Die Brexit-Breakfast-Konferenz der Buchhändler

Nach dem Brexit regiert auch in der britischen Verlagswelt die Unsicherheit: Mehrwertsteuer, Urheberrecht – wie geht es weiter? Literaturscout Naomi Tongue war Teil einer Diskussionsrunde zum Thema und hat einige Standpunkte zur Zukunft der Buchbranche in Großbritannien zusammengefasst.

von Naomi Tongue

brexit_jeff-djevdet_flickr_ccby20Foto: Jeff Djevdet on Flickr.com, CC BY 2.0, https://speedpropertybuyers.co.uk/

Angesichts des Referendums von Ende Juni über die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der EU, das mit einem Ergebnis von 52 zu 48 Prozent für den Austritt aus der Europäischen Union ausging, versammelte sich Anfang Juli eine Diskussionsrunde in den Geschäftsräumen der auf geistiges Eigentum spezialisierten Anwaltskanzlei Harbottle & Lewis, um über die möglichen Folgen dessen zu diskutieren, was allgemein als Brexit bezeichnet wird.

Der zentrale Begriff an diesem Morgen war „Unsicherheit“: Wie wird sich das Konsumverhalten in Großbritannien entwickeln, was wird aus der multinationalen Arbeitnehmerschaft in unserem Land, den Investitionen aus dem In- und Ausland oder den Beziehungen zwischen der britischen Verlagsbranche und unseren europäischen Kollegen, wenn wir erst einmal nicht mehr Teil der EU sind? Angesichts der Tatsache, dass kein einziger Politiker – weder im Leave- noch im Remain-Lager – auch nur die geringste Ahnung zu haben scheint, was nun zu tun ist, bleibt uns zu diesem Zeitpunkt nichts anderes übrig, als mit der einzigen Gewissheit, der Schwäche des britischen Pfunds, zu arbeiten und zu hoffen, dass mit diesem Rückschlag die Chance einhergeht, all jene Probleme anzugehen, die von Brüssel nicht zufriedenstellend behandelt worden sind.

Zu Beginn der Diskussionsrunde hob die Harbottle & Lewis-Teilhaberin Shireen Peermohamed hervor, dass der Brexit aus rechtlicher Sicht ein langer und schwieriger Prozess sein wird. Und obwohl wir in der Zwischenzeit nach der Devise „business as usual“ verfahren müssen, empfahl Peermohamed der Branche, eine eigene Agenda zu entwickeln. Schließlich sei davon auszugehen, dass in einer Post-Brexit-Welt alles, was zuvor von der EU geregelt wurde – einschließlich der Mehrwertsteuer und des Urheberrechts – zur Diskussion stehen wird. Später bestätigte Peermohamed, dass die Untersuchungen der EU zur Wettbewerbssituation auf dem E-Book-Markt von den jüngsten politischen Entwicklungen unberührt geblieben sind und unverändert fortgesetzt werden.

Wie von seinen Mitgliedern gewünscht, nahm der britische Verlegerverband The Publishers Association im Vorfeld des Referendums eine politisch neutrale Position ein. Die für Strategie und Kommunikation zuständige Susie Winter sprach von der Unausweichlichkeit des Brexits und bekräftigte Peermohameds Einschätzung, dass die Loslösung des Vereinigten Königreichs von der Europäischen Union auch Chancen mit sich bringe, indem sie es der britischen Regierung beispielsweise erlaube, Probleme wie die Produktpiraterie in Zukunft effektiver zu bekämpfen. Trotz ihrer optimistischen Haltung machte Winter umgehend darauf aufmerksam, dass sich viele Verlage große Sorgen hinsichtlich des Brexits machten, so etwa über den Status ihrer europäischen Arbeitnehmer, das Gewicht der britischen Stimme in den Vertragsverhandlungen und die Auswirkungen des Rückzugs aus der EU-Förderung auf die Forschung sowie dessen Folgewirkung auf wissenschaftliche Veröffentlichungen. Winter bestand darauf, dass es für die Verlagsbranche wichtig sei, sich gemeinsam mit den anderen kreativen Branchen für die eigenen Interessen einzusetzen und „sicherzustellen, dass wir den besten Deal mit nach Hause nehmen und das Vereinigte Königreich weiterhin über eine starke Stimme in der Welt verfügt“.

Neil Morrison, Group Human Resources Director bei Penguin Random House, bestätigte alsbald, was viele von uns längst wissen: Migranten spielen in der Wirtschaft des Vereinigten Königreichs eine große Rolle, wobei etwa die Hälfte der Einwanderung aus anderen europäischen Ländern stattfindet. Sollte die Regierung nicht vorhaben, die Wirtschaftsleistung des Landes zu reduzieren, was als äußerst unwahrscheinlich gelten darf, wird das Vereinigte Königreich weiterhin auf zugewanderte Arbeitskräfte angewiesen sein. Je nachdem, ob wir auch in Zukunft am europäischen Binnenmarkt teilnehmen werden, was wahrscheinlich die Personenfreizügigkeit mit einschließen würde, werden wir ein System brauchen, das die Zuwanderung regelt. Morrison sprach sich deutlich gegen das australische Punkteystem aus, da es langsam und oftmals ungerecht sei. Er betonte auch, dass die Beschäftigungskriterien in der Kreativwirtschaft sich von denen anderer britischer Branchen stark unterscheiden und dass es zwingend notwendig sei, sicherzustellen, dass ein eventuelles neues Visa-System auch für uns funktioniert.

Die Veranstaltung beschäftigte sich größtenteils mit pragmatischen, wenngleich hypothetischen Gesichtspunkten. Alessandro Gallenzi, Verleger von Alma Books, brachte als Erster die psychologische Wirkung des Brexits zur Sprache. Nachdem er darauf hingewiesen hatte, dass im Vereinigten Königreich mehr übersetzte Belletristik denn je veröffentlicht wird, stellte er heraus, dass Großbritannien als selbstbezogen und abspalterisch wahrgenommen werden könnte. Er betonte die Bedeutung des freien Gedankenaustauschs und hob hervor, dass die Interaktion mit unseren europäischen Pendants jetzt notwendiger denn je ist.

Die Literaturagentin Lizzy Kremer erinnerte die Runde daran, dass wir den Autoren in diesen Krisenzeiten ein Gefühl der Sicherheit vermitteln müssen. Ein anderer Punkt, den sie anführte, war die Konzentration auf das, was an der Marke „britisch“ besonders ist; man müsse herausfinden, was an britischen Stimmen einzigartig ist, und hart daran arbeiten, dies zu fördern. Schließlich sagte sie, dass wir darauf achtgeben sollten, es mit dem Gerede über eine Rezession, die wohl weniger schwerwiegend als 2008 ausfallen wird, nicht zu übertreiben.

Trotz der Ablösung David Camerons durch Theresa May als Premierministerin bleibt vieles im Ungewissen. Fest steht allerdings, dass wir als Branche die Botschaft verbreiten müssen, dass unsere Vorstellungen erstens bei der Neugestaltung unseres Landes und seinem Verhältnis zum Rest der Welt eine Rolle zu spielen haben und dass wir zweitens auch weiterhin, sowohl kulturell als auch wirtschaftlich, Teil dieser Welt sein wollen. Wie sich das gestalten wird, kann nur die Zeit zeigen.


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Naomi Tongue lebt in London und arbeitet dort als Literaturscout für die Agentur Louise Allen-Jones.

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