„Am glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe”

Kurz bevor Astrid Lindgren mit Pippi Langstrumpf oder Karlsson vom Dach zu einer der weltweit beliebtesten Kinderbuchautorinnen wurde, dokumentierte sie eines der düstersten Kapitel der Weltgeschichte – den Zweiten Weltkrieg. 17 Tagebücher füllte sie von 1939-1945, die nun auch auf deutsch erschienen sind und die faszinierende Einblicke in die Person und die werdende Schriftstellerin Astrid Lindgren geben.

von Antje Rávic Strubel

header_lindgren_strubel

Am 1. September 1939, als Deutschland Polen überfiel und den Zweiten Weltkrieg auslöste, schrieb Astrid Lindgren: „Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.”

Damals war sie zweiunddreißig. Sie hatte zuvor als Sekretärin im „Königlichen Automobilclub” gearbeitet, wo sie ihren Ehemann Sture kennengelernt hatte, war Mutter zweier Kinder, und bis auf einige Kurzgeschichten in Zeitschriften hatte sie noch nichts veröffentlicht. Lindgren wohnte im Stadtteil Vasastan in Stockholm. Diese luftige, lichtdurchflutete Inselstadt versinnbildlicht das Lebensgefühl, das die sechs Kriegsjahre für Lindgren bestimmte. In den Tagebüchern beschreibt sie anschaulich ihr Oasen-Dasein, abgeschieden, aber halbwegs angenehm, eingeschränkt nur von Lebensmittelrationierungen, dem zeitweise lahmliegenden öffentlichen Verkehr, von Verdunkelungen, dem militärischen Bereitschaftsdienst des Mannes und steigenden Preisen. Sie lebte relativ sicher in einem Land, das der Krieg aussparte, vor dessen Grenzen die Tötungsmaschinerie haltmachte, obwohl die Fronten an allen Seiten näher rückten; durch den Überfall Polens, den sowjetischen Angriff auf Finnland, die Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die Nazis, schließlich durch die sowjetische Übernahme des Baltikums, das vorher in deutscher Hand gewesen war. Überall hatte faschistischer und stalinistischer Terror Millionen ermordete Menschen zur Folge, Ausgebombte, Verhungerte, Gefallene. Aber Schweden, das auf einer der Landkarten, die Lindgren zur Orientierung dienten, unmarkiert blieb – eine helle Fläche –, war davon ausgenommen. Hier konnte man spazieren gehen im Park, Sonne und Frühlingsblüher genießen, Weihnachten feiern am festlichen, reichgedeckten Tisch. Und doch ist jeder Tag dieser Aufzeichnungen auch von der Angst geprägt, das friedliche Leben könnte jeden Moment ebenfalls der Krieg erfassen.

„Über Frieden zu sprechen heißt ja, über etwas zu sprechen, das es nicht gibt”

Die Neutralität Schwedens ermöglichte es Lindgren, eine Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg einzunehmen, die innerhalb des kriegsgeschüttelten Europas einzigartig war. Es ist der Blick derjenigen, die vom privilegierten Standpunkt der Verschonten aus die Katastrophe verfolgt und zugleich aus diesem unheimlichen Wunder des Verschontseins ein Gefühl der Verantwortung entwickelt: Lindgren hat sich lebenslang für den Frieden starkgemacht. Damit spiegelt sich in ihr die Rolle, die auch das politische Schweden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für sich angenommen hatte als unermüdliche Weltpolizei. „Über Frieden zu sprechen”, sagte Lindgren 1978, in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, „heißt ja, über etwas zu sprechen, das es nicht gibt.”

Was Lindgren veranlasste, bei Ausbruch des Krieges ein Tagebuch anzulegen, ist aus den Aufzeichnungen nicht zu erfahren. In einem Interview gab sie später folgende Erklärung: „Zum ersten Mal hatte ich eine tiefe politische Überzeugung.” Die ganze Familie wurde in die Diskussion über das Kriegsgeschehen einbezogen, auch die Kinder sammelten Informationen, manchmal las Lindgren ihnen aus dem Tagebuch vor. Aus Zeitungen, dem Radio, mit Hilfe von Kartenmaterial und den Berichten von Flüchtlingen verschaffte sie sich ein Bild von Frontverläufen, scheiternden Friedensverhandlungen, Bombenangriffen. Die furchtbaren Auswirkungen, die das Kriegsgeschehen auf das Leben der Menschen hatte, führte ihr der „Schmuddeljob” vor Augen; seit 1940 arbeitete Lindgren abends in der Abteilung für Briefzensur des schwedischen Nachrichtendienstes. Sie hatte in der Schule Deutsch gelernt und konnte die deutsche Post lesen, die aus den okkupierten Ländern kam oder aus Schweden. Ihre Aufgabe war es, die Briefe auf landeskritische Inhalte zu prüfen. Manchmal schrieb sie einen ab und nahm die Abschrift mit nach Hause, was streng verboten war.

