Zeitumstellung: Wenn selbst aus Lerchen Eulen werden

Alle Jahre wieder wird die Uhrzeit um eine Stunde vorgestellt. Unsere Autorin Bettina Hennig freut sich, dass der staatlich verordnete Jetlag auch missionarische Frühaufsteher mal spüren lässt, wie es Nachtmenschen das ganze Jahr über geht.

von Bettina Hennig

 

Am 27. März ist es wieder so weit: Die Uhr wird um eine Stunde vorgestellt. Schön, denkt mancher Energie-Lobbyist, dann kann man abends das Sonnenlicht besser ausnutzen; das kurbelt die Wirtschaft an und es spart Strom.

Doch wenn ich mich so umsehe, stelle ich fest: Die meisten Menschen sehen das weniger optimistisch. Sie denken, diese Zeitumstellung sei idiotisch und völlig unnütz. Und sie leiden. Denn auch dieses Jahr werden sie lange Zeit das Gefühl haben, zu früh aus dem Bett geklingelt zu werden. Sie laufen über Wochen mit Jetlag durch die Gegend, als hätten sie gerade einen transatlantischen Flug hinter sich. Sie sind unkonzentriert und schlapp und bauen statistisch gesehen sogar mehr Unfälle als sonst. Die Zeit, die sie abends bei Helligkeit im Biergarten sitzen können, wiegt diese Nachteile vorerst nicht auf. Die Klagen darüber ziehen sich über Wochen. Diese Anfangsphase der Sommerzeit ist für fast alle die Zeit der müden Augen, der hängenden Köpfe und des lautstarken Gähnens.

Und meiner grenzenlosen Schadenfreude.

Ja, ehrlich! Ich finde das Ganze immer wieder herrlich und hoch amüsant! Für mich als bekennende „Langschläferin“ (so heißen hierzulande Leute, die keineswegs länger schlafen als Frühaufsteher, sondern halt nur zu anderen Zeiten) ist die Woche nach der Zeitumstellung zugegebenermaßen die schönste im ganzen Jahr. Nur dann nämlich können all die Menschen, die mich sonst schief ansehen, mitfühlen, wie es mir immer geht. Und ich kann sehen, wie es ihnen geht, wenn es ihnen so geht wie sonst immer mir. Mitleid? Nein! Jetzt ist Zahltag.

Ich lache über den Postboten, der sich selten eine spitze Bemerkung darüber verkneifen kann, dass ich meine Wohnung um 11.30 Uhr noch verdunkelt habe wie meine Großmutter in Kriegszeiten. Nun bekommt er selbst zur Mittagszeit die Füße nicht hoch.

Ich lache über die Nachbarin, die, wenn ich nachmittags das Paket, das der Postbote bei ihr abgegeben hat, abhole, mich seit Jahren mit Kommentaren nervt wie: „Na, Frau Hennig, also wir sind ja schon lange beim Nachmittagskaffee. Und geputzt und gebügelt habe ich auch schon.“ Nun klagt sie über Schlaflosigkeit, und ihm Hintergrund stapeln sich Wäsche und Kreislauftabletten. Ich lache über die Kolleginnen und Kollegen, die sonst, wenn ich auf die Sekunde genau zum Arbeitsantritt die Schwelle zum Büro überschreite, tuschelnd die Köpfe zusammenstecken und Sätze fallen lassen wie: „Na, auch schooooon da?“ Nun lehne ich mich genüsslich zurück und schaue mir an, wie sie nach und nach hineingetröpfelt kommen, mit Ringen unter den Augen.

