The Sound of Bavaria, part III:
Von Damenschnitzeln und falschen Bieren

Im dritten Teil von Harry Kämmerers Kolumne „The Sound of Bavaria“ berichtet der Autor von fragwürdigen Aufklebern zum Erhalt der bayerischen Sprache und von furchteinflößenden Getränkemarktmitarbeitern, die ihm beim abendlichen Weinkauf begegnen und ihm klar machen, dass die Münchener Weltoffenheit bisweilen noch optimierbar ist.

von Harry Kämmerer

Letzte Woche war ich in einem Gasthaus in Leipzig und hab wirklich was gelernt hinsichtlich Weltoffenheit. Da hat sich schon mal keiner daran gestört, als ich mit einem fröhlichen „Servus“ das Lokal betreten hab. Und die Bemerkung der Bedienung über das kalte Wetter mit einem „Ja, mei“ kommentiert hab. Möchte ich mal in Bayern sehen, wenn du auf Sächsisch lospulverst. Die in Leipzig haben den Bayern ganz locker toleriert. Und weil es ein Schnitzel-Lokal war, haben sie mir dann auch kein Wiener Schnitzel empfohlen, sondern ganz bayerisch ein „Schnitzel Traunstein“. Komischerweise hatten sie kein „Münchner Schnitzel“, aber Kleinstadt ist ja manchmal auch ganz schön, so regionale Qualität. Ich hab gefragt, was das ist und die Dame hat mit ihren schwarzen Wimpern geklimpert und gesagt: „Das ist so frisch, dass es jodelt.“ Ha, einen guten Humor haben die da.

„Gut, dass ein ‚j‘ drin ist“, hab ich gekontert. Aber der Witz hat irgendwie nicht gezündet. War vielleicht auch ein bisschen sehr um die Ecke gedacht. Das Schnitzel war so lala, ein ziemlich zähes Naturschnitzel mit sehr dunklen Pommes, über die mit Mayo-Tube ein Rautenmuster gedrückt war. Doch die Grundidee ist gut: Vielfalt statt Einfalt. Ich hab schon überlegt, was dann die anderen 99 Schnitzelarten so bieten. „Damenschnitzel“ oder „Texaner Schnitzel“. Aber wahrscheinlich sind die alle gleich und man macht sie nur durch die eigene Erwartungshaltung zu was Besonderem. Ich stell mir vor, dass das Damenschnitzel im eleganten Damensattel verzehrt werden muss, also beide Beine auf einer Seite von der Sitzfläche parallel rausgestellt, und immer nur ganz kleine Häppchen. Während man bei der Texas-Variante breitbeinig auf dem Stuhl flackt und sich Riesenstücke in den Mund schiebt. Alles eine Sache der Haltung. Hat mir gut gefallen, der Grundgedanke, die vielen Schnitzel – das ist bunt, international, weltoffen.

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Yes, this is diversity – Schnitzel-House in Leipzig.

München ist auch weltoffen. Also meistens. Wie gesagt, ich kann nicht garantieren, dass man freundlich empfangen wird, wenn man hier mit Sächsisch irgendwo aufschlägt. Dass manche U-Bahnfahrer ihre Durchsagen in lupenreinem Sächsisch machen, ist ja schon Provokation genug. Aber da entstehen noch keine Probleme. Wegen der Machtverhältnisse. Denn der Chef am Drücker kann einem die Tür vor der Nase zuknallen, wenn man mal wieder knapp dran ist. Gerade Türen haben es in München in sich. Ich mein jetzt nicht das P1 oder so, sondern die Türen, die mit folgendem Aufkleber verziert sind:

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Das ist weniger Folklore als vielmehr ein Warnhinweis: „Wage es nicht, Fremder, mit unlauteren Begierden und falschem Zungenschlag die Schwelle dieses Hauses zu übertreten. Zur Hölle wirst du fahren sonst!“ Aber Hölle hat mich schon immer gereizt. In welch schäbigem Design sie auch immer daherkommen mag. Ein solcher Mia-redn-Boarisch-Sticker klebt an der Tür vom Getränkemarkt bei mir ums Eck in der Au. Direkt neben dem Pilspub der Marinekameradschaft. Sehr sinnig. Finde ich. Klare Waterkant. Bei denen gibt es bestimmt nur irgendein greisliges Pils aus Norddeutschland. Falsch gedacht. Da gibt’s Hacker Pschorr. So eng sehen das die Münchner Brauer auch nicht. Gut so.

damenschnitzel55Auch das ist München – exotisch.

„Mia redn Boarisch.“ Das Gehirn spielt einem ja manchmal Streiche. Man sieht so ein paar Buchstaben vorn und hinten und schlussfolgert vorschnell: „Boh, arisch.“ Kam mir jedenfalls in den Sinn. Nein, das ist jetzt auch gemein. Aber das Wort „Arsch“ steckt da schon irgendwie drin. Sag ich jetzt nicht einfach so wegen selektiver Wahrnehmung. Ich hab da meine ganz konkreten Erfahrungen. Denn mir geht es da wie den Fliegen mit der Scheiße. Sowas zieht mich magisch an. Wie neulich.

Ich bin auf dem Heimweg von der Arbeit und mal wieder ein bisschen spät dran und brauch noch eine Flasche Wein. Also leg ich einen Zwischenstopp in der Au ein. Jaja, Wein kaufen sollte man in einem „boarischen“ Getränkemarkt sowieso nicht. Aber wie gesagt – mir geht’s da wie den Fliegen. Ich husch in den Laden, seh dort ein Regal mit Wein. Zwar nur einen Meter breit, aber ansehnlich gefüllt. Steh so in anderthalb Meter Abstand davor und schau.

