1916. Das blutige Jahr

Seit nunmehr 35 Jahren wird am 21. September der Weltfriedenstag begangen. Die UNO rief den Gedenktag 1981 ins Leben, um sowohl den Frieden innerhalb der Länder und Völker als auch die Beziehungen zwischen ihnen zu beobachten und zu stärken. Propyläen-Autor Jörg Friedrich blickt zu diesem Anlass auf das blutigste Jahr unserer Geschichte zurück, das vor genau 100 Jahren seinen tragischen Lauf nahm.

von Jörg Friedrich

drei_schlachten_1916Drei Schlachten 1916: Verdun, Sommes, Brussilow-Offensive

Wer in den Krieg zieht, muss ihn gewinnen, dann ist er zu Ende. Der Anfang war 1914 leicht gemacht. Als die Diplomatie so schnell keine Lösung fand, sagten die Militärs auf sämtlichen Seiten, sie könnten es schneller schaffen, man möge sie nur walten lassen, alles sei genau kalkuliert auf Tag und Stunde. Wer allerdings zu lange zögere, habe mit Sicherheit verloren, denn der Feind zögert nicht, er ist schon insgeheim unterwegs! Das will man nicht riskieren, und so wurde ab August geschossen.

Was der Politik in vier Juliwochen nicht gelang, schafften die Militärs in vier Jahren nicht. Nachdem die stärksten Mächte, Deutschland und Russland, zusammengebrochen waren und die Politik wieder zum Zuge kam, schaffte auch sie keine Lösung mehr für Europa. Es schleppte sich unglücklicher und unsicherer denn je dahin und landete nach zwanzig Jahren im nächsten Krieg. Die Welt, die daraus folgte, war unglücklicher und unsicherer denn je, usw. usf. Dass daraus kein Dritter Weltkrieg folgte, verdankte die Welt teils der Vernunft, größerenteils dem puren Glück. Die Gegenwart scheint vom Glück verlassen, und die Zukunft ist unsicherer denn je.

Dem Jahr 1916 kommt in der Kette der Verhängnisse eine Schlüsselfunktion zu. Es war der Brandbeschleuniger. Bis Ende 1914 waren die sommerlichen Versprechen der Militärs erledigt, ihre Pläne geplatzt. In der gegebenen Konstellation fehlte beiden Seiten die Kraft, den Gegner aus dem Felde zu schlagen. Die Politik hätte daraus folgern können, an den Juli 1914 anzuknüpfen und einen Kompromissfrieden auszuhandeln. Dann aber drohten den Personen, die zuvor den Weg freigegeben hatten für den Waffengang, persönliche Konsequenzen für die Kosten, darunter die nutzlosen Millionenverluste an Leben, die ihretwegen eingetreten waren. Infolgedessen zog man es vor, im Recht gewesen zu sein von Anbeginn und lieber die Konstellationen des Kriegs zu verändern.

Wer zusätzliche Partner warb, reicherte seine ungenügende Schlagkraft an. Indem dies alle betrieben, änderte sich dadurch nur, dass weitere Völker in den Strudel gerieten, welche der Ursprungskonflikt gar nichts anging: Bulgaren, Rumänen, Italiener, Griechen, Nordamerikaner. Deren militärische oder wirtschaftliche Teilnahme erfolgte nicht zur Selbstverteidigung, sondern aus Gewinnerwartung. Vorausgesetzt, das Kriegsglück beschied einen auf die Siegerseite! Als Verlierer würde man wüst ausgeplündert. So kämpften bald alle um die pure Existenz und konnten nur aussteigen um den Preis ernster Verstümmelung. Der Knoten aus schwindelnden Erwartungen, höllischen Ängsten, faulen Krediten und horrenden Blutverlusten schien unentwirrbar. Zugleich überstieg der Krieg aller Verhältnisse. Wer sollte die Endrechnung bezahlen, wenn nicht der rettungslos windelweich, ohnmächtig Geschlagene? Diesen Erretter aus der Not hervorzubringen, galt eine letzte große Konzentration aller Kräfte im Jahr 1916.

