Der 8. Mai 1945 – Tag der Befreiung?

Vor 70 Jahren unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Urkunde zur bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Der Zweite Weltkrieg war für das Deutsche Reich damit beendet, das Datum wurde zum Symbol für das Ende der Kriegsschrecken. Der 8. Mai 1945 – ein Tag der Befreiung? Nicht für die Ostdeutschen, sagt Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

von Hubertus Knabe

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Titelseite der Ruhr Zeitung vom 12. Mai 1945 (PD)

Es gibt historische Momente, bei denen Anfang und Ende fast auf denselben Tag fallen: Am frühen Morgen des 9. Mai 1945 unterzeichnete das Oberkommando der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches – die Herrschaft der Nationalsozialisten war damit beendet. Fast zeitgleich befahl die sowjetische Geheimpolizei, im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen ein Lager einzurichten – ein Lager, aus dem bald die zentrale Untersuchungshaftanstalt des sowjetischen und später des deutschen Staatssicherheitsdienstes hervorging. Das Ende der Nazi-Herrschaft war im Osten Deutschlands damit zugleich die Geburtsstunde einer neuen Diktatur.

Nirgendwo sonst wird das so deutlich wie an den nationalsozialistischen Lagern und Gefängnissen in Ostdeutschland, die – wie in den KZs Buchenwald und Sachsenhausen – bald mit neuen Häftlingen gefüllt wurden. Mancher Sozialdemokrat fand sich im selben Lager wieder, in dem er schon unter den Nazis saß. Sogar die aus deutscher Knechtschaft befreiten sowjetischen Soldaten und Zivilisten landeten als angebliche Verräter zu Hunderttausenden im Gulag. In ganz Ost- und Mitteleuropa installierten sowjetische Statthalter damals mit Unterstützung nationaler Kommunisten diktatorische Regime, die das Leben von Millionen Menschen zerstörten. Nicht der 8. Mai 1945 brachte den Ostdeutschen deshalb die Freiheit, sondern erst der 9. November 1989, als in Berlin die Mauer fiel und das Regime der SED zusammenbrach.

Gleichwohl hat es sich in Deutschland eingebürgert, das Ende des Zweiten Weltkrieges pauschal als Befreiung zu bezeichnen. Das Bundesland Brandenburg, das unter dem sowjetischen Einmarsch und der nachfolgenden kommunistischen Herrschaft besonders gelitten hat, hat erst vor wenigen Tagen den 8. Mai offiziell zum „Tag der Befreiung“ erklärt. Die gleiche Bezeichnung trug er auch in der DDR, von deren gestürzten Funktionären heute eine ganze Reihe in der brandenburgischen Landesregierung und im Parlament sitzt.

Dabei wird nicht nur unterschlagen, dass das Kriegsende den Ostdeutschen keineswegs die Freiheit gebracht hat. Es wird auch der Eindruck erweckt, die Deutschen seien nicht Täter, sondern Opfer der Nazi-Herrschaft gewesen, die 1945 sehnlichst auf ihre Befreier gewartet hätten. Das trifft jedoch nur für eine verschwindende Minderheit zu, die in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern um ihr Leben bangte, oder die mit dem NS-Regime nicht einverstanden war. Die Mehrheit der Deutschen hielt Hitler dagegen bis zuletzt die Treue, was sich nicht zuletzt in einem verbissenen militärischen Widerstand niederschlug.

Die viel gerühmte Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der 1985 den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ bezeichnete, ist deshalb auch als sehr persönlicher Versuch zu deuten, sich der Last eigener familiärer Verstrickungen zu entledigen. Sein Vater war Staatssekretär im NS-Außenministerium und Brigadeführer der Allgemeinen SS, der wegen Mitwirkung an den Deportationen französischer Juden nach Auschwitz in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Der spätere Bundespräsident trat in diesem Prozess als Hilfsverteidiger auf und plädierte auf Freispruch. Indem er die militärische Niederlage der Nationalsozialisten zur Befreiung erklärte, standen die Deutschen plötzlich auf der anderen Seite der Geschichte – ein Entlastungsmechanismus, der in der DDR zur Staatsdoktrin wurde und der auch im wiedervereinigten Deutschland wirksam ist.

Doch selbst die westlichen Alliierten, die den Westdeutschen nach 1945 tatsächlich schrittweise die Freiheit brachten, sahen sich nicht als Befreier. Nach der Direktive JCS (Joint Chief of Staff) 1067, die der amerikanische Präsident Harry S. Truman am 10. Mai 1945 billigte, war Deutschland „nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat“. Das Deutsche Reich musste bedingungslos kapitulieren und wurde vollständig von fremden Truppen besetzt.

Folgerichtig wurden die Deutschen auch in den westlichen Zonen nicht als Befreite, sondern als Besiegte behandelt. Jede politische Betätigung musste genehmigt werden, das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde außer Kraft gesetzt. Die Entscheidungsgewalt übten ausschließlich die militärischen Oberbefehlshaber der Alliierten aus. Die Situation im Frühjahr 1945 ähnelte eher einer von ausländischen Mächten errichteten Militärdiktatur als einem demokratischen Neubeginn. Erst später wurden die Westdeutschen in die Demokratie entlassen, wobei Deutschland seine volle Souveränität erst 1994 erlangte.

Dass historische Momente bewusst oder unbewusst instrumentalisiert werden, ist nicht neu. Gerade wenn sie zur Staatsdoktrin werden, sollte man jedoch misstrauisch werden. Nicht nur in der DDR wurde mit dem Mythos der Befreiung jahrzehntelang eine Diktatur legitimiert. Auch in Russland spielt die Würdigung des glorreichen Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“ eine Schlüsselrolle in der Propaganda des autoritären Präsidenten Waldimir Putin. Auch dieses Jahr findet dazu in Moskau eine pompöse Militärparade statt. Während das Land international isoliert und wirtschaftlich am Boden ist, sonnt man sich in vergangenen militärischen Erfolgen.

Die Deutschen tun gut daran, sich von solcher Mythenbildung fernzuhalten. Für sie sollte der 8. Mai vor allem ein Tag der Scham und der Trauer sein. Über 50 Millionen Menschen kamen durch die Politik der damaligen deutschen Regierung ums Leben – eine Last, die zu einer differenzierten und realistischen Sicht der Geschichte verpflichtet. Damit sie sich nie mehr wiederholen kann.


 

Weblinks
Die offizielle Website der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Hubertus Knabe auf Twitter
„Tag der Befreiung“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Hubertus Knabe

Hubertus Knabe

Hubertus Knabe, geboren 1959, ist wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Von 1992 bis 2000 war er in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (Gauck-Behörde) tätig. Knabe gehört zu den profiliertesten Historikern der Bundesrepublik, die sich der Aufarbeitung der SED-Diktatur widmen. Er ist Verfasser des Buches „Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland“.

Foto: © privat

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2 Kommentare

  1. Herr Knabe schüttet wieder mal seinen Schmutzkübel aus. Er sollte mal einen Tag in einen Schützengraben verpflichtet werden.
    Übrigens, der Vater vom jetzigen Bundespräsidenten war auch nicht nur ein „einfacher“ Kapitän eines Fischkutters.
    Und die Verurteilung mit Haftlager in der Sowjetunion hatte sicherlich auch seine Gründe.

    HDA

    Antworten

    1. AMMER:,, Genau die DDR war ein wunderschöner Ort wo Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden gelebt wurde.“
      Von welchen Planeten kommen Sie? !!! Wandlitz oder woher?

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