„Jetzt geh halt hi!“

Ich studiere die Etiketten.

„Jetzt geh halt hi!“

Wer? Ich? Ich dreh mich um und der Typ im grauen Hausmeisterkittel hinter der Kasse meint tatsächlich mich. „Ja, du! Geh halt hi!“

Ich – jetzt nicht so Robert de Niro: „Meinst du mich?! Sprichst du mit mir?! Hä?!“ –, sondern mach unwillkürlich einen Schritt aufs Regal zu und greif mir irgendeine Flasche Rotwein. Bin ein bisschen gestresst.

damenschnitzel66Unterbelichtet und gefährlich: vor der Augustiner-Wand ist genug Platz für’s Duell.

Auf dem Weg zur Kasse nehm ich von einer reichbestückten Europalette mit Augustiner Bier zwei Flaschen aus einem Kasten – als Reserve. Im Augenwinkel seh ich im hinteren Bereich des Marktes einen hellblauen Kasten und frag den Kassenmann: „Haben Sie auch ein Tegernseer?“

Tödliche Stille. Ein Hauch Nirwana. Nur das Summen eines Kühlschranks. Der sich plötzlich angewidert schüttelt und Flaschen klirren lässt.

Dann die Botschaft des Bekittelten: „Eahm schaug o, a Tegernseer mecht er! Hans, hast des g’hert?“, ruft er in schneidend-hoher Stimmlage seinem ebenfalls kitteltragenden Zwilling hinten beim Leergut zu.

Der Hans zischt: „A Tegernseer mecht er…“ Und schüttelt den Kopf.

„Habt’s ihr jetzt ein Tegernseer?“, frag ich – jetzt auch im leicht verzweifelten Duz-Modus. Stille ist die Antwort. Ich spür stechende Sonne, heißen Sand, hab schweißige Hände.

„Karl, hamma mir a Tegernseer?“

„Na, hamma ned“, raunzt der Kassenmann. „Jetzt nimmst a Augustiner! Schmeckt a.“

Ich zahl ganz schnell und geh. Wie ich durchgeschwitzt draußen steh, bin ich froh am Leben zu sein. Weiß nicht genau, was passiert ist. Doch – eine Grenzüberschreitung. Mein Tegernseer kauf ich in Zukunft nur noch bei meiner Tanke. Da kostet es zwar 1,80. Aber 50 Cent mehr sind gut angelegt, wenn einen dafür keiner blöd volllabert.

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From dunkel to hell – die Marke ist doch wurscht. Hauptsache voll!

Ich bemüh mich ja, immer das Positive zu sehen. Selbst im letzten Scheiß. Und bin froh, wenn ich weiß, wo ich besser zurückbleib, nicht nähertret. „Mia redn Boarisch“ ist sowas wie die Hundeschilder vor der Metzgerei. „Ich muss leider draußen bleiben.“ Oder andersrum, ganz kurz und knapp: „Deppen unter sich.“ Manchmal zweifle ich dann schon an der schönen Behauptung, dass München bunt ist.

damenschnitzel9Aber es stimmt schon weitgehend. Zum Glück. Bagida oder Muegida und ihre Demos verursachen ja hier zum Glück keine so Riesenprobleme. Allerdings sind unter den wenigen Abendländern dann doch recht viele echte Neonazis, im Verhältnis sogar sehr viele. Kommen raus, um Seit an Seit mit ein paar vermeintlich bürgerlich-konservativen Protestlern zu kuscheln. Wobei Braun auch kein helleres Schwarz ist – so viel politische Gerechtigkeit muss schon sein. Durch die ganze aufgeheizte Stimmung bin ich zurzeit etwas übersensibel. Zuck schon beim Werbespruch des Sonnenstudios in meiner Straße zusammen. „Lust auf Bräune.“ Echt nicht. Wobei die Braunen da ja gerade nicht hingehen, die sind in der Regel käsig und haben verwaschene Tattoos. Jaja, man darf nicht überall was hineingeheimnissen. Bei Brazil Beauty auf der anderen Straßenseite denk ich mir ja auch nix. Und das passt ja eigentlich gut zusammen.

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Aber zurück zu Getränkemarkt und Leipziger Schnitzel-House. In puncto Weltoffenheit ist auch München noch optimierbar. Hier fühlt man sich manchmal sogar fremd in der eigenen Stadt. Und das ist nicht das Patrioten-Argument, sondern genau die andere Perspektive. Ich mach ja immer so Gedankenspiele. Wenn ich jetzt einen weichen Integrations-Keks hätte, würde ich mich mal so richtig reinhängen, mich voll stilsicher in den boarischen Kosmos einpassen. Ja, vielleicht mach ich das mal. Nehm Dialekt-Unterricht bei meinem Spezl Andi. Der ist ja ein waschechter Münchner. Jeden Montagabend im Giesinger Bräu. Zusammen mit meinem Kumpel Gitarren-Reini, weil diese Ruhrgebiets-Typen fallen ja schnell unangenehm auf. Und wer weiß, vielleicht finden wir gemeinsam Zugang zur bunten Welt der Trachten. Ja, ich seh’s genau vor mir, das Plakat für die nächste Lesung.

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Lesen Sie hier Teil 2 des „Sound of Bavaria“


 

Harry Kämmerer

Harry Kämmerer

Harry Kämmerer, geboren 1967, aufgewachsen in Passau, lebt mit seiner Familie in München. Verlagsredakteur mit Herz für Musik, Literatur und Kabarett. Verfasser einer Dissertation zum Thema „Satire im 18. Jahrhundert“ und der kultigen Krimis IsartodDie Schöne MünchnerinHeiligenblut und Pressing.

Foto: © Christian Weiß

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