Bastille: Der Zorn des Faubourg

Am 14. Juli 1789 wurde die Pariser Bastille gestürmt – der Auftakt zur Französischen Revolution und für die Franzosen einer der Anlässe, ihren Nationalfeiertag zu begehen. Die Festung wurde abgerissen und schon wenige Jahre später erinnerte nicht mehr viel an das ehemalige Gefängnis. Der Schauspieler und Autor Lorànt Deutsch nimmt uns mit auf Spurensuche an der heutigen Place de la Bastille und lässt die historischen Ereignisse Revue passieren.

von Lorànt Deutsch

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Die Métrostation Bastille unternimmt den ehrenwerten Versuch, uns in die Zeit der Revolution zu versetzen und die bummelnden Pariser nostalgisch zu stimmen: Eine bunte Freske zeichnet einige große Momente der Trikolore nach, und alte Gemälde rufen die Festung in Erinnerung, die einst hier stand. Vor allem aber sind da diese gelblichen Steine, die auf dem Bahnsteig der Linie 5 aus der Wand ragen – es sind die Grundsteine einer Mauer der Bastille! Sie kamen 1905 beim Aushöhlen des U-Bahn-Tunnels zutage. Verlässt man die Métro durch den Ausgang zum Boulevard Bourdon, gibt es ein weiteres Mauerstück der Festung zu entdecken.

Zum Glück bleiben uns diese bescheidenen Überreste, denn hat man die Stufen hinter sich, die an die Oberfläche führen, ist von der großen Revolution nichts mehr zu sehen. Die Bastille von heute ist eine Oper. Der schwerfällige, frühzeitig gealterte Bunker aus Glas und Stein nimmt mit seiner trägen Masse den ganzen Platz in Beschlag. Zum zweihundertjährigen Geburtstag der Einnahme der Bastille erbaut, zerbröckelt er bereits und bräuchte wohl kaum eine Revolution, um seinerseits zu verschwinden. In der Gegend um die Oper sucht man vergeblich nach Spuren der Vergangenheit, genauso erfolglos schlendert man um das Genie der Bastille herum, das auf der grünen Julisäule erstarrte goldene Freiheitssymbol. Doch sieht man auf der Ecke des Boulevard Henri-IV und der Rue Saint-Antoine zu Boden, wird man fündig: Eine braune Pflasterung gibt den genauen Standort der Bastille an. Und an der Nummer 3 des Platzes zeigt ein Plan an der Gebäudefassade seine klobige Gestalt. An der Seine zeugt der Hafen, Port de l’Arsenal, vom Festungsgraben, und einige seiner alten Steine stammen aus der Militärfestung. Schließlich ist da noch auf dem Square Henri-Galli am Ende des Boulevard Henri-IV, immer noch in Richtung Seine, das Fundament der Tour de la Liberté – einer der acht Bastilletürme. Es wurde beim Bau der U-Bahn ausgegraben und dann hierherversetzt.

Doch kehren wir zur Bastille zurück, die nicht auf das Jahr 1789 gewartet hat, um den Volkszorn, die bürgerliche Opposition und die fürstlichen Ambitionen gegen den Absolutismus zu katalysieren. Die Pariser, wir erinnern uns, hatten sich bereits 1413 erhoben und sie eingenommen. Einen erneuten Auftritt in der Geschichte hatte die Bastille im Jahr 1652, als sich die Prinzen der Fronde verschworen und dem jungen Ludwig XIV. die Macht zu entziehen versuchten.

Die Bastille war also lange vor einem gewissen 14. Juli zum Symbol geworden. Man wusste nicht so genau, was darin vor sich ging, doch sie stellte einen Ort der Willkür und der Bedrohung dar. Im Allgemeinen wurden die Gefangenen – nie mehr als vierzig, manchmal weit weniger – respektvoll behandelt. Natürlich! Es handelte sich meist um junge Adelige, die bei ihrer Familie in Ungnade gefallen waren und ein eher angenehmes Gefängnisregime genossen: Sie ließen ihre Möbel anliefern, um etwas mehr Komfort zu haben, gaben Diners und erhielten bei Gelegenheit auch mal die Erlaubnis, tagsüber das Gefängnis zu verlassen, unter der Bedingung, dass sie die Nacht hinter Gitter verbrachten.

