Die Blindheit der Schweden

Wie ist es möglich, dass Schweden zum glühenden Vorbild Europas wurde, ein Land, zu dem wir in Wohlstands-, Sozial- und Integrationsfragen aufschauen? Ein Land, welches seine Roma-Minderheit jahrzehntelang an den Rand der Gesellschaft drängte? Majgull Axelsson blickt auf die ganz besonderen Eigenheiten ihres Volkes – und auf seine Schattenseiten.

von Majgull Axelsson
aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt

 

Der Vogel wählte die Flucht. Wir wählten sie nicht.
Die Flucht wählte uns, deshalb sind wir hier
Ihr, die ihr nicht ausgewählt wurdet, die ihr immer noch die Freiheit besitzt,
Helft uns die schwere Flucht zu tragen, die Flucht, unsere Last.

 

Den ganzen Sommer und Herbst über bin ich herumgelaufen und habe dieses Gedicht von Stig Dagerman vor mich hingesagt. Aber ich bin nicht auf einen Stuhl gestiegen, um es laut zu rezitieren. Das ist ja gar nicht nötig. Die Luft war auch so voller Stimmen, die nur von dem einen sprachen: den Flüchtlingen. Die über das Mittelmeer kommen, zu uns nach Europa.

Die meisten dieser Stimmen waren klug, vernünftig und einfühlsam. Viele von uns in Schweden haben vor Erleichterung geseufzt darüber, dass endlich andere Ansichten zu hören waren als die halbfaschistischen und rassistischen, die sich in den letzten Jahren breit gemacht haben. Denn wir haben ja eine fremdenfeindliche Partei in unserem Reichstag; eine Partei, die in den letzten Jahren stark angewachsen ist und inzwischen zur drittgrößten Partei im Land wurde. Eine Lokalpolitikerin dieser Partei meldete sich im September mit einem Beitrag im Internet, in dem sie fragte, ob sich denn keiner mit einer Maschinenpistole auf die Öresundbrücke stellen könne, wenn die Flüchtlinge aus Dänemark angelaufen kommen. Sie wurde natürlich von Leuten aus der Parteiführung zurückgepfiffen, doch nicht ich allein habe den Verdacht, dass diese Leute gleichzeitig die Finger hinter dem Rücken kreuzten.

 

Stellt euch mit einem Maschinengewehr auf die Brücke

Aber, wie gesagt, in Schweden wie in Deutschland hat sich die öffentliche Meinung geändert. Plötzlich gibt es wieder ein Klima der Diskussion. Schweden birgt einen Goldschatz an Humanismus, wie Kerstin Ekman, die Grand Dame der schwedischen Literatur, es ausgedrückt hat. Andererseits bringt die Tatsache, dass wir uns darin wiederfinden, natürlich auch ein Risiko mit sich. Dieses Risiko heißt Betriebsblindheit und das ist eine Krankheit, die uns immer wieder in dem letzten Jahrhundert befallen hat.

Bereits 1929 sprach Per Albin Hansson, der einige Jahre später schwedischer Ministerpräsident werden sollte, von einem Begriff, der seitdem aus der Debatte über die schwedische Gesellschaft nicht wieder verschwunden ist: folkhemmet – Wohlfahrtsstaat. Er drückte sich folgendermaßen aus:

„Die Grundlage der Gesellschaft ist die Gemeinsamkeit und das Gefühl der Gemeinschaft. Die gute Gesellschaft kennt keine Privilegierten oder Benachteiligten, keine Lieblingskinder und keine Stiefkinder. Hier schaut der eine nicht auf den anderen herab. Hier versucht niemand, sich einen Vorteil auf Kosten anderer zu verschaffen, der Starke unterdrückt den Schwachen nicht und raubt ihn nicht aus. In der guten Gesellschaft herrschen Gleichheit, Fürsorge, Zusammenarbeit, Hilfsbereitschaft.“

