Rabimmel, Rabammel, Rabumm

Am 11. November ist Martinstag – ein Fest, das Anton Leiß-Huber als Bayer und Katholik seit seiner Kindheit vertraut ist. Seine denkwürdige Begegnung mit dem heiligen Martin im protestantisch geprägten Osten Deutschlands schildert er hier.

von Anton Leiß-Huber

erfurt_-_martinstag

Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne.
Brenne auf, mein Licht,
Brenne auf, mein Licht,
Nur meine liebe Laterne nicht!

… Du Krüppel, elendiger!

 

Meist ist der November grau, trist und depressionsfördernd. Kein Wunder, dass sich dieses „Lichterfest“ zu Ehren des heiligen Martin in unserem Kulturraum entwickelt hat. Rund um den Martinstag habe ich in meinem Leben schon viel erlebt. Wie zum Beispiel die selbstgebastelte, rosafarbene Papierlaterne, die mein älterer Bruder beim Kindergartenumzug durch ein Feuerzeug in Flammen aufgehen ließ. So wurde das einstudierte Laternen-Lied natürlich ins Absurde geführt. Aber warum sollte denn eine Laterne nicht brennen, wenn es auch das zugehörige Licht tut?

Dass ein Sechsjähriger bereits im Besitz eines eigenen Feuerzeugs ist, deutet nicht etwa daraufhin, dass wir Rabeneltern haben, sondern ist für Bayern nicht ungewöhnlich. Die dialektal vorgetragene Standpauke meiner Mutter, welche die singenden Kinder um uns herum übertönte, sowie die Androhung ihm das Ding für zwei Wochen zu entziehen, war es ebenso wenig.

In der zweiten Klasse der Grundschule habe ich die Rolle des Bettlers abgelehnt, weil das Kostüm des heiligen Martin viel schöner war. Dieser Mantel aus rotem Polyester ließ sich nämlich durch einen eingenähten Klettverschluss theatralisch teilen. Als Requisit erhielt man auch noch dazu ein Plastikschwert! Deshalb bestand ich bei meiner Lehrerin Frau Eitinger darauf, nur den Heiligen darstellen zu wollen, der Mann in Lumpen hingegen sei unter meiner Würde. Das hatte dann zur Folge, dass ich in die zweite Reihe des Blockflötenchors verbannt wurde. Allerdings tat diese Demütigung meiner späteren Bühnenkarriere keinen Abbruch.

Mein erstes festes Engagement an einem Theater nach dem Studium führte mich in die Tiefen der ostdeutschen Provinz. Dort im Luther-Land wird dieses Fest des heiligen Martin noch größer inszeniert, als ich es mir jemals in meinem katholischen Geist hätte vorstellen können. Kinderumzug, Konzert, 15-minütiges Feuerwerk und Gänsebraten waren Programm in jeder noch so kleinen Kneipe. „Aber hallo, is‘ denn heut scho‘ Weihnachten?“, fragte sich da meine bayerische Seele.

Als sich Brust und Keule der polnischen Hafermastgans vor mir auftürmten, trieb mich die Neugierde soweit, die sympathische Kellnerin in ein kurzes Gespräch zu verwickeln. „Warum“, wollte ich wissen „wird hier eine derart riesige Martinsparty veranstaltet?“

Die Dame schenkte mir einen mitleidigen Gesichtsausdruck und rollte dabei ihre Augen. „Naja, das ist doch klar! Martin Luther hat doch mit so nem Bettler damals seinen Mantel geteilt.“

What? „Der heilige Martin!“, konterte ich.

„Martin Luther!“, sagte sie – ohne zu Zögern – etwas lauter.

Nachdem ich wiederum insistierte, dass es wohl der Heilige und nicht der große Reformator gewesen war, verschwand sie beleidigt in der Küche, um einige Minuten später mit dem Seniorchef des Hauses an ihrer Seite zurückzukehren. „Der Herr kommt von auswärts und fragt, warum wir heute feiern.“

Ihr Chef sah auf mich herab. „Der Tag heute wird Martinstag genannt …“

Ich nickte.

„… weil wir daran erinnern, dass vor langer Zeit Martin Luther mit einem Bettler seinen Mantel geteilt hat.“

Die Worte „Pisa Studie“ und „Wer-wird-Millionär-Versager“ schossen durch meinen Kopf. Da ich hier gegen eine Mauer anreden würde, entschied ich mich für ein knappes „Danke“. Meine Mission, die Menschen zu belehren, dass es der heilige Martin von Tours war, der seinen Mantel durchtrennte, sah ich in diesem Augenblick als beendet an.

Doch woher stammt dieser Irrglaube? Für mich hielt das Internet eine Antwort bereit. Dazu können wir alle einen Selbstversuch starten. Gibt man bei Google die Worte „martin luther te…“ ein, werden einem noch seine „texte“ angeboten, entscheidet man sich hingegen noch ein i anzuhängen, erscheint tatsächlich „martin luther teilt mantel“. Rabimmel, Rabammel, Rabumm.


 

Das Buch
In Altötting wird die österliche Fastenzeit noch ernstgenommen – zumindest von den Geistlichen. Der Rest der Gemeinde gibt sich der gemütlichen Völlerei hin. Dass Rainer Schutt-Novotny für das Brechen des Fastengebots gleich mit dem Leben zahlen muss, hätte allerdings niemand geglaubt. Der Verwalter des „Tilly-Benefiziums” liegt tot in der Kapelladministration. Kommissar Max Kramer ist gefragt, und während er versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, lässt er sich von der attraktiven Staatsanwältin ablenken. Derweil kommt seine Jugendliebe Maria Evita auf eine ganz eigene Spur…

Links
Gnadenort auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Die offizielle Website von Anton Leiss-Huber

Anton Leiß-Huber

Anton Leiß-Huber

Anton Leiß-Huber ist ein waschechter Bayer. Geboren 1980 und aufgewachsen in Altötting, lebt er heute in München. Er ist gelernter Theaterschauspieler und Sänger mit Engagements u.a. am Bayerischen Staatsschauspiel und arbeitet als Sprecher für den Bayerischen Rundfunk. Fastenopfer ist nach Gnadenort sein zweiter Kriminalroman und erscheint im Januar 2017 bei Ullstein als Taschenbuch.

Foto: © Isabela Vermehren

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