Voltaire, Autor eines Pamphlets, das Missfallen erregt hatte, wurde 1717 elf Monate interniert. Zu seiner Entlassung bekam er von Philipp von Orléans, dem Regenten des Reiches, eine Pension von tausend Écus. „Ich danke Eurer Königlichen Hoheit, dass sie für meine Ernährung sorgt, möchte Sie aber bitten, sich künftig nicht mehr um meine Unterkunft zu kümmern”, antwortete er. Nicht alle jedoch kamen in Genuss einer solchen Vorzugsbehandlung. Ein Blick in die Archive lässt erahnen, dass auch abscheuliche Verbrechen stattgefunden haben. »Ich schicke Ihnen den genannten F. Er ist ein äußerst schlechtes Subjekt. Sie behalten ihn acht Tage, danach werden Sie ihn los«, schrieb Antoine de Sartine, Generalleutnant der Polizei, um 1760 dem Gouverneur der Bastille, Bernard de Launay. Der höchst disziplinierte Mann hielt auf demselben Papier fest: „Den genannten F. aufgenommen und nach der festgesetzten Frist bei Monsieur de Sartine erkundigt, unter welchem Namen er begraben werden soll.” Von derartigen Missbräuchen wurde im angrenzenden, starkbevölkerten Faubourg Saint-Antoine schon lange gemunkelt. Und die zahlreichen Handwerker, die im Schatten der hohen grauen Gefängnismauern ihrer Arbeit nachgingen, waren stets bereit, ihrem Unmut Luft zu machen.

Die Festung mag zwar seit langer Zeit verschwunden sein. Doch kann man auf einem Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine noch die letzten Hinterhöfe, wo die Handwerker nach alter Tradition am Werk sind, auskundschaften und den Geruch von Lack und poliertem Holz schnuppern. Hat man auf der Höhe der Nummer 2 des Platzes die Cour Damoye betreten, geht man durch eine Originalpassage aus der damaligen Zeit. Auch das Eckhaus der Rue de Charenton ist ein schöner Überrest dieses brodelnden Viertels: Hier versperrte während der Revolution von 1848 eine enorme Barrikade den Zugang zum Faubourg.

Doch alles ändert sich bekanntlich schnell, und so sind die alten Möbelfabriken in dem Viertel, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts höchst angesagt ist, modischen Brasserien gewichen. Und es sind nicht mehr die Arbeiter, die die Appartements mit Sichtbalken der alten, leicht schiefen Gebäude bewohnen, sondern junge Hipster, die das Städtisch-Authentische zur Lebenskunst erhoben haben.

Im 18. Jahrhundert ist der Faubourg Saint-Antoine kein ganz gewöhnlicher Vorort. Hier können arme Handwerker seit Ludwig XIV. unabhängig von Berufsverbänden frei ihrer Arbeit nachgehen. Kunst- und Möbeltischler, Schuster, Schlosser, Hutmacher leben Seite an Seite, und in den verschlungenen Gassen reihen sich die Läden und Werkstätten aneinander, die sich bis in die Rue de la Roquette, Rue de Charonne und die Rue de Charenton ausdehnen. Den ganzen Tag über wird das Viertel überschwemmt von Karren und Eseln, von Bäuerinnen aus dem Umland, die gekommen sind, um Eier, Milch, Gemüse und Obst von ihrem Hof zu verkaufen, von Köchinnen, die in der Nähe der Quais ihre Geräte aufstellen und unter freiem Himmel Mahlzeiten zubereiten, von Marktweibern, die wegen ihrer Grobheit und Vulgarität gefürchtet sind. Und diese armselige Bevölkerung, die das Straßenbild prägt, obwohl sie von auswärts kommt, nimmt kein Blatt vor den Mund – ist sie es doch, die die Handwerker, wenn wieder mal eine Epidemie, schlechte Ernte oder zusätzliche Steuer droht, auf den gefährlichen Weg des Protests und der Rebellion führt.