„Niemand wollte es glauben.” Möglicherweise löste die Unvorstellbarkeit der Tatsache, in einem aufgeklärten Europa könne ein Land ein anderes einfach überfallen und annektieren, den Impuls aus, sich mit Hilfe eines Tagebuchs darüber klarzuwerden, was da eigentlich geschah. Denn schon damals, vor Beginn ihrer Karriere, hatte Lindgren die Begabung, auf scheinbar einfache Weise an Wesentliches zu rühren: „Deutschland und Russland haben das Land zwischen sich aufgeteilt. Man kann kaum glauben, dass so etwas im zwanzigsten Jahrhundert passiert.” Eine Feststellung, die auch heute wieder, mehr als siebzig Jahre später, angesichts der Annektierung der Krim durch Russland erschreckend aktuell ist.

Innerhalb Schwedens hatte man nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schuldproblem, das gern beschwiegen wurde

Der Satz, mit dem die Aufzeichnungen beginnen, nimmt den Tenor der späteren öffentlichen Debatte über den Zweiten Weltkrieg in Schweden vorweg. Denn trotz seiner Neutralität war das Land schuldhaft in den Krieg verstrickt. Und bis heute hat sich die schwedische Gesellschaft nicht ganz davon erholt. Man ist zu Recht stolz darauf, in den letzten fünfhundert Jahren keinen Krieg mehr auf dem eigenen Staatsgebiet erlebt zu haben. Das Land ist gewissermaßen geschichtsfrei in einer Welt, in der Geschichte sich als Abfolge kriegerischer Auseinandersetzungen darstellt. Ursache dafür ist ein tief im schwedischen Bewusstsein verankertes Prinzip des Maßhaltens, Abwägens und klugen Aushandelns, das sich mit dem Wort „undfallenhet” am besten beschreiben lässt; auf Deutsch Nachgiebigkeit, Wendigkeit, Entgegenkommen. Im Vergleich zu Deutschland, dessen Selbstverständnis gebrochen durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen werden muss, ist Schweden das unverletzte Land. Innerhalb Schwedens allerdings hatte man nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schuldproblem, das gern beschwiegen wurde.

Angesichts der massenhaften Vernichtung der Juden in den Nachbarländern fiel die Rechtfertigung dafür schwer, die Kriegszeit nicht nur unbeschadet überstanden, sondern am Krieg sogar verdient zu haben. Schweden versorgte das faschistische Regime großzügig mit Krediten und Eisenerz. König Gustaf V. verlieh Hermann Göring höchste schwedische Militärorden. Auch für sich selbst stellt Lindgren Vorteile fest; der Aufstieg ihres Mannes und ihr gutes Einkommen seien nicht zuletzt dem Krieg in anderen Ländern geschuldet, schreibt sie. Obwohl die Regierung peinlich genau den Status der Neutralität aufrechtzuerhalten versuchte, genehmigte sie Urlaubertransporte von deutschen Soldaten aus dem besetzten Norwegen durchs Land und ließ im Mai 1941 eine Division deutscher Truppen von Norwegen nach Finnland an die finnisch-sowjetische Front marschieren. Sie schickte Flüchtlinge aus dem Baltikum zurück, die sich über die Ostsee vor den Sowjets zu retten versuchten, und trieb sie so in den sicheren Tod. Jüdischen Menschen wurde lange der Status von Flüchtlingen verweigert. Dass beispielsweise Nelly Sachs mit ihrer Mutter schon 1940 nach Schweden emigrieren konnte, ist allein dem Engagement der Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf zu verdanken, die sich auf Anregung einer Freundin kurz vor ihrem Tod noch für die deutsche Autorin einsetzte. Erst ab Herbst 1943 änderte sich der deutschlandfreundliche Kurs. Ilon Wikland, die später die Illustratorin von Astrid Lindgrens Kinderbüchern werden würde, gehörte zu jenen estnischen Flüchtlingen, die im letzten Kriegsjahr von Schweden aufgenommen wurden. Willy Brandt, Peter Weiss oder die Kernphysikerin Lise Meitner zählten zu den Flüchtlingen aus Deutschland.

