Das ärgerlichste Missverständnis der Philosophie

Wer nicht weiter weiß, fragt zuerst Google, dann Freunde und Verwandte. Wem dann immer noch nicht geholfen ist, der wendet sich an höhere Mächte. Dass die Philosophie als Ansprechpartner so unpopulär geworden ist, mag an einem Missverständnis liegen. Warum wir ihr trotzdem noch eine Chance geben sollten.

von Konrad Clever

Friedrich Nietzsche aus der Nähe betrachtet (F. Hartmann, Basel, um 1875)

Friedrich Nietzsche aus der Nähe betrachtet (F. Hartmann, Basel, um 1875)

Jeder kennt so berühmte Zitate wie „Ich denke, also bin ich”. Aber genau wie beim E=mc2 aus der Physik, weiß man nur, dass dieser Satz wichtig ist, aber nicht warum. Die Namen der großen Philosophen wie Immanuel Kant, Platon oder Sokrates klingen bedeutend, haben aber für das tagtägliche Leben keinerlei Relevanz.

Das Problem rührt zum Teil daher, dass Philosophie oft mit Antworten gleichgesetzt wird. Tatsächlich hat sich die Philosophie aber von Antworten längst verabschiedet. Das ist besonders enttäuschend, wenn man merkt, dass die Philosophen nicht nur keine Antworten geben, sondern gar keine geben wollen.
Was für ein faules Pack! Aber warum eigentlich?

Philosophen geben gar keine Antworten, sie wollen auch gar keine geben

Es hat sich herausgestellt, dass Antworten nicht so richtig toll funktionieren. Geht man einem Argument mit logischer Strenge nur lange genug nach, fallen alle Begründungen am Ende in eine von zwei Falltüren. Entweder dreht sich die gesamte Argumentation im Kreis, oder irgendwer erklärt, dass die gegebene Begründung so fundamental ist, dass man sie gar nicht erklären muss. In beiden Fällen heißt es dann ohne weitere Erklärung „Keine Fragen mehr“, oder „daran kann man doch nicht zweifeln“!

Klingt schrecklich? Das ist aber tatsächlich eine Stärke der Philosophie. Anstelle den Versuch zu unternehmen, das eine oder das andere zu beweisen, fragt die Philosophie lieber danach was es für Konsequenzen hat, das eine oder das andere zu glauben. Ist man beispielsweise von einer Art göttlichen Fügung, Kismet oder Schicksal überzeugt, so steht die Frage nach dem freien Willen und der Schuldfähigkeit bereits mit gerümpfter Nase im Raum.

Leser vs. Philosoph

Bei der Philosophie geht es darum, bessere Fragen zu stellen. Philosophie hilft, alten Problemen neu zu begegnen. Das bedeutet leider nicht, dass Philosophie immer funktioniert.

Der kritische Leser sagt:
Ist ja schön und gut, sich die Welt immer wieder neu vorzustellen, am Ende ist es aber wichtiger sie zu verändern! Theorie vs. Praxis, Schmachten vs. Knutschen …

Der Philosoph sagt:
Will man die Welt verändern, muss man zuerst eine Idee davon haben wie man sie verändern möchte. Bewusste Veränderung ist nur möglich, wenn man eine Vorstellung von dem Ergebnis hat, das man erzielen möchte. Mit anderen Worten: Die Kritik, dass Veränderung wichtiger als das philosophierende Vorstellen ist, führt sich selbst ad absurdum.

Sich mit Philosophie zu beschäftigen, um konkrete Alltagsprobleme zu lösen oder Antworten zu bekommen, ist genauso zielführend wie Erzbischof zu werden, um mehr Frauen kennenzulernen.

