DAX-Höhenflug: Überlegst du noch oder verkaufst du schon?

Den Crash von 2008 hat Max Otte als einer der wenigen vorausgesagt. Beim momentanen Hoch des DAX weiß niemand so recht, wie es weitergehen wird, und Anleger wissen nicht: noch einsteigen oder schon verkaufen?

von Max Otte

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Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse (Foto: Eva K. via Wikimedia Commons/CC BY-SA 2.5)

Der DAX ist auf einem neuen Allzeithoch. Viele Privatanleger wissen nicht, ob sie noch einsteigen oder schon verkaufen sollen – frei nach dem abgewandelten Motto eines schwedischen Möbelhauses: „Überlegst Du noch oder verkaufst Du schon?“

Obwohl der DAX mittlerweile teuer ist, kann man noch nicht wirklich von Blasenbildung sprechen. Noch immer sind viele Aktien attraktiv, insbesondere im Vergleich zu den Anlage-Alternativen.

Generell sind die meisten Anleger aber schwer verunsichert. Kürzlich sprach ich auf dem Unternehmertag am Tegernsee zur neuen Dimension der Krise. Vor ziemlich genau sechs Jahren, am 2. April 2009, hatte ich auf derselben Tagung die Aktie Henkel vorgestellt. Deren Kursplus bis heute liegt bei 380 Prozent. Auf dieser handverlesenen Konferenz traf ich auf einen gestandenen Privatkundenberater mit eigenem Fonds, mit dem ich die Situation bei Anlegern diskutieren konnte. Seine Meinung: „Die Leute draußen werden immer verrückter. Sie agieren immer kopfloser und hektischer und schieben sämtliche Verantwortung auf die Berater. Vor Weihnachten fuhr zum Beispiel einer der Kunden meines Kollegen in den Urlaub und bat ihn, das Risikomanagement für seinen Fonds zu übernehmen. Der Berater verkaufte in der Schwächephase einen Teil des Investments. Nun steigen die Aktien. Und der Kunde will Schadenersatz. Ein anderer Kunde bat um Nachricht, wenn mein Kollege voll investiert sei. Gefragt warum, sagte er, dass er dann verkaufen werde. Anscheinend sah er den Optimismus seines Beraters, von dem er betreut wurde, als Kontraindikator an. Völlig verrückt.“

Die Produkte des Milliardenbetrügers Bernie Madoff hingegen verkauften sich nach einiger Zeit auch wie verrückt ‒ weil sie eben immer nur stiegen. Langsam und kontinuierlich zwar, aber immer weiter. Diese Produkte wurden damals auch von den Kunden meines oben genannten Kollegen nachgefragt, der zuerst nicht mitmachen wollte. Auf hartnäckiges Drängen einiger Kunden aber legte er Madoff-Produkte in deren Depots, nicht ohne sich ausdrücklich das Risiko eines Totalverlustes bestätigen zu lassen. Er fuhr sogar zur Medici-Bank nach Wien, die massiv in den Vertrieb von Madoff-Produkten eingebunden war, um sich Depotaufstellungen und Abrechnungen zeigen zu lassen. Das Mobiliar war edel. Im Konferenzraum standen sechs Telefone, die häufiger klingelten, so dass der Verkäufer immer mal wieder mit New York sprechen musste. Der Verkaufsprospekt war in Leder gebunden. Zwischendurch wurde mein Kollege herablassend gefragt, wieviel er denn nun investieren wolle. Es wurden ihm solide Depotaufstellungen vorgelegt. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass diese alle gefälscht waren.

Im Endeffekt wurde er wurde von seinem Instinkt gerettet: Kurz vor dem Kollaps des Madoff-Betrugs verkaufte er alle Produkte.

Aber wie viele Menschen draußen kaufen eine Kapitalanlage erst dann, wenn sie seit einiger Zeit kontinuierlich gestiegen ist? Der DAX ist jetzt leicht überbewertet. Ich hatte öffentlich geäußert, dass ich mir durchaus Indexstände um 12.000 oder 13.000 Punkte vorstellen kann. Vielleicht steigt der Index noch deutlich höher. Und doch werden wieder viele Menschen auf die Nase fallen. Denn wie immer werden die meisten Anleger erst kaufen, wenn der Markt bereits heiß gelaufen ist ‒ und dann die kommende Baisse voll mitmachen.


 

Max Otte

Max Otte

Max Otte ist Professor für allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms und Leiter des von ihm gegründeten Finanzanalyseinstituts IFVE Institut für Vermögensentwicklung GmbH in Köln. Seit Frühjahr 2011 lehrt er zusätzlich an der Karl-Franzens-Universität Graz. Sein Buch Der Crash kommt, in dem er die Finanzkrise 2008 vorhersagte, wurde zu einem Bestseller. Seine aktuelle Streitschrift Rettet unser Bargeld! erscheint am 20. April 2016 bei Ullstein.

Foto: © privat

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