Bikini-Atoll: J. Robert Oppenheimer und die US-Nukleartests

Vor 70 Jahren starteten die USA im pazifischen Ozean eine Reihe von Nukleartests – ein Jahr, nachdem zwei Atombomben die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki komplett zerstörten. J. Robert Oppenheimer, einer der führenden Forscher in der Entwicklung der Bombe, kritisierte die Tests scharf, wodurch er zunehmend in Konflikt mit der Politik geriet.

von Kai Bird und Martin J. Sherwin

Am 1. Juli 1946, vierunddreißig Sekunden nach 9 Uhr morgens, explodierte die vierte Atombombe der Weltgeschichte über dem Bikini-Atoll im Gebiet der Marshall-Inseln im Pazifik. Eine Flotte schrottreifer Kriegsschiffe der US Navy wurde entweder versenkt oder einer mörderischen Strahlung ausgesetzt. Viele Kongressabgeordnete, Journalisten und Diplomaten aus zahlreichen Ländern – auch aus der Sowjetunion – wurden Zeugen dieses Tests. Zu den Wissenschaftlern, die eingeladen wurden, zählte auch Oppenheimer. Er blieb dem Schauspiel demonstrativ fern.

Diesen Entschluss hatte der immer tiefer enttäuschte Oppenheimer bereits zwei Monate zuvor gefasst. Am 3. Mai 1946 schrieb er an Präsident Truman – vordergründig um seine Absage zu erklären. Tatsächlich aber wollte er mit diesem Brief Trumans Haltung überhaupt in Frage stellen. Nicht nur er, so heißt es einleitend, hege „bösen Ahnungen“, sondern viele andere Naturwissenschaftler auch. Dann, mit einer vernichtenden Logik, attackierte er das ganze Manöver. Sollte der Zweck der Tests sein, die Wirkung von Atomwaffen im Seekrieg zu erproben, dann sei die Antwort ganz einfach: „Wenn eine Atombombe einem Schiff, auch einem sehr großen, nahe genug kommt, dann wird sie es versenken.“ Man müsse nur die Entfernung der Bombe zu dem Schiff bestimmen – und die könne man berechnen. Die Planungskosten der Tests lägen sicher nicht unter 100 Millionen Dollar. „Für weniger als ein Prozent davon »könnte man nützlichere Informationen bekommen.“ Sollten die Tests darüber hinaus wissenschaftliche Daten über Strahlungseffekte auf die Ausrüstung der Schiffe, auf Verpflegung und Tiere erbringen, so ließen sich auch diese „durch einfache Labormethoden“ billiger und genauer beschaffen. Die Befürworter der Tests behaupteten, dass „wir auf die Möglichkeit eines Atomkriegs vorbereitet sein“ müssten. Sollte dies die eigentliche Absicht hinter den Tests sein, dann müsse doch jedem klar sein, dass „die überwältigende Wirksamkeit der Atomwaffen in ihrem Einsatz zur Bombardierung von Städten liegt“. Und in Bezug darauf erscheine „die ins Einzelne gehende Untersuchung der Zerstörungskraft von Atomwaffen, die gegen Kriegsschiffe eingesetzt werden, trivial“. Schließlich – und dieser letzte war zweifellos Oppenheimers schärfster Einwand – stellte er in Frage, dass „rein militärische Atomwaffentests“ angemessen seien, wenn doch „unser Vorhaben, sie aus nationalen Rüstungsvorhaben auszuschließen, gerade am Anfang steht“. (Die Bikini-Tests fanden fast zeitgleich mit Baruchs Auftritt vor den Vereinten Nationen statt.) Oppenheimer schloss seinen Brief mit dem Hinweis, dass er natürlich in der Kommission des Präsidenten zur Beobachtung der Bikini-Tests hätte bleiben können – doch könne sich der Präsident vielleicht vorstellen, dass es „für mich nicht sehr wünschenswert“ sein könne, nach „Abschluss der Tests einen Bericht einzureichen“, der dem ganzen Manöver kritisch gegenüberstehe. Unter diesen Umständen könne er dem Präsidenten vielleicht anderswo von größerem Nutzen sein.

Sollte Oppenheimer geglaubt haben, Truman mit diesem Brief zu beeindrucken, ihn gar dazu zu bewegen, die Bikini-Tests zu verschieben oder abzusagen, dann hatte er sich geirrt. Anstatt sich mit Oppenheimers Einwänden auseinanderzusetzen, erinnerte sich der Präsident an seine erste Begegnung mit ihm. Er betrachtete den Brief als Affront und leitete ihn an den geschäftsführenden Außenminister Dean Acheson weiter – mit einer kurzen Notiz, in der er Oppenheimer als jenen „Heulsusen-Wissenschaftler“ bezeichnete, der damals gesagt habe, er habe Blut an seinen Händen. „Ich glaube, er hat sich mit diesem Brief ein Alibi zurechtgelegt.“ Tatsächlich war der Brief eine Erklärung persönlicher Unabhängigkeit, und eben damit machte sich Oppenheimer den Präsidenten einmal mehr zum Feind.


Das Buch
Bird-Oppenheimer Cover RZ.inddOppenheimer leitete das streng geheime Manhattan-Projekt in der Wüste von New Mexico, wo am 16. Juli 1945 die erste Atombombe gezündet wurde. Kurz darauf starben in Hiroshima und Nagasaki mehr als 200 000 Menschen durch die neue »Wunderwaffe« – die Menschheit war ins Atomzeitalter eingetreten. Erschüttert von der Zerstörungskraft seiner Schöpfung, engagierte sich Oppenheimer fortan gegen den Einsatz nuklearer Waffen. Das machte ihn im Amerika der McCarthy-Ära verdächtig. Er geriet ins Visier des FBI, wurde als Spion der Sowjetunion verleumdet und musste den Staatsdienst quittieren. Sein Privatleben wurde an die Öffentlichkeit gezerrt, seine Wohnung verwanzt, sein Telefon abgehört. Erst 1963 rehabilitierte ihn Präsident Kennedy.

Über dreißig Jahre hinweg haben die Autoren Interviews mit Oppenheimers Angehörigen, Freunden und Kollegen geführt, FBI-Akten gesichtet, Tonbänder von Reden und Verhören ausgewertet und Oppenheimers private Aufzeichnungen eingesehen. Ihre beeindruckend gründliche Biographie gewährt intimen Einblick in diese charismatische Persönlichkeit, bei der Triumph und Tragik so nahe beieinander lagen.

Links
Die Biografie über J. Robert Oppenheimer auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Kai Bird

Kai Bird

Kai Bird, geboren 1951, arbeitet weltweit als Journalist. Er ist Kolumnist und Mitherausgeber von The Nation und Autor zahlreicher biographischer Bücher.

Foto: © Claudio Vazquez

Martin J. Sherwin

Martin J. Sherwin

Martin J. Sherwin ist emeritierter Professor für angelsächsische Geschichte und wurde mit dem American History Book Prize ausgezeichnet. Beide sind Mitherausgeber der Zeitschrift The Nation. Für ihre Biografie über J. Robert Oppenheimer wurden sie mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.

Foto: © Claudio Vazquez

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