Der Tod: Faszination und Schrecken inmitten unserer Gesellschaft

Der Absturz des Fluges 4U9525 war eine unvorstellbare Nachricht für die Hinterbliebenen und ein Stich ins Herz unserer Gesellschaft. Neben vielen offenen Fragen, die diese Katastrophe mit sich bringt, zwingt sie uns auch, uns mit dem Tod auseinanderzusetzen, etwas, das wir für gewöhnlich systematisch verdrängen und verleugnen. Dabei ist der Tod die einzige Gewissheit, die uns seit unserer Geburt begleitet und sich eben nicht endgültig verdrängen lässt.

von Benjamin Krämer

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Seit Bekanntwerden des Flugzeugabsturzes gibt es in den Rundfunk- und Sozialmedien kein anderes Thema mehr. Einige wenige neue Erkenntnisse scheinen auszureichen, um eine unüberschaubare Lawine an Spekulationen und Streitfällen darüber ins Rollen zu bringen, wie denn nun menschlich und pietätvoll auf die Katastrophe und das Leid der Angehörigen zu reagieren sei.

Wenn ich Klienten und Seminarteilnehmer frage, was ihre größte Angst im Leben ist, nennen sie fast immer den Tod. Wenn ich sie dann nach ihren Unterhaltungsgewohnheiten frage, nennen viele Fernsehen oder Lesen. Am besten einen richtig guten Krimi – „Hauptsache es gibt eine Leiche“, sagte eine Dame einmal. Wir scheinen uns über die Medien, seien es reale Katastrophenszenarien oder das fiktive Lebensende auf dem Bildschirm, den Tod wieder als notwendiges Thema in unsere Mitte zu holen. Doch wann ist der Tod einmal ein echtes Thema am Küchentisch oder beim nachmittäglichen Kaffee?

Wir haben viel Routine darin, alles, was mit dem (realen) Sterben zusammenhängt, zu verdrängen. Am besten sichtbar ist das an unserem Umgang mit den Toten, die wir gerne außer Sichtweite zuerst in Kranken- und dann in Leichenhäuser abschieben, damit sie dort nach Möglichkeit ungesehen bleiben. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, heißt die Devise. Das ist erschreckend. Warum gibt es keine Totenwachen mehr? Warum nehmen wir uns kein Beispiel an buddhistischen Mönchen, die die Nähe zu Verstorbenen suchen, um sich ihre Vergänglichkeit zu vergegenwärtigen und darüber zu meditieren?

Anstatt den Tatsachen ins Auge zu blicken und Frieden mit dem Ende unserer Lebenszeit zu schließen, richten wir unsere Faszination und Abscheu über unser unausweichliches Schicksal auf klassische Abwehrreaktionen. Mit dem Absturz des Flugs 4U9525 tritt das deutlicher denn je zu Tage. Die Medien füttern unsere Gier nach neuer Nahrung für unsere Geschichten im Kopf mit immer neuen Bildern von Trümmern, weinenden Angehörigen und Spekulationen über die Motive und Ursachen für den Tod so vieler Menschen.

Um der eigenen Ohnmacht, die meiner Erfahrung nach für Menschen am schwersten auszuhalten ist, zu begegnen, richten wir unseren Aktionismus dann schnell auf die Öffentlichkeit. Handfeste Streits, besonders in der (gefühlten) Anonymität von Facebook und Twitter sind Zeugen solchen Verhaltens: Die Medien seien an allem schuld, pietätlos, aufdringlich und sensationsgeil. Dabei handeln diese Medien nach Leser- und Zuschauernachfrage. Wir sollten uns alle die Frage stellen: Warum schaue ich mir all das jeden Tag im Detail an? Warum wird bei einem deutschen Boulevardblatt das Bild von trauernden Angehörigen zum meistgeklickten Link im Netz? Wir sind süchtig nach Geschichten über Leid und Tod. Es scheint eine Art Hassliebe zu sein, die immer zwischen Faszination und Schrecken hin und her pendelt. Wir füttern sie mit Gruselgeschichten im Fernsehen oder den inneren Bildern zu einer Katastrophennachricht.

Für mich steht fest: Hier ist etwas passiert, das uns allen wieder vor Augen geführt hat, dass unser Leben jederzeit zu Ende gehen kann. Das können wir weder berechnen noch verhindern. Was zählt, ist unser Umgang mit dieser Tatsache. Damit meine ich jeden einzelnen Menschen, denn die Medien sind immer nur ein Spiegel der Gesellschaft. Der Tod gehört in unsere gesellschaftliche Mitte, muss entmystifiziert und von wenig hilfreichen Geschichten und Meinungen befreit werden, die wir uns in seinem Angesicht gerne erzählen.

Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass die Angehörigen vor großem Leid stehen. Das sollten wir respektieren und ihnen Raum und Respekt entgegen bringen. Doch das geht nur über ein Ende des suchtartigen Verlangens nach immer neuem Futter für unsere Kopfgeschichten. Alles andere sind Spekulationen zu einem Thema, über das wir alle nichts wissen, außer, dass es uns mit Sicherheit selbst begegnen wird. Wann und wie? Das weiß niemand. Diese Erkenntnis sollte uns verbinden und nicht in den inneren Widerstand gegen das Schicksal treiben, das sich nicht darum kümmert, was wir davon halten. Gerade in der weltweiten Anteilnahme und der rührenden Hilfe der Anwohner am Absturzort, die den Hinterbliebenen Unterkunft und Unterstützung anbieten, scheint der Geist unserer humanistischen Gesellschaft durch. Das ist berührend und gibt im Angesicht des Tragischen neue Hoffnung. Nun sollten wir diesen humanistischen Geist und unser Mitgefühl auch anderen Teilen der Welt zukommen lassen, von denen wir nicht direkt betroffen sind.


 

Weblinks
Benjamin und Raphael Krämers Website mit Infos zu Seminaren und Coaching
„Über das Selbst hinaus. Glücklich mit sich und anderen in drei Schritten“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Benjamin Krämer

Benjamin Krämer

Benjamin Krämer, Jahrgang 1986, hat bereits während seines Kommunikationsstudiums als Dozent am Bildungszentrum Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen/Holthausen gearbeitet. Er ist Kommunikationstrainer und Sprecher und veranstaltet mit seinem Bruder Raphael Krämer regelmäßig Seminare zum Thema Lebensfreude und Glück. Ihr gemeinsames Buch „Über das Selbst hinaus“ ist im Allegria Verlag erschienen.

Foto: © privat

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Ein Kommentar

  1. Lieber Benjamin,
    Du sprichst mir aus dem Herzen!!
    Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ist wahrlich schwer. Und eins der größten Geschenke, die ich je erhalten habe! Es relativiert vieles, verändert noch viel mehr und lässt mich das Leben neu erfahren. Als Geschenk, das es lohnt, gelebt zu werden. Und mein Blick richtet sich immer mehr nach vorne, zur Schönheit des Moments.
    Ich würde vielen Menschen wünschen, das sie dieses wunderbare Geschenk des Lebens sehen und leben könnten, anstatt über das (unvermeindliche) Ende zu spekulieren und vor lauter Angst davor den jetzigen Augenblick zu verpassen!
    Von Herzen, Heide

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