Inhaltlich mag das Argument richtig sein, trotzdem fühlt man sich um ein konkretes Ergebnis betrogen. Was auch Grund dafür sein mag, dass es viel mehr schmachtende, als knutschende Philosophen gibt. Sich mit Philosophie zu beschäftigen, um konkrete Alltagsprobleme zu lösen oder Antworten zu bekommen, ist genauso zielführend wie Erzbischof zu werden, um mehr Frauen kennenzulernen. Hinzu kommt, dass sich Philosophen regelmäßig sprachlich selbst auf den Füßen stehen. Ist Ihnen das „ad absurdum“ aufgefallen? Das vermittelt schon einen Hauch von intellektueller Großspurigkeit. Spätestens aber wenn Worthülsen wie „transzendental“ oder „synthetisches Wissen a priori“ durch den Raum geworfen werden, weiß man, dass der Inhalt auf der Strecke bleibt. Angehende Philosophen lieben das Rhetorische Schaulaufen! Kombinationen wie „hermeneutischer Diskurs“ oder „metaphysische Deduktion“ bringen beim Scrabble noch Punkte, in allen anderen Situationen bedeuten sie aber Argumentation unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei geht es bei Philosophie weder um möglichst komplizierte Antworten, noch um esoterische Wortwahl. Albert Einstein sagte einmal, man kann Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Das ist der Kerngedanke! Die wahre Stärke der Philosophie liegt darin begründet, dass sie neue Sichtweisen eröffnet und Verständnis verbreitet.

 

tl;dr: Antworten gibt es genügend. Wichtiger ist es, das Bekannte fremd und das Fremde bekannt zu machen. Hier hilft die Philosophie. Beim Knutschen leider weniger.

 

Philosphie-Bingo

Die Regeln:

  • Für jedes Wort, das du in ein alltägliches Gespräch einschleusen kannst, erhältst du einen Punkt. Du musst 12 Punkte erreichen, um Bingo-King oder Queen zu werden!
  • Wirst du nach der Bedeutung eines Wortes gefragt oder dabei ertappt, ein Wort falsch zu verwenden, gibt es einen Minuspunkt.
  • Sobald du alle Wörter einer Kategorie oder einer Ebene erfolgreich verwendet hast, erhältst du einen Zusatzpunkt.
  • Wörter der Ebene 5 sind besonders schwer. Hut ab, wenn du es schaffst, sie erfolgreich zu benutzen.

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→ mehr über den Autor

Adam Fletcher, Jahrgang 1983, ist ein glatzköpfiger Engländer. Wenn er nicht gerade Bücher und Artikel schreibt, verbringt er seine Zeit damit, Schokolade zu essen und seine Wahlheimat Berlin unsicher zu machen. Er ist der Autor von „Denglish for Better Knowers“ und „Make Me German“.

Lukas N.P. Egger, Jahrgang 1983, ist ein noch nicht glatzköpfiger Österreicher. Als Philosoph hätte er es sich nicht träumen lassen, jemals mit Büchern Geld zu verdienen. Stattdessen hat er sich simpleren Dingen zugewandt und arbeitet an der Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Außerdem fragt er sich oft warum so viele Dinge, die Spaß machen, entweder unmoralisch sind oder dick machen.

Weblinks
„Der Klo-Philosoph” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

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Ein Kommentar

  1. Dieser Text hat mich zum Schmunzeln gebracht. Ich habe ein Buch herausgebracht das heisst „Tausend Fragen und nur eine Antwort“ von dem behauptet wird, es sei sehr philosophisch, von dem jemand sagte, das ist ja wie bei Platon. Interessanterweise habe ich mich nie mit Philosophie als Studienfach beschäftigt, mir sagen all die Begriffe in diesem Bingo überhaupt nichts und habe noch nie ein Buch von einem sogenannten Philosophen gelesen. Also wo beginnt die Philosophie? Wann ist etwas, das geschrieben wird als philosophisch zu betrachten? Wenn es gespickt ist von Fachausdrücken aus der Philosophie, wenn in den Worten die Liebe zur Weisheit zu entdecken ist, wenn das, was zwischen den Zeilen zu fühlen ist mehr bewirkt, als die Worte selbst? Ich weiss es nicht und doch fühle ich, es ist gesagt, was gesagt sein wollte.

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