Wir wohnten in hübschen, neugebauten Häusern

Kann man das besser sagen? Nein. Genauso sollte unser Land aussehen, und damit begannen Jahrzehnte der Arbeit, um den schwedischen Wohlfahrtsstaat aufzubauen. Die Tatsache, dass es uns gelang, uns aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten, führte außerdem dazu, dass wir die ökonomischen Voraussetzungen hatten, eine Gesellschaft zu schaffen, deren Lebensstandard immer nur weiter stieg und stieg. Die wirkliche Erntezeit dieser Bemühungen kam in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Innerhalb von nur zehn Jahren verdoppelte sich das Realeinkommen der schwedischen Arbeiter, und plötzlich konnten alle, auch die Industriearbeiter, sich einen Sonntagsbraten auf dem Tisch leisten. Das heißt also: Wir aßen besser. Wir wohnten in hübschen, neugebauten Häusern. Wir bekamen Badezimmer, Kühlschrank, Telefon und Fernseher in so gut wie jedem Haus, unsere Kinder erhielten eine kostenlose Ausbildung und unsere Alten eine angemessene Rente. Außerdem konnten wir uns über ein ungewöhnlich gutes Gewissen freuen. Hatten wir doch nur eine einzige Kolonie besessen, im Unterschied zu den Schurkennationen weiter südlich in Europa. Deutschland zum Beispiel. Und Großbritannien. Ganz zu schweigen von Belgien. Und Rassisten waren wir auch nicht. Als uns kurz nach Ende des Krieges aufging, wie unangenehm (um es mit der schwedischen Vorsicht auszudrücken) der Rassismus sein konnte, beeilten wir uns, das rassenbiologische Institut, das nur wenige Jahrzehnte zuvor das führende auf der Welt und unser ganzer Stolz gewesen war, zu schließen. Anschließend wurden wir von unserer üblichen Betriebsblindheit befallen und vergaßen Jahrzehnte lang, dass es überhaupt existiert hatte.

Waren wir die Besten auf der Welt? Nun ja, wir wollten ja nicht prahlen, aber mal unter uns, das waren wir ja wohl schon. Ja, wir waren tatsächlich die Besten auf der Welt. Und die Nettesten! Die Schweden waren mit Abstand die nettesten Menschen auf dem ganzen Planeten.

Die Zigeuner vertrugen die Kälte doch sowieso viel besser als wir

Was wir nicht sahen oder – besser gesagt – was uns nicht interessierte, das war die Frage, wie gewisse Schweden leben mussten. Dabei war es so, dass wir sie nicht einmal als Schweden ansahen. Denn das waren doch diese Typen, die das Pech gehabt hatten, als Roma geboren zu werden. Oder – wie wir sie damals nannten – Zigeuner.

Eine übliche Ansicht zu dieser Zeit war, dass diese sogenannten Zigeuner Nomadenblut in den Adern hatten und deshalb gar keine festen Wohnungen haben wollten. So dachte man nicht nur ganz oben in der schwedischen Regierung, sondern auch unter einigen der führenden Arbeiterschriftsteller Schwedens. Deshalb zogen diese Menschen ja auch auf den Landstraßen herum und lebten lieber in Zelten und Wohnwagen. Wir durften ihren Lebensstil nicht stören! Auf keinen Fall. Sicher, im Winter konnte es kalt werden, doch das machte nichts. Sie waren das ja so gewohnt. Sie vertrugen die Kälte doch sowieso viel besser als die Mehrheit der Bevölkerung, das wussten alle. Außerdem wollten sie gar keine feste Arbeitsstelle haben. Sie zogen es vor, sich davon zu ernähren, dass sie weissagten und die Messer schärften. Oder so. Und mit leicht gedämpfter Stimme fügte man etwas in der Richtung hinzu, dass sie außerdem einen Hang zur Kriminalität hatten. Zigeuner! Man wusste doch, wie die waren.

axelsson1Was die Mehrheit der Bevölkerung aber nicht wusste, war, dass sehr viele Roma auf der Liste der Wohnungssuchenden standen, dass sie sich einen Mietvertrag wünschten, darum bettelten und flehten, dass sie einen festen Wohnsitz haben wollten, um es genau wie wir auch im Winter warm zu haben. Eigentümlicherweise wurde die Schlange vor ihnen aber nur immer länger. Das kann daran gelegen haben, dass sie so unstet waren, dass sie sich selten länger als drei Wochen an einem Ort befanden. Was nun wiederum nicht an einer Art genetisch bedingter Wanderlust lag, sondern an der Tatsache, dass die meisten schwedischen Kommunen einen Paragraphen in ihren Statuten aufgenommen hatten, der besagte, dass Zigeuner drei Wochen in der Kommune bleiben durften und nicht länger. Dann kam die Polizei und erklärte ihnen, dass sie in die nächste Kommune weiterziehen müssten. Folglich hatten die Romakinder keine Möglichkeit, in die Schule zu gehen. Man kann ja nicht alle drei Wochen die Schule wechseln. Und so waren bis weit in die Sechzigerjahre die meisten schwedischen Roma Analphabeten.