Am 27. April 1789 brodelt es im Faubourg. Stein des Anstoßes ist Jean-Baptiste Réveillon, Eigentümer einer Papiertapetenmanufaktur mit Sitz auf einem immensen Gelände in der Rue de Montreuil. Ein paar Tage zuvor hat Réveillon, der seine dreihundertfünfzig Arbeiter gewöhnlich eher großzügig behandelt, der Stadt Paris eine Reihe von Vorschlägen zur Bekämpfung der Armut unterbreitet. Dieser Stegreifökonom, der glaubt, über das Schicksal der Nationen und die Bestimmung der Bedürftigen erschöpfend Bescheid zu wissen, will mit seinem Programm das Los der Gesellschaft verbessern! Réveillon, eher ein Utopist als ein Weiser, eher ein Schwärmer als ein Realist, schlägt vor, die Steuer abzuschaffen, die von den Händlern bei Betreten der Stadt erhoben wird, und damit die Waren billiger zu verkaufen. So weit, so gut, aber er fordert gleichzeitig, die Löhne zu senken, da ja alles billiger sein würde; der Arbeiter, der zwanzig Sous pro Tag verdient, soll sich nach Réveillons Reform mit fünfzehn zufriedengeben…

Es brodelt im Faubourg

Im Faubourg Saint-Marcel am linken Seineufer macht sich als Erstes der Zorn gegen den „Blutsauger Réveillon” Luft. „Tod den Reichen!”, schreit die Menge, die Richtung Place de Grève marschiert. Vor dem Hôtel de Ville wird eine Stoffpuppe angezündet, die anstelle von Réveillon in Flammen aufgeht, dann zieht die Masse wieder ab, Richtung Faubourg Saint-Antoine. Die dreihundertfünfzig Wachsoldaten, die mobilisiert werden, können die Nacht über die Ordnung halten, doch am frühen Morgen kreuzen die Gerber von Saint-Marcel und die Handwerker von Saint-Antoine in der Rue de Montreuil auf. Réveillon und seine Familie haben sich schon längst aus dem Staub gemacht, aber die Tapetenfabrik wird systematisch auf den Kopf gestellt, Stück um Stück geplündert, und im Keller werden die guten Flaschen geköpft.

Nach mehreren Stunden schließlich fängt sich die Wache wieder, sie hat Verstärkung erhalten und versucht die Plünderer zurückzudrängen. Die Meuterer werfen Steine von den Dächern, Schüsse ertönen, und bald werden auf Seiten der Polizeiwache zwölf Tote gezählt, in den Reihen der Aufständischen nahezu hundert. Die Leichen der gefallenen Arbeiter werden in einer Prozession durch den ganzen Vorort getragen, und in die Klagerufe mischen sich die Wutschreie des Volksaufstands. Noch niemand weiß es, aber eben ist die Weltordnung gestürzt worden: Die Revolution ist im Gang, sie hat gerade den Tag erlebt, der all den noch kommenden Gewalttaten zum Trotz als ihr blutigster in die Geschichte eingehen wird.

Gegenüber der Nummer 5 der Rue du Faubourg-Saint-Antoine ist noch ein kleiner Brunnen vom Anfang des 17. Jahrhunderts zu sehen. Er befand sich ungefähr auf der Höhe von Réveillons Manufaktur und somit mittendrin in der „émotion”, um in der Sprache des Ancien Régimes zu sprechen. Einer Emotion, die immerhin über hundert Opfer forderte.

