Pomp, Pracht und Herrlichkeit

Heute ist Fronleichnam, der Feiertag, den man hier in Berlin nur vom Hörensagen kennt. Als waschechter Bayer und Katholik kennt unser Autor Anton Leiss-Huber diesen natürlich ganz genau und verrät uns, warum er irgendwann nicht mehr an den Prozessionen teilgenommen hat. Eine Erinnerung an Altare, Fahnen und brüderliche Prügeleien.

von Anton Leiss-Huber

Fronleichnamsprozession

„Ernsthaft? Ihr tragt eine Oblate durch die Stadt?“

„Nein eine Hostie.“

„Das ist doch das Gleiche?!“

„Eine Oblate klebt unter Lebkuchen. Eine Hostie ist geweiht und gibt’s nur in der Kirche.“

„Ihr Katholiken seid seltsam.“

 

„Fronleichnam“ oder „Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi“ oder kurz: gesetzlicher Feiertag. Immer an einem Donnerstag. Nix Maloche! Ausschlafen. Zumindest dürfen das die Menschen in unseren katholisch geprägten Gebieten, aber auch nur dann, wenn sie ungläubige Heiden sind und sich vor der Prozession durch den Ort drücken.

Was Katholiken im Gegensatz zu den Lutheranern wirklich vollkommen beherrschen, ist die Inszenierung ihres Glaubens mit Pomp, Pracht und Herrlichkeit. Und wer denkt, Weihnachten und Ostern wären schon schick, der hat noch nie einer Fronleichnamsprozession in Bayern beigewohnt.

Festlich geschmückte Altäre an den Straßenseiten, sich davor ausbreitende farbenfrohe Blumenteppiche und Böllerschützen. Ob Feuerwehr, Kindergarten, Blaskapelle, Frauenbund und Kriegerkameradschaft, alles ist frühmorgens auf den Beinen, um dabei zu sein, wenn ein kleines Gebäckstück (genannt Oblate, Hostie oder Leib Christi) seinen angestammten Platz in der Kirche verlässt und unter dem größtmöglichen Trara durch das Dorf oder die Stadt getragen wird.

Wo Bayern am bayerischsten ist und der Katholik am katholischsten, dort liegt meine Geburtsstadt Altötting. Das Herz Bayerns, wie es so schön heißt, in dem ich ohne größere Folgeschäden sozialisiert wurde. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass dort Fronleichnam auch am fronleichnamigsten ist.

Meine Karriere in der Prozession ging über verschiedene Stationen vom Erstkommunionkind direkt hinter dem hochwürdigen Herrn Pfarrer bis zum Fahnenträger der Pfadfinder, die brav in ihrer Kluft eine eigene Gruppe bildeten. Für das Versprechen später den Kindern ein Eis zu kaufen, konnte man auch die noch so müden und religionsfernen während der Pfingstferien aus ihren Betten locken.

Ich war ungefähr zwölf Jahre alt. Die Sonne lachte in voller Pracht an diesem Fronleichnamsdonnerstag vom bayerischen Himmel herunter – und der Fahnenmast in meinen Händen hatte das gefühlte Gewicht eines Zentners. Nach den ersten Schritten schmerzten bereits meine Hände und Schultern. Allerdings war ich dermaßen aufgeregt, dass mich das Adrenalin in meinen Adern die ganze Tortur ohne das kleinste Anzeichen von Schwäche überstehen ließ.

Fast 200 Menschen marschierten behäbig durch die für den Verkehr gesperrten Straßen, um alle paar hundert Meter bei einem extra aufgebauten Altar innezuhalten. Der Pfarrer sprach ein paar salbungsvolle Worte, darauf nuschelte eine durch ein Megaphon verstärkte, männliche Stimme : „..ahnen …. enk“. Nun knallten ein paar Böllerschüsse in die andächtige Stille und alles setzte sich wieder in Bewegung.

Mein älterer Bruder, der seine eigenen Erfahrungen als Fahnenträger schon vor ein paar Jahren gesammelt hatte, lief an meiner Seite und erklärte mir, dass das unverständliche Kommando aus dem Lautsprecher „Fahnen schwenk“ heiße. Beim kommenden Altar sollte ich doch bitte ehrenvoll und für jeden ersichtlich auch die Fahne schwenken. Dies sei so der Brauch.

Bis zur nächsten Gebetspause brauchten wir allerdings etwas länger. Denn den Erstkommunionmädchen in ihren weißen Kleidern, die vor der Monstranz (ein goldenes Gefäß, in der die Hostie ausgestellt ist) liefen und aus Körbchen Blütenblätter auf die Straße warfen, war nämlich ihr Stoff ausgegangen. Kurzentschlossen sorgten sie selbst für Nachschub und schwärmten in eine angrenzende, dicht bewucherte Baulücke aus, um ihre Behältnisse mit Löwenzahn wieder aufzufüllen. Die entstandene Verzögerung konnte erst durch das beherzte Eingreifen einiger Mütter beendet werden, die ihre Töchter unsanft auf die Straße zurück zerrten.

Beim nächsten Altar angekommen begann nun wieder dasselbe Spiel. Gebet, Stille, Knacken aus dem Lautsprecher. Da ich einen guten Job verrichten wollte, trat ich aus der Reihe vor und begann, in den andächtigen Sekunden meine Fahne zu schwenken, als gäbe es kein Morgen. Ich wedelte mir sozusagen einen ab. Als Reaktion erntete ich keinen Applaus. Verständnislose bis verachtende Blicke waren die Antwort der Landbevölkerung. Mancher dachte sicher, ich würde an einer nicht näher erforschten Krankheit leiden, die heutzutage als Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom beschrieben wird. Mein Bruder hingegen hatte Mühe, vor Lachen nicht die Kontrolle über seine Blase zu verlieren. Der unverständliche Befehl hatte mit „Fahnen schwenk“ überhaupt nichts zu tun. Es hieß schlicht und ergreifend ganz besinnlich „Fahnen senk“.

Ich muss gestehen, dass es die letzte Fronleichnamsprozession war, an der mein Bruder und ich teilgenommen haben. Diesen Witz auf meine Kosten konnte ich damals nicht einfach kommentarlos hinnehmen. Und so hinterließen die prügelnden Leiss-Huber Buben neben dem Altar einen bleibenden Eindruck bei der Kirchengemeinde.


Das Buch
In Altötting wird die österliche Fastenzeit noch ernstgenommen – zumindest von den Geistlichen. Der Rest der Gemeinde gibt sich der gemütlichen Völlerei hin. Dass Rainer Schutt-Novotny für das Brechen des Fastengebots gleich mit dem Leben zahlen muss, hätte allerdings niemand geglaubt. Der Verwalter des „Tilly-Benefiziums” liegt tot in der Kapelladministration. Kommissar Max Kramer ist gefragt, und während er versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, lässt er sich von der attraktiven Staatsanwältin ablenken. Derweil kommt seine Jugendliebe Maria Evita auf eine ganz eigene Spur…

Links
Gnadenort auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Die offizielle Website von Anton Leiss-Huber

Anton Leiß-Huber

Anton Leiß-Huber

Anton Leiß-Huber ist ein waschechter Bayer. Geboren 1980 und aufgewachsen in Altötting, lebt er heute in München. Er ist gelernter Theaterschauspieler und Sänger mit Engagements u.a. am Bayerischen Staatsschauspiel und arbeitet als Sprecher für den Bayerischen Rundfunk. Fastenopfer ist nach Gnadenort sein zweiter Kriminalroman und erscheint im Januar 2017 bei Ullstein als Taschenbuch.

Foto: © Isabela Vermehren

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