Ein Schock für die Schweden. Bettler! Auf unseren Straßen!

Aber dann, Anfang der Sechzigerjahre, tauchte Katarina Taikon, Schwedens Antwort auf Martin Luther King, in der schwedischen Öffentlichkeit auf. Zusammen mit ihrer Schwester Rosa (eine später hervorragende Silberschmiedin) bekam sie als Teenager einen Platz in einer Internatsvolkshochschule und lernte dort sehr schnell lesen. Und eines Tages fand Katarina Taikon eine Broschüre mit der Erklärung der UN-Menschenrechte. Das brachte den Stein ins Rollen. Katarina Taikon erkannte, dass sie und andere Roma immer wieder Vergehen gegen ihre Rechte hatten erleben müssen. Niemand konnte ein Gegenargument finden, abgesehen von den allergewöhnlichsten Vorurteilen, und deshalb dauerte es nur einige Jahre, bis die schwedischen Roma sowohl Wohnungen als auch eine Schulausbildung bekamen. Nicht ganz so einfach war es, des üblichen Alltagsrassismus‘ der breiten Öffentlichkeit Herr zu werden, aber langsam, ganz langsam wurde es tatsächlich besser.

Und dann, vor ein paar Jahren, tauchten die Bettler auf. Die rumänischen und bulgarischen Roma, die plötzlich vor jedem Supermarkt und jedem Einkaufszentrum überall im Land saßen. Das war geradezu ein Schock für die Schweden. Bettler! Auf unseren Straßen! Ich selbst war bereits über dreißig Jahre alt, als ich zum ersten Mal einen Bettler sah, und erst vor zwanzig Jahren konnte man in Stockholm vereinzelt einen Alkoholiker mit einem Becher vor sich auf der Straße sitzen und um Geld bitten sehen. (Was wir als äußerst unangenehm empfanden. Warum wandte er sich nicht an die sozialen Einrichtungen?) Doch plötzlich gab es überall Bettler, von dem kleinsten Dorf bis hin zu den großen Städten. Was sollten wir mit denen anfangen? Sollten wir ihnen Geld geben oder nicht? Und hatten wir nicht gehört, dass hinterlistige Verbrechenssyndikate ihnen das erbettelte Geld wieder abnahmen?

Wir sahen das Problem ganz einfach nicht

Dass der Beitritt zur EU und die Reisefreiheit in Europa solche Konsequenzen haben könnte, das hatten wir nicht erwartet, auch nicht, dass die Globalisierung mehr bedeutete als nur, dass die Industrieproduktion in Schweden immer weniger Arbeitskräfte benötigte und deshalb von uns allen eine bessere Ausbildung erwartet wurde. Zum Teil beruhte das darauf, dass wir inzwischen in einem Land mit starker Segregation lebten. Wir sahen das Problem ganz einfach nicht. Unter der Mehrheit der Bevölkerung war die Arbeitslosigkeit relativ gering, dafür in den Gebieten mit einem hohen Einwandereranteil umso größer, und mit der Arbeitslosigkeit kamen die sozialen Probleme, die immer dem Mangel an Arbeit folgen.

In Schweden sind wir gut darin, die Flüchtlinge willkommen zu heißen und ihnen Asyl zu geben. Aber die Integration funktioniert nicht ganz so gut. Wenn heute Menschen unter anderem aus dem unter Krieg leidenden Syrien nach Europa strömen, ist das ein Problem, das wir lösen müssen. Die Frage ist nur wie. Und da gibt es keinen Poeten, der uns die Antwort geben kann.

 

Flüchtlingshype, na und ? Lesen Sie hier, warum Schlecky Silberstein keine Rechtfertigung braucht, um Gutes zu tun


 

Weblinks
„Ich heiße nicht Miriam” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Majgull Axelsson

Majgull Axelsson

Majgull Axelsson gehört zu den derzeit erfolgreichsten Autorinnen Schwedens. Ihren Durchbruch hatte sie 1997 mit dem Roman Die Aprilhexe, für den ihr der renommierte August-Preis der schwedischen Verlegervereinigung verliehen wurde. Weitere Romane von ihr wurden ins Deutsche übersetzt. Als Journalistin hat sich Majgull Axelsson schon immer für gesellschaftliche Randgruppen interessiert und ihnen in ihren Büchern eine Stimme verliehen.

Foto: © Lein Cato

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