In den folgenden Wochen ruft Marquis de Sade vom sechsten Stock des Bastilleturms, in dem er seine Strafe absitzt, das Volk zum Aufstand auf. Eingekerkert durch eine „lettre de cachet” (ein Bastille vom König unterzeichnetes Schreiben, die eine Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren autorisierte) auf Initiative seiner Schwiegermutter, die ihm zügellose Sitten vorwirft, schreibt der Marquis Die hundertzwanzig Tage von Sodom, in denen er sämtliche Schandtaten seiner ruhelosen Seele in allen Einzelheiten ausbreitet. Und wenn er es leid ist, die Feder über das Papier gleiten zu lassen, greift er nach einem langen Schlauch aus Weißblech, an dessen Ende sich ein Trichter befindet – ein kleiner tragbarer Müllschlucker, dafür bestimmt, den Abfall bequemer in den Graben zu befördern. Aus diesem Gerät improvisiert de Sade einen Schalltrichter, mit dem er der Menge aus dem Faubourg seine Ansprachen hält: „Die Gefangenen der Bastille werden gemeuchelt und gemordet! Zu Hilfe, gute Leute, zu Hilfe!” Die Verzweiflungsschreie tun ihre Wirkung, und die Passanten stellen sich schaudernd den Horror vor, der sich hinter den dicken Mauern abspielt. Dabei lebt der Marquis im Gefängnis auf großem Fuß: Er wohnt sehr behaglich in seinen zwei Zellen, in denen seine Möbel und seine persönliche Bibliothek untergebracht sind, ja, er hat sogar einen Bauch angesetzt, so gut ist für sein leibliches Wohl gesorgt.

Die Einnahme beginnt am Invalidendom

Es lohnt sich, dieses Gefängnis näher zu betrachten, denn es war schon zu Zeiten der Revolution uralt. Im Jahr 1370 wurde im Osten der Stadt zur Verstärkung der Porte Saint-Antoine eine „Bastille”, das heißt eine Bastion, errichtet. Dieses befestigte Stadttor war das östliche Pendant zum Louvre, gleichzeitig aber auch ein Zufluchtsort für Karl V., der gewöhnlich in seinem Hôtel Saint-Pol ganz in der Nähe logierte. Die „Bastille Saint-Antoine” war mit acht Türmen bestückt, die eine fast drei Meter dicke Mauer miteinander verband. Das Ganze war von einem fünfundzwanzig Meter breiten und acht Meter tiefen Graben umgeben. Da die militärische Funktion der Bastille im 17. Jahrhundert längst obsolet geworden war, machte Kardinal Richelieu sie zum Gefängnis, dazu bestimmt, die Feinde der Macht aus dem Verkehr zu ziehen. Um in der Bastille interniert zu werden, war kein Gerichtsurteil nötig: Ein Einweisungsbefehl des Königs in Form der erwähnten „lettre de cachet” reichte völlig aus.

Bereits 1788 empfahl Chevalier du Puget, Königsleutnant und stellvertretender Gouverneur der Bastille, die Schließung der Festung und schätzte die Einsparungen, die damit für die königliche Schatzkammer gemacht werden konnten, auf hundertvierzigtausend Livres. Denn der König bezahlte für den Unterhalt des Personals beträchtliche Summen: Gehälter für den Gouverneur, für Offiziere, Soldaten, Ärzte, Geistliche – eine Fülle von Personal für eine Häftlingszahl, die Jahr für Jahr zurückging: neunzehn waren es 1774, neun zu Beginn des Jahres 1789, einige Monate später nur noch sieben.