Foto: bartbblom

Foto: bartbblom

Doch leider bleibt mir das Lachen im Halse stecken! Denn nach ein paar leidvollen Wochen ergeht es mir so wie immer: Ich bin die Böse! Während diese Dauerjetlagsituation für die Frühaufsteher nur eine Phase ist, in der sie vorübergehend aus dem Takt geraten, gelte ich schon mein ganzes Leben als charakterschwach, undiszipliniert und faul. Dabei bin ich – ja, Leute, fragt ruhig mal meine Freunde! – sehr diszipliniert und äußerst fleißig. Fast jeden Tag arbeite ich bis in die Nacht, und wenn andere nach den Tagesthemen zu Bett gehen und das Licht löschen, sprühen bei mir die Ideen. Das kriegt von den Frühaufstehern bloß keiner mit – weil die zu diesem Zeitpunkt ja alle schon pennen. Ich mache meine abendliche und nächtliche Aufgewecktheit zum Beruf. Nur am nächsten Morgen will mir da keiner glauben.

Schon ahne ich die üblichen Einwände: „Alles nicht so schlimm“, „Geh einfach mal früher zu Bett!“ „Alles eine Frage der Disziplin.“ – und so weiter. Oh nein, liebe Leute. Mir geht es immer so, wie Euch in der Woche nach der Sommerzeitumstellung! Schön ist das nicht.

Und schön ist auch, dass Frühaufsteher immer noch die ganze Welt glauben lassen wollen, Morgenstund’ habe Gold im Mund – weil nur Arbeit, die früh getan wird, gut und wertvoll sei. Dummerweise, so vermute ich kühn, sitzen Frühaufsteher in der Wirtschaft und der Politik an den Schalthebeln der Macht und können die Welt nach ihren Spielregeln gestalten. (Oder ist irgendein echter Langschläfer in der Lage, morgens um halb sieben dem Deutschlandfunk komplexe Fragen zur Migrationswelle und den Vorwahlen in den USA zu beantworten?)

Dabei ist für Frühaufsteher früh aufstehen gar keine Leistung. Es ist ihre Kernkompetenz.

Wenn ich mal wieder unverhofft Ratschläge zu meinem Lebenswandel bekomme („Denk mal darüber nach, deinen Rhythmus umzustellen!“), hege ich, offen gestanden, Rachefantasien. Ich male mir eine Welt aus, in der die Langschläfer die Macht übernommen und das Sagen haben. Eine Welt, in der es grundsätzlich nur Gleitzeit gibt und man so spät kommen darf, wie man will, und so lange arbeiten darf, wie man kann. In der man nicht in der Rushhour zur Kita hetzt, Kinder nicht viel zu früh schulische Leistungen erbringen müssen und Staus sich in Wohlgefallen auslösen, weil jeder genau dann fährt, wann er will, und nicht dann, wann er muss. Eine Welt, in der es an der Tankstelle und in der Kantine keine Schlangen gibt und Postboten, wenn man ihnen leicht verschlafen und im Morgenmantel gegen Mittag die Tür öffnet, freundlich sagen: „Na, gestern wieder lange gearbeitet?“

Und – das sollte auch denjenigen auffallen, die vor dem dritten Morgenkaffee schon für alle hörbar eine fröhliche Melodie pfeifen: Diese Welt ist eine friedlichere Welt, als eine, in der Menschen darüber wachen, dass man pünktlich zur Arbeit kommt und alles Wesentliche zwischen frühmorgens und spätnachmittags geschieht. Deshalb: Ein Lob  den friedlichen Langschläfern! Nicht nur zur Zeitumstellung.


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Der frühe Vogel kann mich mal auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
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Bettina Hennig

Bettina Hennig

Bettina Hennig arbeitet tagsüber für einen großen Hamburger Verlag und nachts an ihrer Doktorarbeit. Sie hasst es, früh aufzustehen, und verteidigt ihre morgendliche Bettruhe mit Ohropax und Schlafbrille. in Ihrem Buch Der frühe Vogel kann mich mal (Ullstein TB) zeigt sie, warum Eulen die besseren und netteren, da ausgeschlafeneren Menschen sind und  warum man so lange im Bett bleiben sollte, wie man will.

Foto: © privat

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