Stumpfsinn allerorten

Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch feiert runden Geburtstag – vor 100 Jahren wurde es in St. Petersburg der Öffentlichkeit präsentiert. Das Bild war ein Affront, die Abwesenheit von Farbe ein Nullpunkt in der Geschichte der Malerei. Erst spät wurde es entsprechend gewürdigt. Auf Marco Tschirpke hat es Eindruck gemacht – soll das etwa Kunst sein?

von Marco Tschirpke

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Ahnte Malewitsch das moderne Krankenzimmer voraus? Links: das Schwarze Quadrat 1915 in Petrograd; rechts: nach der Ausstellung (Bildmanipulation: der Autor)

Als Kasimir Malewitsch 1915 sein Bild „Das schwarze Quadrat“ ausstellte – und er hatte zu diesem Zeitpunkt längst unter Beweis gestellt, dass er auch malen kann –, da schlug ihm der Wind der Kritik kalt entgegen. Schriftsteller Mereschkowski, um nur einen zu zitieren, wetterte gegen die „Invasion der Rüpel in die Kultur“. Es hat noch einige Jahrzehnte gebraucht, und mittlerweile haben die Rüpel gesiegt: Die Malerei ist gegenstandslos geworden. Malewitsch blieb sein Leben lang von finanziellen Sorgen geplagt; Gerhard Richter indes weiß bis heute nicht, weshalb man ihm Millionen zahlt. Bemerkenswert ist, dass das Schwarze Quadrat zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts seine akustische Entsprechung im Techno gefunden zu haben scheint. Auch dessen Produzenten leben mit der fixen Idee, dass das, was sie herstellen, Kunst sei. In die Räumlichkeit transformiert entpuppt sich das Quadrat als jener dunkle Quader, der unter dem Fachbegriff ‚Diskoschuppen‘ seine Anhänger findet. Malewitsch selbst hatte ab 1922 an der auch architektonischen Umsetzung seiner Theorie des Suprematismus gearbeitet: „Die Kultur des Suprematismus kann in zweierlei Erscheinungsformen auftreten: und zwar in der des dynamischen Suprematismus der Fläche oder in der des statischen Suprematismus im Raume – der abstrakten Architektur – (mit dem additionalen Element des „suprematistischen Quadrats“)“.

Was bislang fehlte, war die Transformation des Schwarzen Quadrats in ein vierzeiliges Gedicht. Ich rühme mich, die Aufgabe als solche erkannt zu haben, und ich stelle ihre Lösung dem kenntnisreichen Urteil des Lesers anheim:

 

MODERNE MALEREI

Vor ’nem schwarzen Viereck
Stehend, sprech ich mild:
„Nur weil’s an der Wand hängt,
Ist es noch kein Bild.“

 

Da ein Mensch von seelischer Gesundheit sich nun mal für Kunst interessiert, sei hier ein weiteres bedeutsames Gemälde beschrieben. Dieses Bild werden Sie zwar in keinem Museum der Welt finden; ich habe aber herausgefunden, dass es mit wasserlöslicher Ölfarbe gefertigt wurde. Wasserlösliche Ölfarbe – die gibt es tatsächlich. Es ist eine relativ neue Emulsion, die die Nachteile der Acrylfarbe mit denen der Ölfarbe vereint. Wenn Sie also Ambitionen in dieser Richtung haben und es sich nicht allzu leicht machen wollen, dann nehmen Sie die.

Dass dieses Bild in keinem Museum hängt, mag seiner bescheidenen Qualität geschuldet sein. Ich habe es selbst gemalt. Gemälde und Gedicht tragen den Titel:

 

VENUS BEIM SONNENBAD

Wie das Dörrobst auf dem Teller
Welkt das schlecht justierte Fleisch.
Schwerfällt, Göttinen zu preisen,
Wenn die Geier oben kreisen.

 

Gewiss, derlei ist Geschmackssache. Goethe bemerkt 1815, dass den Kunstfreund eine Änderung seines Urteils ankommen kann: er besitzt ein Gemälde, und dann treibt ihn ein verändertes oder abgestumpftes Interesse dazu, es zu veräußern. In den Augen des Besitzers ist der Kunstwert vermindert, aber kluge Museumsdirektoren wussten und wissen die Gunst der Stunde zu nutzen und jene Werke günstig anzukaufen. Als beinahe regelmäßiger Museumsbesucher gestatte ich mir zum Schluss noch die Beschreibung folgender Situation…

 

IM MUSEUM

Kühn setzt sich, im schwarzen Pelz,
Sechsbeinig und ausdrucksarm,
Eine Fliege aufs Gemälde,
Nicht auslösend den Alarm.

Sie hat sich, ob absichtsvoll,
Jedenfalls nicht nach der Nase,
Auf ein Stillleben gesetzt:
Tisch mit Obst, Konfekt und Vase.

Wie sie da so sitzt im Bild
Und das Stillleben belebt,
Auf dem runden Bauch der Birne
Ihre Hinterbeine hebt,

Hole ich, der Ordnung halber,
Mit der Rechten etwas aus,
Bring das Tier in eine Ebene.
Jetzt sirent das ganze Haus.


Weblinks
Die offizielle Website von Marco Tschirpke
„Frühling, Sommer, Herbst und Günther” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Marco Tschirpke bei Facebook

Marco Tschirpke

Marco Tschirpke

Marco Tschirpke wurde 1975 in der DDR geboren. Seit 2003 steht er mit seinen Gedichten und den sog. Lapsusliedern auf der Bühne und gewann seither zahlreiche Kleinkunstpreise, u.a. den Deutschen Kleinkunstpreis. Jenseits der Kabarettbühne liegt der Schwerpunkt seiner Aktivitäten in der Vertonung der Gedichte von Peter Hacks und in der Nichtvertonung der Gedichte von Günter Grass.

Foto: © Erik Neumann

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