Am 14. Juli 1789 frühmorgens beginnt die Einnahme der Bastille …am Invalidendom. Seit fast drei Monaten, seit der Erstürmung von Réveillons Manufaktur, bricht der Volkszorn nicht ab, über dem Faubourg Saint-Antoine scheint noch immer der Pulvergeruch zu schweben. Wahre und falsche Gerüchte machen die Runde. Es heißt, ein Komplott sei in Vorbereitung, aber ein Komplott gegen wen und was? Es heißt, in Paris wurden Truppen zusammengezogen, um die Ordnung wiederherzustellen. Es heißt, die Ernten seien schlecht und es drohe Lebensmittelknappheit. Am Tag zuvor waren die Bäckereien geplündert und eine Bürgermiliz aufgestellt worden, Sturmglocken läuteten die ganze Nacht. Die Bevölkerung will sich gegen die Söldner wehren, die vor der Stadt stehen, einige Arbeiter schmieden Piken, aber es braucht mehr als das, es braucht Feuerwaffen. Und die sind in der Invalidenkaserne zu finden. Also stürmt die Menge dorthin, schlägt die Türen ein und entwendet zweiunddreißigtausend Gewehre und ein paar alte Kanonen. Fehlt nur noch die Munition … „In der Bastille gibt es Pulver!”, schreit einer. „Auf zur Bastille! Zur Bastille!” Wie eine Brandungswelle ziehen sich die Pariser vom Invalidenhospiz in Richtung des rechten Ufers der Seine zurück, überqueren die Brücken und marschieren auf die massige Festung zu. Sie einzunehmen, das hat niemand vor, es geht um die Patronen und Kanonenkugeln. Als der Marquis de Launay, Gouverneur der Bastille, diese menschliche Woge sieht, behält er einen kühlen Kopf und zeigt sich unnachgiebig: Er wird hart bleiben und sein Arsenal nicht öffnen. Da stellt sich eine Delegation aus dem Hôtel de Ville vor und fordert Munition für die Bürgermiliz. Die hohen Persönlichkeiten der Stadtverwaltung werden vom Marquis höchst gesittet empfangen; er lädt sie sogar zum Mittagessen ein, bestimmt, um Zeit zu gewinnen, in der Hoffnung auf Unterstützung durch die königliche Armee. Was liebenswürdig ist, die Sache
aber nicht voranbringt: Launay bleibt bei seiner Weigerung, auch wenn er verspricht, nicht auf die Aufständischen zu schießen, solange sie nicht in die Festung einzudringen versuchen. Eine zweite Delegation, die kurz darauf eintrifft, und eine dritte etwas später erreichen genauso wenig. Gegen dreizehn Uhr dreißig wirkt die vor der Bastille zusammengescharte Menge zunehmend nervöser und bedrohlicher. Der Gouverneur weiß, dass er nicht gerüstet ist, um einer Belagerung standzuhalten: Die stolze Festung wird lediglich von zweiundachtzig alten, invaliden Soldaten unter dem Kommando von rund dreißig Schweizergarden verteidigt. Aber das Gesetz verlangt doch schließlich sein Recht, und so lässt Launay, dieser strenge Mann mit dem eingefallenen Gesicht, der trotzigen Stirn, eine arme Schachfigur, den das Schicksal an einen Platz gestellt hat, der ihn völlig überfordert, als eine wütende Gruppe sich über die Ketten der Zugbrücke hermacht, auf die Menge schießen. Um die hundert Angreifer fallen aufs Pflaster.

„Es ist eine Revolution”

Am Nachmittag wechseln zwei Gardeeinheiten, die in der Hauptstadt für Sicherheit sorgen sollen, das Lager und schließen sich den Aufständischen an. Diese gestählten Soldaten lassen fünf Kanonen aus der Invalidenkaserne in Stellung bringen und schießen auf die Tore der Bastille. Ein Brand bricht aus, und die Verteidiger der Zitadelle geraten in Panik. Die Soldaten zwingen den strengen Launay, die weiße Flagge der Kapitulation zu schwenken. Die Zugbrücke wird herabgelassen, und die Menge stürzt ins Innere der Festung. In einem wahren Freudentaumel befreit sie die Gefangenen – überrascht allerdings, dass sie nur sieben von ihnen vorfinden, sieben Unglückliche, die nichts von den erwarteten Freiheitshelden haben; lauter kleine Gauner und erbärmliche Urkundenfälscher, doch die Kraft des Symbols ist da. Und so werden die Befreiten im Triumph herumgetragen. Währenddessen wird der Marquis de Launay durch die Straßen getrieben, bis er von einem Küchenjungen mit dem Messer enthauptet wird. Sein Kopf wird auf eine Pike gespießt und von der jubelnden Menge durch den Faubourg getragen. Dieses makabre Ritual, Ausdruck von Ressentiments und Hass, stellt an diesem Tag die finale Grenzüberschreitung dar. Von diesem Augenblick an gibt es kein Zurück mehr.

In Versailles wird Ludwig XVI. in dieser Nacht vom Herzog von La Rochefoucault-Liancourt geweckt, und zwischen den beiden spielt sich ein kleiner Dialog ab, der aus einem Stück von Sacha Guitry stammen könnte: „Sire, die Bastille ist eingenommen, der Gouverneur ist ermordet worden, man führt seinen Kopf auf einer Pike herum.” – „Ist das denn eine Revolte?” – „Nein, Sire, es ist eine Revolution.”

