The Sound of Bavaria, part VI:
Hey-y, Baby! oder Warum ich doch auf die Wiesn geh

Oktoberfest. München im Ausnahmezustand und Harry Kämmerer mittendrin. Doch das war nicht immer so. Ein alter Tagebucheintrag gibt Aufschluss darüber, warum Harry die Wiesn früher eher gemieden hat.

von Harry Kämmerer, mit Fotos von Christian Martin Weiß

harry oktoberfest 1

Ja, muss man mögen, die fünfte Jahreszeit in München. Oder ist es gar die sechste? Also, wenn man die Starkbierzeit mitzählt. Aber egal, die einen mögen die letzten Septembertage und die ersten Oktobertage hier, die anderen nicht. Ich sitz so zwischen den Stühlen, bin mir unsicher, ob mich der Trubel auf der Theresienwiese abschreckt oder anzieht. Das ist so ein bisschen wie bei einem Autounfall, wenn etwas ganz Schlimmes passiert ist. Man schaut dann eben doch hin, egal wie grausig es ist. Ich hab da so meine Theorie. Es geht um eine Grenzerfahrung. Wie weit trau ich mich zu gehen, was halt ich aus? Und wenn man mich ganz lieb darum bittet, so wie meine Kollegen, dann bin ich manchmal sogar bereit, meine gar nicht so hohen ästhetischen Maßstäbe zu unterschreiten. Jetzt ist es jedenfalls wieder soweit: Meine Kollegen haben mich so lange gelöchert, wieder mit auf die Wiesn zu gehen, bis ich schließlich klein beigegeben habe. In Gottes Namen, dann geh ich eben mit.

Am nächsten Tag wollte ich dann einen Rückzieher machen, denn mir ist mein altes Tagebuch in die Hände gefallen und ich habe einen alten Eintrag nachgelesen. Zum Thema ‚Oktoberfest‘. Und der hat mich schon ein bisschen erschreckt. Letztes Jahr war ja alles noch ein bisschen anders. Da hab ich noch im Bahnhofsviertel gearbeitet. Da war das eine ganz hautnahe Bedrohung. Zur Wiesn-Zeit war die Gegend – sieht man mal vom Verlagshaus ab – für mich absoluter No-Go-Bereich. Und das hatte auch seine Gründe. Jetzt, wenn ich meinen alten Tagebucheintrag lese, fällt mir alles wieder ein.

harry oktoberfest 2Darum geht’s: Bier – in allen Variationen!

München, 22.9.2014

Liebes Tagebuch,

jetzt ist wieder Wiesn-Zeit! Und ich arbeite im Bahnhofsviertel! Drinnen im Verlagshaus hochgeistige Prozesse, draußen hochprozentige Exzesse. Aber nicht nur: Heute Morgen auf der Teamsitzung sagt mein Kollege Andrei zu mir: „Du, entschuldige…“ Dreht sich um und kotzt in meinen Papierkorb. Tüte verknotet, entsorgt. 30 Sekunden später saß er wieder in meinem Büro, als wäre nichts gewesen. „Du, entschuldige…“ Toll. Wie lässig er das gemeistert hat. Ich denke an den Schlager von Peter Cornelius: „Du entschuldige, i kenn di, bist du ned der Typ, der in mein Papierkorb eine gspien hat…“

Ja, es ist Wiesn-Zeit. Ich hab das bislang im Gegensatz zu Andrei elegant ignoriert, also, ich hab es zumindest versucht. Aber man entkommt dem nicht, wenn man am Hauptbahnhof arbeitet – in Riechweite von der Wiesn. Eine Mischung aus explodierten Kanalrohren, Kotze und Pipi, durchwirkt mit feinen Aromen von Hendln und Mandeln. Aber auch die akustische Belästigung. Ich meine nicht allein das Laute draußen auf der Bayerstraße, wenn sich die Zug- und S-Bahn-Ladungen mit Trachtensondermüll in Richtung Theresienwiese ergießen. Nein, auch das Publikum in dem kroatischen Lokal unter meinem Bürofenster kostet mich so richtig Nerven. Das geht schon um 11 Uhr vormittags los, wenn vorgeglüht (und später nachgeglüht) wird.