In der öffentlichen Wahrnehmung Schwedens bleibt der Zweite Weltkrieg oft ausgespart. Auf die beinahe berühmte schwedische Ignoranz, die sich auch in der beschwichtigenden Floskel ausdrückt, von Konzentrationslagern habe man in Schweden erst nach Einmarsch der Alliierten gewusst, nimmt die große schwedische Autorin Kerstin Ekman Bezug. Im Vorwort zur schwedischen Ausgabe der Kriegstagebücher fragt Ekman, die Lindgren persönlich kannte: „Wie viele Mütter in Schweden wussten im Herbst 1943, welche Länder am Krieg beteiligt und welche verschont waren? Wie viele Schweden verfolgten die Operationen im Stillen Ozean und Feldmarschall Montgomerys und Rommels zweite Schlacht in Nordafrika?” Von den Konzentrationslagern habe man vor 1945 wissen können, schreibt Ekman, einfach durch das Lesen von Zeitungen und Büchern, wie das Kriegstagebuch beweise: 1940 erwähne Lindgren die KZs in Buchenwald und Oranienburg, ein Zeitungsartikel vom Juli 1941 mache ihr die Situation der Juden in Polen klar, 1943 habe sie in Büchern von Deportation und Vernichtung erfahren.

Zuvor Unvorstellbares erweist sich immer wieder als Wirklichkeit

Das Besondere am Tagebuch ist, dass unmittelbar aus den Ereignissen heraus gesprochen wird. So eröffnet sich heutigen Lesern vor einem Wissenshorizont, den der Abstand von mehr als siebzig Jahren mit sich bringt, das Geschehen so, wie es sich Lindgren im schwedischen Inseldasein von Tag zu Tag darstellte: Zuvor Unvorstellbares erweist sich immer wieder als Wirklichkeit. Das Ausmaß der Gewalt, die täglichen Schreckensmeldungen übersteigen jede Vorstellungskraft. Unter anderem wird deutlich, wie stark sich die schwedische Bevölkerung vom stalinistischen Regime bedroht fühlte. Die Angst vor einer sowjetischen Invasion überstieg die Angst vor der Besetzung durch die Nazis; ein Verhältnis, das sich erst langsam änderte. 1940 bekannte Lindgren, lieber mit den Deutschen paktieren zu wollen, als sich den Sowjets auszuliefern.

Lindgren, geboren 1907, wurde als Kind und junge Frau von der Atmosphäre der 20er und 30er Jahre geprägt, einer Zeit gesellschaftlicher Demokratisierungsprozesse, emanzipatorischer Bewegungen, künstlerischer Experimente in Schweden und Deutschland. Beide Länder waren sich in ihrer gesellschaftlichen Offenheit und neuen moralischen Freizügigkeit nah. Hier wie da gewannen Gewerkschaften an Einfluss, erhielten Frauen endlich das Wahlrecht, gab es die „neue Frau” der Sachlichkeit, die sich über einen androgynen Kleidungsstil und Kurzhaarfrisuren ausdrückte, die auch Lindgren ausprobierte. In ihrer Jugend trug sie öfter Schlips, Anzug und Hut auf dem Bubikopf. Aus der Sowjetunion dagegen kamen seit der Oktoberrevolution Horrornachrichten. Russische und jüdische Künstler und Intellektuelle waren auf der Flucht. Der Rote Terror wütete, die Bolschewiki setzten ihren Machtanspruch mit Deportationen und Erschießungen durch. Im Zuge der sogenannten stalinistischen Säuberungen, die mit den Schauprozessen 1936 begannen, wurden etwa 1,5 Millionen Menschen umgebracht, Millionen andere in Gulag-Strafarbeitslager deportiert, darunter ganze Volksgruppen aus den von Stalin besetzten Ländern. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft führte zur Verfolgung und Ermordung Tausender Bauern und Gutsbesitzer und zu einer Hungersnot, in der etwa sechs Millionen Menschen starben. Die Sowjetunion war von Schweden aus gesehen sehr nah. Schweden hat eine gemeinsame Grenze mit Finnland, das, kaum unabhängig geworden, wiederholt von den Sowjets bedroht wurde. Die militärische Offensive der Roten Armee 1918 in Estland und Lettland war ebenfalls präsent im schwedischen Bewusstsein, vom Baltikum trennt Schweden nur die Ostsee.