Am 16. Juli wird der Abbruch der Bastille angeordnet. Achthundert Arbeiter werden verpflichtet – für fünfundzwanzig Sous pro Tag –, um das abzureißen, was man noch immer als eine „Bastion der Tyrannei” betrachtet. Die Steine werden zum Bau des Pont de la Concorde verwendet werden, und ein paar von ihnen verwandeln sich in Heldensouvenirs: Ein schlauer Handwerker namens Palloy behaut sie zu kleinen Festungen und verkauft sie in sämtliche
Provinzen des Reichs.

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Jeder wird es bestätigen: Mit Ausnahme von ein paar Steinen aus dem Fundament, die in der Métrostation zu sehen sind, ist von der Bastille nichts mehr übrig. Falsch! Es bleibt noch eine Kerkerzelle, eines dieser elenden Verliese, die sich im Untergeschoss der Festung befanden, wohin die königliche Macht die Querköpfe und Unverbesserlichen abschob. Die Entdeckung verdanke ich einem Zufall: Der Betreiber eines Bistros nahe der Place de la Bastille verriet mir, dass der Keller seines Lokals, La Tour de la Bastille, eine
ehemalige Zelle ist, die wie durch ein Wunder vor dem revolutionären Zorn verschont blieb. Ich ging seinen Worten nach, und tatsächlich, alles passte zusammen: sowohl der Standort als auch die Form der Mauern. Es war bewegend, diesen geschichtsträchtigen Ort aufzusuchen. Und für einen Augenblick war mir, als hörte ich inmitten den hier lagernden Flaschen die Schreie der Bastillehäftlinge und das Donnern der Kanonen vom 14. Juli vor mehr als zweihundert Jahren… Das Bistro ist mittlerweile einem koreanischen Grillrestaurant gewichen, aber der Keller im Boulevard Henri-IV Nummer 47 hat seine Mysterien und Geheimnisse bewahrt. Um den Jahrestag des Sturms auf die Bastille zu feiern und sämtliche Patrioten miteinander zu versöhnen, organisiert der Kommandant der Pariser Nationalgarde, General La Fayette, am 14. Juli 1790 auf dem Marsfeld ein Fest: das Föderationsfest. Sechzigtausend Abgesandte aus den dreiundachtzig Departements zelebrieren
die Einheit aller Franzosen, und König Ludwig XVI. schwört auf dem Altar des Vaterlandes vor den ringsum auf die Böschung gekletterten Parisern der Nation seine Treue. Als im Jahr 1880 ein republikanisches Datum für den Nationalfeiertag gesucht wurde, gab man dem 14. Juli 1790, einem Augenblick des Friedens und der Versöhnung, den Vorzug vor dem 14. Juli 1789, dem Tag des Bürgerkriegs, der Auseinandersetzungen und Gewalt.


Das Buch
9783549074404_Deutsch_Metronom.inddWessen Gebeine ruhen eigentlich unter dem Eiffelturm? Wo befinden sich die Überreste der ältesten Kathedrale von Paris? Und was hat diese Frage mit einem Parkhaus im fünften Arrondissement zu tun? Als passionierter Paris-Liebhaber unternimmt der bekannte französische Schauspieler Lorànt Deutsch eine atemberaubende Zeitreise, deren Fahrplan so einfach wie verblüffend ist: Im Takt der Métro, von ihrer ältesten bis zur jüngsten Station, taucht er ein in die bewegten Jahrhunderte der Stadt.
Ob die erste bürgerliche Revolte Frankreichs, die Anfänge der Universität an der Place Maubert oder der Sturm auf die Bastille – mit überraschenden Seitenblicken zeichnet Deutsch voller Charme und Leichtigkeit ein ungewöhnliches Porträt Frankreichs und seiner Hauptstadt.

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Lorànt Deutsch

Lorànt Deutsch

Lorànt Deutsch ist Schauspieler. Geboren 1975, ist er unter anderem bekannt für seine Rolle als Jean-Paul Sartre in der Verfilmung des Lebens von Simone de Beauvoir Les Amants du Flore (2006). Seine große Leidenschaft gilt Paris und dessen Geschichte. Métronom, sein erstes Buch, ist 2013 im Propyläen Verlag erschienen.

Foto: © Michel Lafon

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