 

„Du, hast des ghört vom Kramer?“

„Vom Tscharly?“

„Ja, genau, vom Tscharly.“

„Na, was denn?“

„Dem ist was ganz Blöds passiert. Also nach’m Frühlingsfest. Am Holzkirchner Bahnhof kommt dem Tscharly einer komisch und der Charly betoniert eahm oane. Der fallt blöd am Bordstein. Und is hi. 8 Jahre hat er kriegt!“

„Ha, i denk, der is hi?“

„Naa, der Tscharly.“

„Aber des war doch a Unfall?“

 

Ja, ein Unfall. Solche Sachen muss ich mir anhören. Auch Romantisches:

„Du bist das Salz auf meiner Brezn“, lallte einer. Keine Antwort.

Jetzt war ich doch neugierig und hab runtergeschaut. Ein Zwetschgenmandl hatte seinen Kopf im ledrigen Dekolletee einer 120-Kilo-Frau versenkt. Tiefseetauchen.

Du bist das Salz auf meiner Brezn!

Nicht schlecht! ‚Ja, ich pul auch immer das Salz von meiner Breze‘, dachte ich und setzte mich erschüttert wieder an meinen Schreibtisch.

„So kann ich nicht arbeiten!“, hab ich meinen Kollegen vorgejammert. „Zur Wiesn-Zeit ist das unmöglich! Auch optisch eine Zumutung! Knallenge Neonminidirndl und Schmerbäuche, die in karierte Tischdecken gehüllt, notdürftig von zwei wildledernen Riemen beieinander gehalten werden. Mein Weg zur Arbeit ein einziger Hindernisparcours um Scherben grobkörnige Pfützen. Saures Lüngerl. Gazpacho!

Und der Vinzenz Murr in der Paul-Heyse-Straße hat ein Schild im Fenster: If you wish, we will evacuate sausages for you. Und ich stehe noch hier, wenn die schon Würstl evakuieren?! Eine Terrordrohung? Ist ein Würstchen schon wichtiger als Menschenleben? Oder will die Metzgerei andeuten, dass zu unserer Sicherheit ihre Würste evakuiert werden. Das wäre immerhin logisch, bei den Hygienezuständen. Aber viel gefährlicher ist natürlich das Oktoberfestbier. Live und am Tag danach. Bei wirklich stechenden Kopfschmerzen und Übelkeit sind die vielleicht die osteuropäischen Werkzeugläden hier im Viertel zu empfehlen. Warum nicht mal der beherzte Einsatz einer Husqvarna-Motorsäge, um dröhnende Kopfschmerzen nachhaltig abzustellen? Würde die Reihen vielleicht ein bisschen lichten!“

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Benachbarte Läden – beide mit komplexen Botschaften.

Ich war mit meiner Suada fertig. Meine drei Kollegen sahen mich entsetzt an. Peinliches Schweigen. Das Andrei erst nach dreißig endlosen Sekunden brach: „Harry, jetzt bleib mal ganz cool und sei halt nicht immer so negativ. Jetzt gehst du morgen einfach mal mit auf die Wiesn.“

Er hat ja irgendwie Recht. Man darf nicht immer nur mosern. Morgen ist Firmenabend. Ich geh jetzt einfach auch mal mit und bin auch mal lustig. Versprochen!

Aber dann fiel mir ein: Ich hab ja nichts Passendes zum Anziehen! Ohne geht ja gar nicht. Vielleicht geh ich nachher mal zum „Zagreb-Export“ rüber. Da habe ich Dirndln und Lederhosen zum einmaligen Sonderpreis gesehen. Komplettpreis für den Herrn der Schöpfung: Hemd, Hose, Strümpfe und Schuhe für 169 Euro. Da hat der Sparfuchs in mir laut gejault. Ja, das werde ich machen. Hoffentlich haben sie noch was in meiner Größe da.