Wie zu erwarten in dem jäh zusammengebrochenen System europäischer Umgangsregeln und angesichts des Absturzes in einen Pfuhl sturen Abschlachtens, entwickelten die Kriegsparteien jede für sich einen rationalen Plan. Die Lage war außer Kontrolle geraten. Unmethodisch und blind hatte der Krieg seinen Lauf genommen. Anstelle der Hoffnung, der Gegner verliere die Nerven, die Lust und mache schlapp, gebietet die Kunst, einen chirurgischen Schnitt anzusetzen. Der Effekt ist, die Lebensader des Feindes an empfindlichster Stelle zu trennen. Das einzige Problem besteht darin, die richtige zu finden.

Der talentierteste russische Feldherr, Brussilow, überzeugte den Zaren, dass man sich törichterweise in Teiloffensiven  verzettelt habe, die von den Deutschen durch flinkes Verschieben ihrer begrenzten Kräfte leicht niederzuringen waren. Wer dagegen mit versammelter Wucht den brüchigen österreichischen Frontabschnitt in der Westukraine kippte und Hindenburg zwinge, alle Reserven zu verbrauchen, um den moribunden Partner zu stützen, der bringe den Koloss auf tönernen Füßen zu Fall. Die Briten und Franzosen wiederum versprachen, eine zeitgleiche Frühjahrsoffensive an der Somme zu starten, welche ihre US-gestützte Materialüberlegenheit ausspielte. Ihre Artillerie würde Explosiva und Granatsplitter in nie gekannter Dichte in die deutschen Gräben pumpen, so dass der stürmenden Infanterie nur noch Reste auszusäubern blieben.

1024px-eingang_fort_douaumontEingangsbereich des Forts Douaumont nach der Eroberung durch deutsche Truppen (Paul Lamm, Gemeinfrei, PD 1.0)

Die Deutschen ihrerseits ersannen einen ähnlichen Plan wie Brussilow, jedoch für eine taktisch unwesentliche, grenznahe Frontstelle, die Festung Verdun. Sie eigne sich dazu, den französischen Besatzern, schon so gut wie entschlossen, den Platz zu räumen, ein ganz überflüssiges Kräftemessen aufzunötigen. Der Besitz der Anlage bot keinerlei militärischen Vorteil, doch umgab sie ein historischer Nimbus. Die Pariser Regierung, geschwächt von zu vielen Debakeln im Vorjahr, würde ein erzwungenes Weichen von dieser Stelle nicht riskieren und aus politischem Prestige sich einem bedrohlichen Aderlass aussetzen. Die nun ließ den Briten keine Wahl, als von Norden herbeizueilen, sträflich ihre dortigen Linien auszudünnen und dem deutschen Vernichtungsstoß preiszugeben. Anschließend wären sie von ihren Nachschublinien am Kanal abgeschnitten.

Die Strategie der englisch-französisch-russischen Allianz, das deutsch-österreichische Bündnis mit einer koordinierten Schlagfolge zu zersplittern und die Teile zu überwältigen, hätte gelingen müssen; man fragt sich, warum dies bis zum dritten Kriegsjahr verschleppt wurde. Die deutsche Chance, eine Entscheidung im Westen zu suchen, ist strittig geblieben bis auf den heutigen Tag.

Allen drei Schlachten – Verdun, Somme und Brussilow-Offensive – eignet jedoch etwas Gemeinsames, und erst das macht 1916 zum Schreckensjahr: Sie wurden fortgeführt, als ihre Erfolge ausblieben, voraussehbar oder nicht, und selbst dann noch, als unmöglich noch welche eintreten konnten. Über Monate hinweg rottete die männliche Jugend Europas einander aus wie Ungeziefer. Der Krieg wechselte von einer Kampfbegegnung zur Industrie. Ein unerschöpflicher Strom von Geschossen verarbeitete Leiber maschinell zu Krüppeln oder Leichen und  Seelen zu Wracks. Die Maschinisten bekamen einander kaum zu Gesicht. Das einstige Schlachtfeld, der Begegnungsort der tapferen Heere, war überwiegend leer bis auf die zyklopische Artillerie, die aus Kilometerentfernung in hohem Bogen unsichtbare Wesen zermalmte, zum Schutz in die Erde vergraben, die Abermillionen nicht  mehr entließ. Sturmtruppen überkreuzten in Abständen von Zeit zu Zeit die Oberfläche, nur um festzustellen, dass dort in den Maschinengewehrgraben kaum Leben noch möglich war. Gelang es hier und da, eine Linie einzubuchten, wurden die Eindringlinge routiniert von den Flanken her erledigt.

