übers Ohr gehauen worden. Die Leave-Kampagne hat im Kampf um die Herzen der Wähler die emotionale Karte gespielt. Michael Gove, seinerzeit Minister im konservativen Kabinett und führender Streiter für den Austritt, verspottete bekanntermaßen den faktenbasierten Ansatz der Remain-Kampagne. „Die Menschen in diesem Land haben die Schnauze voll von Experten“, ließ er wissen.

Die Kernaussage der Leave-Kampagne, dass das Vereinigte Königreich jede Woche 350 Millionen Pfund an die Europäische Union überweise, wurde wieder und wieder in Frage gestellt. Die Statistikbehörde des Vereinigten Königreichs nannte die Zahl „irreführend“ und warnte vor einem Untergraben des Vertrauens in offizielle Statistiken.

Hat sich die Leave-Kampagne darum geschert? Kein bisschen. Sie fuhren damit fort, die Tatsachen zu verzerren, sich zu winden und an ihrer Märchengeschichte zu stricken, indem sie im Stile Donald Trumps die Forderung aufstellten, Britannien wieder groß zu machen, und die Angst vor Zuwanderung schürten.

Die Analysten haben seither das Zeitalter der „Post-Wahrheit-Politik“ ausgerufen, in dem die Emotion die Wahrheit übertrumpht (sorry!). Der Journalist Michael Deacon brachte die Lage auf den Punkt: „Fakten sind negativ. Fakten sind pessimistisch. Fakten sind unpatriotisch“.

Sollten wir das akzeptieren? Nein, sollten wir nicht.

Und das führt mich auf absolut unerwartete Weise zu Descartes.

Descartes. Französischer Philosoph des siebzehnten Jahrhunderts, Einwohner der Niederlande, vielleicht am bekanntesten für seinen Ausspruch cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich.

Wenn wir etwas zu oft sehen oder hören, verliert es manchmal seine Wirkung. Die Bedeutung schwindet. Denken Sie nur an van Goghs Sonnenblumen, die sich unendlich oft auf Bechern, Platzdeckchen oder Schlüsselanhängern wiederfinden. Aber stellen Sie sich vor das Gemälde, und Sie werden es wieder mit neuen Augen sehen.

Cogito ergo sum: oft gebraucht, aber was genau heißt das?

Descartes lebte in einer zutiefst abergläubischen Zeit, als Frauen bei lebendigem Leibe als Hexen verbrannt wurden und man für jede noch so kleine Meinungsverschiedenheit mit der katholischen Kirche der Ketzerei beschuldigt werden konnte. Und doch war es auch eine Zeit des Umbruchs. Das heliozentrische Weltbild des Kopernikus, das der Sonne und nicht der Erde den Platz im Zentrum des Universums zuwies, begann sowohl durch Galileo als auch durch Descartes an Rückhalt zu gewinnen. Galileo wurde dafür unter Hausarrest gestellt und ordnete an, seine Schriften zu verbrennen. Auch Descartes war nahe daran, seine Arbeiten zu zerstören, und entschied sich gegen eine Veröffentlichung seiner Abhandlung über die Welt, weil er fand, dass die Welt noch nicht dafür bereit sei.

Der Aristotelismus – eine Weltsicht, die sich auf die Sinne gründete – dominierte noch immer das intellektuelle Denken. Descartes erkannte hingegen, ganz wie wir heute, dass die Sinne täuschen. Wenn aber die Sinne täuschen und man ihnen nicht trauen kann, wie sollte die Welt dann verstanden werden? Was konnte tatsächlich als wahr gelten? War überhaupt irgendetwas gewiss?

Gewissheit war Descartes wichtig. Um herauszufinden, was gewiss sei, hinterfragte er jede Annahme, bis er mit seiner Methode des Zweifels zu dem Punkt gelangte, an dem er eindeutig feststellen konnte: Das weiß ich mit Sicherheit. Nur von diesem einen Punkt, der stärksten Grundlage aus, war es möglich, weiter zu gelangen und aufeinander aufbauend, schrittweise Wissen zu entwickeln. Um sicher zu sein, durfte das Wissen nicht anzweifelbar sein.

Ich denke, also bin ich: Descartes wusste, dass er dachte. Er konnte nicht daran zweifeln, also musste er existieren. Seine Gedanken konnten nicht ohne ihn, der sie dachte, existieren. Einfach, wortgewandt, tiefgreifend. Mutig, trotzig, gewiss.

Warum ist das wichtig? Weil Descartes‘ Argumentationsweise uns gelehrt hat, die Welt auf eine bestimmte Weise zu begreifen. Es handelt sich um eine grundlegende Abkehr von einem auf Sinneseindrücken beruhenden Verständnis und um die Hinwendung zu einem Wissen, das auf rationale Einsicht fußt, auf einem Faktum.

Hier mal ein Beispiel für ein Faktum. Es haben schon immer Menschen Grenzen überschritten und sich zwischen verschiedenen Ländern bewegt. Descartes war einer von ihnen. Er verbrachte die längste Zeit seines Erwachsenenlebens in der Republik der Vereinigten Niederlande. Er war ein Migrant, und die Niederlande boten ihm Zuflucht in einem von Krieg und religiöser Intoleranz gezeichneten Kontinent. Sie waren vergleichsweise tolerant und gaben Descartes einen Ort, um zu denken und zu arbeiten. Sie haben uns einen der wichtigsten Denker der Welt geschenkt.

Descartes wiederum hat uns ein Mittel an die Hand gegeben, die Wahrheit zu bestimmen; ein Mittel, um sich gegen Lügner und Leugner, gegen Schwätzer und Idioten zur Wehr zu setzen. Michael Gove und andere sind vielleicht erfolgreich gewesen, aber sie sollten sich was schämen.

Es reicht allerdings nicht, sich über ihren Anti-Intellektualismus verächtlich zu machen. Es ist an uns, die Wahrheit zu würdigen. Und sie zu verteidigen.


 

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Guinevere Glasfurd

Guinevere Glasfurd ist im bergigen Norden Englands aufgewachsen, doch jetzt lebt sie in einer der flachsten Gegenden der Welt, am Rand der Fens nahe Cambridge, gemeinsam mit Ehemann, Tochter und zwei Katzen. Sie ist die Autorin von Worte in Meiner Hand. Ihr Debütroman, der die geheime Beziehung zwischen der holländischen Magd Helena Jans und dem französischen Philosophen René Descartes erzählt, ist im August 2015 bei Ullstein erschienen. Im November 2016 erscheint er außerdem als Taschenbuch.

Foto: © Stefano Masse

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