Vor diesem Hintergrund werden die zunächst widersprüchlichen Reaktionen auf den faschistischen Terror nachvollziehbarer, auch das nur zögerliche Begreifen, dass nicht allein Hitler, „die Bestie”, und sein Regierungsapparat verantwortlich waren für die grausame Tötungsmaschinerie, sondern dass sie tatsächlich von einer Bevölkerung unterstützt wurde, die vor kurzem noch in einer jungen Republik mit einer Hauptstadt gelebt hatte, die mit ihren Charleston- und Tango-Tanzbars, den Stummfilmen der UFA, den Einflüssen des Bauhaus oder des Theaters Max Reinhardts als Kulturmetropole Europas galt. Zuweilen nimmt Lindgren die deutsche Bevölkerung gegen die Regierung in Schutz. Andererseits schreibt sie schon Pfingsten 1940 mit Rückblick auf den Ersten Weltkrieg: „Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen.”

So macht Lindgrens Tagebuch auch deutlich, mit welcher Geschwindigkeit und Absolutheit sich kollektives Bewusstsein von Grund auf verändern kann, wie gefährdet offene Gesellschaften sind und wie wichtig das manchmal mühsam erscheinende demokratische Aushandeln politischer Entscheidungen ist.

Lindgren erfand Pippi Langstrumpf am Krankenbett ihrer Tochter

Die Autorin der Kriegstagebücher war noch keine Schriftstellerin. Aber sie hatte schon angefangen, für ihre Tochter Karin die Geschichte der Pippi Langstrumpf zu erfinden. Der Name war ein Einfall der Siebenjährigen, die in den Kriegsjahren häufig krank war. Astrid Lindgren erfand am Krankenbett eine Figur zum Namen und eine Geschichte zur Figur. Was im Winter 1941 als Gutenachtgeschichte begann, schrieb Lindgren auf, als sie wegen eines verstauchten Fußes das Haus nicht verlassen konnte; vielleicht schon mit dem Gedanken an eine Veröffentlichung. In den Kriegstagebüchern lässt sich die Entwicklung zur Schriftstellerin gut beobachten. Ein starker Gestaltungswille ist erkennbar. Auch die für Lindgren später so typische direkte Sprache mit der ihr eigenen Komik und Melancholie und ihrer Art, Wut und Angst in Ironie aufzulösen, findet sich. Das Kriegsgeschehen wirkt neben kleinen, zuweilen idyllischen Szenen von Urlauben in Småland, unbeschwerten Mittsommernächten oder Ausflügen in den Skansenpark in Stockholm nur umso grotesker. Der beinahe zwanghafte Drang, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke zu notieren und die gehorteten Vorräte und Gerichte von Familienessen aufzulisten, spiegelt eine dauerhafte Sorge um die Kinder wider, die Angst, nicht mehr genug warmes Wasser, Gas und Lebensmittel zu haben, gibt aber auch Auskunft über Mentalität und Essgewohnheiten: Kaffee und Zucker spielen eine große Rolle. Kaffee ist in Schweden ein so wichtiges Grundnahrungsmittel, dass es ein Wort für die gängige Praxis gibt, im Café für eine Tasse zu bezahlen und so viel zu trinken, wie man möchte: „påtår”. Zucker haftet seit der schlimmen Armutsperiode Ende des 19. Jahrhunderts, in der ein Viertel der Bevölkerung in die USA auswanderte, die Aura von Reichtum und Wohlstand an. Auch heute kann es mitunter noch schwer sein, ungesüßtes Brot zu finden.

Eigene Gemütszustände dagegen erwähnt Lindgren selten. Nie gibt sie der düsteren Veranlagung nach, die manchmal unterschwellig zu ahnen ist und Lindgren von Kindheit an begleitet haben muss, wie die Literaturwissenschaftlerin Birgit Dankert in ihrer 2013 erschienenen Biographie zeigt. Lindgren hält keine Innenschau, macht sich fast nie zum Gegenstand der Betrachtung. Das mag zum Teil schwedischer Zurückhaltung geschuldet sein, der Maxime, sich nicht in den Vordergrund zu spielen. Zugleich zeigen sich hier das Formbewusstsein einer Schriftstellerin und Lindgrens spätere Eigenheit, die Bücher für sich sprechen zu lassen. Nur einmal, als ihr Ehemann sich 1944 in eine andere Frau verliebt und Lindgren verlassen will, notiert sie am 19. Juli, kurz nach der Invasion der Alliierten in der Normandie: „Blut fließt, Menschen werden zu Krüppeln, überall Elend und Verzweiflung. Und ich kümmere mich nicht darum. Nur meine eigenen Probleme interessieren mich. Sonst schreibe ich immer ein wenig darüber, was zuletzt passiert ist. Jetzt kann ich nur schreiben: Ein Erdrutsch ist über mein Leben hereingebrochen, und ich bleibe einsam und frierend zurück.”