Als Preis des Sieges ließe sich über die erforderlichen Opfer diskutieren, doch wurden sie der nackten Ratlosigkeit ihrer Führer geopfert. Deren Vorhaben erwiesen sich nach relativ kurzer Zeit als fruchtlos: Vor Verdun hielten die Franzosen auf den letzten Metern stand, entkräftet für die nächsten eineinhalb Jahre. Die Briten entblößten nicht ihre Linien, sondern blieben daran kleben. Ihre Kanonaden an der Somme durchbrachen nicht das deutsche Grabensystem, es blieben noch genug Verteidiger übrig, die besitznehmende Artillerie auszulöschen. Die Russen machten mit den Österreichern kurzen Prozess, aber die Deutschen stopften einigermaßen schadlos das Loch. Die pompöse Zangenoperation des Feindes von Ost und von West rollte nicht ihre überdehnten Fronten auf und raubte ihnen nicht die Zuversicht.

Die deutsche Idee, vermittels Verdun die Briten in die Falle zu locken und den halbmürben Franzosen die letzte Stütze zu entziehen, scheiterte wie alles andere binnen vierzehn Tagen. Die Führungen der Weltkriegsparteien nahmen ihr Scheitern aber nirgendwo zur Kenntnis. Sie setzten die entscheidungslosen Entscheidungsschlachten fort und unterlegten ihnen im Fortlauf bescheidenere Absichten, die vorschriftsmäßig glückten. Das einzige, was nicht gelang, war die definitive Ausschaltung des Feindes. Die Ausschaltung der Feindschaft kam nicht in Frage, denn das Heer der Opfer von 1914/15 war nun überschattet von dem weit größeren von 1916. Die Verluste waren zu gewaltige, um begrenzt zu werden. Ihre Sinngebung verlangte nach Verdoppelung, damit der Plan sich gelohnt hatte.

Den Führern von 1914/18 fiel es leichter, ihre Völker aufzugeben, als sich selbst. Womit gewährleisteten sie aber die Treue, die Gefolgschaft ihrer Untertanen? Warum durchschauten diese nicht das jämmerliche Gebaren ihrer Kaiser und Könige, Feldherren, Kanzler und Präsidenten? Warum wurde die Ausrottungsindustrie nicht bestreikt wie andere Industrien? Es gibt darauf zwei gegensätzliche Antworten. Die erste lautet, dass Bürger gezielt um den Verstand zu bringen sind durch Propaganda. Die zweite fand ein Wiener Seelenforscher, Sigmund Freud. Er schrieb 1915, dass Menschen zu Zeiten der ewigen Unrast des Daseins überdrüssig würden und sich sehnten nach der Stille des anorganischen Zustands. Das Jahr 1916 mag darauf hindeuten. Möglicherweise aber stimmen beide Theorien.


→ „14/18“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich, geboren 1944, erzielte mit seinem Buch »Der Brand« über den Bombenkrieg gegen Deutschlands Städte einen Welterfolg. Auch der Folgeband »Brandstätten« wurde zum Bestseller. 2007 erschien „Yalu. An den Ufern des dritten Weltkriegs“ über den Koreakrieg. Zuletzt erschien von ihm bei Propyläen „14/18. Der Weg nach Versailles“. Friedrichs umfangreiches Werk umfasst Standardtitel zur NS-Zeit, die ihm internationale Auszeichnungen eintrugen.

Foto: © Hans Scherhaufer

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