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Die Nachfrage macht den Preis. Immer tagesaktuell in den Boutiquen rund um die Wiesn.

So endet mein Tagebucheintrag vom letzten Jahr. Ich glaube, es war dann tatsächlich ein schöner Abend, auch wenn ich mich nicht mehr an alle Details erinnere. Aber das ist sicher gut so. Ach, wenn ich heute meinem alten Eintrag lese, dann finde ich darin so eine gewisse Larmoyanz, die mir aufstößt wie eine Mischung aus Radi und Spezi. Ich hab wohl gedacht, dass ich da irgendwie drüber stehe. Würde ich heute jedenfalls nicht mehr so schreiben. Nein, heute würde ich das alles durch die poetische Brille sehen. Ich werde versuchen, meine Eindrücke in Verse zu fassen, das Ganze literarisch zu verarbeiten. Ja, ich denke, das könnte einen Platz in einem hübschen kleinen Lyrik-Verlag finden. Hier schon mal ein Entwurf.

 

Plüschbierfässer auf dem Kopf
Haferlschuh und schwarze Wadelhaare
Trachtenhundehalsband ziert den Kropf
Stöckelpumps und Pornoware
Was hat die ois ins Dirndl presst?
Ich glaub mei Lederhose nässt
Oktoberfest, Oktoberfest

Ich singe, lache, tanz am Tisch
Stink krass nach Hendl, Radi, Steckerlfisch
Ein Prosit der Gemütlichkeit
O leckomio, bin i breit
Jaja, so klingt’s und schmeckt‘s
Oktoberfest, Oktoberfest

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Wadenfetischisten kommen durchaus auf ihre Kosten.

Ich wollte nur ein Stündchen wandeln
Schnuppern Hendl, Ochsen, Mandeln
Fand mich voll mit Bratensoße
Oder andrem in der Lederhose
Hackedicht im trüben Lampenlicht
Mit reichlich eingeschränkter Sicht
Gelehnt an die Bavaria
„Hey, was macht die Drecksau da?“
Biselt an die Marmorsäulen
Irgendwo hör ich zwei Trachtler heulen:
„Wo san all die Weiber hin? Mir san so allein!“
„Beda, geh auf d‘Seitn, I muss jetzt speim.“

Jaja, so klingt‘s und schmeckt’s
Oktoberfest, Oktoberfest
Ein Prosit der Gemütlichkeit
O leckomio, bin i breit

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Bombenstimmung!

Irgendwie bin ich dann heimgekrochen
Hab noch immer streng gerochen
Dezent mich aufs Parkett erbrochen
Hab meiner Frau ganz fest versprochen:
„Ich geh nie wieder hin, mach dir keine Sorgen,
zumindest heut nicht, vielleicht morgen.“

Ich singe, lache, tanz am Tisch
Stink krass nach Hendl, Radi, Steckerlfisch
Ein Prosit der Gemütlichkeit
O leckomio, bin i breit

Jaja, so klingt’s und schmeckt‘s
Oktoberfest, Oktoberfest

harry oktoberfest 10„Ach, er hatte so schöne Augen! Er wollte doch nur kurz auf Klo…“


 

Harry Kämmerer

Harry Kämmerer

Harry Kämmerer, geboren 1967, aufgewachsen in Passau, lebt mit seiner Familie in München. Verlagsredakteur mit Herz für Musik, Literatur und Kabarett. Verfasser einer Dissertation zum Thema „Satire im 18. Jahrhundert“ und der kultigen Krimis IsartodDie Schöne MünchnerinHeiligenblut und Pressing.

Foto: © Christian Weiß

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