Wie sehr Lindgren unter dem Ehezwist litt, wird an den langen Pausen zwischen den Einträgen am sichtbarsten – ausgerechnet in einer der entscheidenden Phasen des Krieges schreibt sie am wenigsten. Schlaflosigkeit, Nervosität, Traurigkeit erwähnt Lindgren in verharmlosender Beiläufigkeit. Dabei war Sture ein halbes Jahr lang kaum zu Hause, verfiel mehr und mehr dem Alkohol, der 1952 zu seinem frühen Tod führte. Lindgren gestattet sich weder Larmoyanz noch Selbstmitleid. Sie bleibt diszipliniert, schreibt nur umso pointierter. Und wenn sie wie von oben auf „die Lindgrens” schaut oder sich dafür entschuldigt, längere Zeit nichts berichtet zu haben, wendet sie sich bereits an imaginäre Leser. Schließlich kristallisiert sich die entscheidende Erkenntnis heraus: „Am glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe.”

Ihre Figuren sind ikonographisch für unser heutiges Verständnis von Kindheit und von Kindern

Es würde noch einige Jahre dauern, ehe sie mit Pippi Langstrumpf und Büchern wie „Ronja Räubertochter”, „Karlsson vom Dach” oder „Die Brüder Löwenherz” zu Weltruhm kommen und ganze Generationen mit Figuren prägen sollte, die ikonographisch sind für unser heutiges Verständnis von Kindheit und von Kindern: Menschen mit eigener Persönlichkeit und Anspruch auf eigene Rechte. Diese Kinder sind selbständig und betrachten Autorität mit Skepsis. Wenn nötig, rebellieren sie. Starke, eigensinnige Mädchen, tomboys, behaupten den Freiraum, eigene Fehler machen zu können; das dürfte eines der wesentlichen Elemente in dieser sensiblen Balance aus Gemeinschaftsgeist und Selbstbestimmung sein, die Lindgrens fiktive Welten ausmachen.

Heute werden sie öfter – durch touristische Vermarktungsstrategien verzerrt – als falsche Idyllen wahrgenommen, abgetan als Bullerbü-Kitsch. Vor dem Hintergrund der Kriegstagebücher tritt ihre ursprüngliche Kernaussage wieder deutlich zutage: Jedes Kind sollte das Recht haben und das Glück erfahren, in „Geborgenheit und Freiheit” aufzuwachsen. Als Lindgren 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, gab es in der westdeutschen Gesellschaft noch das sogenannte „Elternrecht auf körperliche Züchtigung”. Lindgren wurde nahegelegt, ihre später berühmt gewordene Rede zu ändern. Sie ließ sich nicht beirren und hielt ein flammendes Plädoyer für eine gewaltfreie Erziehung.

Sie selbst war behütet aufgewachsen, von beiden Eltern geliebt, »geborgen und frei«. Ihr Sohn Lasse hatte es schwerer, und das markiert einen großen Bruch, eine Erschütterung in Lindgrens Leben.

Mit achtzehn, als Volontärin bei der Ortszeitung von Vimmerby, wurde sie vom Chefredakteur schwanger. Sie entschied sich gegen eine Heirat, verließ das dörfliche Småland, die idyllische Jugend und zog nach Stockholm, um das Kind allein zu bekommen; ein Skandal. Lindgren wandte sich an die Frauenrechtlerin Eva Andén, die ihr zu einer Entbindung in Kopenhagen riet. Dort blieben Geburten anonym; als alleinstehende Frau mit unehelichem Kind wäre sie sonst gebrandmarkt gewesen. Ihren Sohn musste sie zu einer Pflegefamilie geben, während sie in Stockholm die Ausbildung zur Sekretärin beendete. Obwohl sie ihn besuchte, sooft es ging, litt sie lebenslang an der Traurigkeit und den Schuldgefühlen, die diese drei Jahre in ihr auslösten (1931, nach der Heirat mit Sture, holte sie Lasse zu sich). Erst 1970 sprach Lindgren überhaupt zum ersten Mal darüber. Allerdings führte sie schon 1952 in einer eigenen Radiosendung Interviews mit unverheirateten Müttern und machte deren prekäre gesellschaftliche Stellung öffentlich zum Thema.

Das Kriegstagebuch beendete Lindgren Silvester 1945. Mit Blick auf die jüngste Politik heißt es dort hellsichtig: „Zwei denkwürdige Ereignisse hat das Jahr 1945 gebracht. Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg und die Atombombe. Ich möchte wissen, was die Zukunft über die Atombombe sagen wird, ob sie eine ganz neue Epoche im Dasein der Menschen markiert oder nicht. Der Frieden bietet keine große Geborgenheit, die Atombombe wirft ihren Schatten auf ihn.”

Das Kriegsende fiel für Lindgren aber auch mit dem Beginn einer ungeheuer produktiven Schaffensphase zusammen. Nachdem der führende schwedische Verlag Bonniers das Manuskript von „Pippi Langstrumpf” als zu gewagt abgelehnt hatte und es 1945 bei Rabén och Sjögren erschien, löste das eine Energie aus, die es ihr ermöglichte, in den folgenden zehn Jahren immerhin zwanzig Bücher zu schreiben.

In Hamburg, Bremen und Berlin sah sie die Spuren des Zweiten Weltkriegs mit eigenen Augen

Erst im Oktober 1953, ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, bereiste Lindgren wieder das Land, das verantwortlich war für die europäischen Katastrophen, mit denen sie sich von ihrer schwedischen Enklave aus so intensiv beschäftigt hatte. Eine Lesereise führte sie nach Hamburg, Bremen und Berlin. Mit eigenen Augen sah sie die Spuren des Zweiten Weltkriegs. In Berlin traf sie die Kinder- und Jugendberaterin Louise Hartung wieder. Hartung schleuste Lindgren heimlich nach Ost-Berlin hinüber, und so war Lindgren auf einmal auch konfrontiert mit der Lebenswirklichkeit, die jene „Russen” aufzubauen begannen, die ihr immer die größte Angst gemacht hatten. Erst im Juni jenes Jahres war in der DDR der Volksaufstand durch sowjetisches Militär brutal niedergeschlagen worden. Lindgren wird die Atmosphäre der eisernen Indoktrinierung der kommunistischen Ideologie wahrgenommen haben, und vielleicht sah sie darin ein erstes Anzeichen für den Beginn des Kalten Krieges, jenen „Schatten, den die Atombombe wirft”.

Aus der Begegnung mit Louise Hartung entwickelte sich eine enge Freundschaft. Einmal im Jahr trafen sich die Frauen in Berlin, Schweden, der Schweiz oder auf Ibiza. Louise sandte Geschenke und Blumen und schrieb: „Ich möchte deinen wunderschönen Körper liebkosen und küssen. Dein ganzes Wesen hat mich schon in deinen Büchern fasziniert, überwältigt.” Obwohl Lindgren diese Liebe nicht körperlich erwiderte, unterhielten beide elf Jahre lang, bis zu Louises Tod, einen intensiven Briefwechsel, dessen mehr als sechshundert Briefe – sollten sie veröffentlicht werden – erneut eine unbekannte Seite aufdecken dürften an dieser scheinbar so vertrauten Persönlichkeit Astrid Lindgrens, so wie jetzt die Kriegstagebücher: Hinter der unbeschwerten, freundlichen, heiteren Schriftstellerin, als die Lindgren oft gezeichnet wird, zeigt sich hier auch ein desillusionierter Mensch, vielleicht zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit. Lindgrens Desillusionierung führte zu einem untrüglichen Blick auf den Irrsinn jedes Krieges, an den sich die Notwendigkeit knüpfte, auf dem Unmöglichen zu bestehen; auf Gewaltlosigkeit und Frieden, „was es nicht gibt”.


→ mehr über die Autorin
AntjeRavicStrubelAntje Rávic Strubel
Antje Rávic Strubel, 1974 in Potsdam geboren, aufgewachsen in Ludwigsfelde, arbeitet nach Ausbildung zur Buchhändlerin und Studium als Übersetzerin und Schriftstellerin und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt in Potsdam und veröffentlichte u.a. die Romane „Tupolew 134“, „Kältere Schichten der Luft“ und „Sturz der Tage in die Nacht“. Bei Piper erschienen von ihr die „Gebrauchsanweisung für Schweden“ sowie zuletzt ihre „Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg“. (Quelle: http://www.piper.de/autoren/antje-ravic-strubel-2009)

Weblinks
Die offizielle Website von Antje Rávic Strubel
Die offizielle Website von Astrid Lindgren
„Die Menschheit hat den Verstand verloren” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsabfrage: * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.