Berliner haben nah am Wasser gebaut

Tropische Hitze, keine Urlaubsreise in Sicht und Sie sitzen in der Stadt fest? Was tun? Christian Seltmann weist uns den Weg durch die Berliner Badegelegenheiten und spart dabei auch deren Fallstricke nicht aus.

von Christian Seltmann

 

Was tun, wenn sich Berlin im Sommer in einen Glutofen verwandelt und die heimische Dusche einem zwecks Abkühlung irgendwann zu langweilig wird? Hilft ein Sprung in den verdreckten Landwehrkanal? Oder vielleicht doch lieber ab ins Auto (wenn man eines hat) und auf zu einem der zahlreichen Seen im Umland?

Gute Idee. Das Soziotop Brandenburgischer See im Speckgürtel Berlins umfasst mehr Gewässer als der Rest der Republik. Erster Eindruck: Hunde. Zweiter Eindruck: Tätowierungen auf schlaffem Fleisch. Dritter Eindruck: Kinder mit Tollwut. Um es gleich zu sagen: Die Kinder haben keine Krankheit, die sind einfach so laut, weil sie sich daheim unaufhörlich gegen Fernseher, Playstation, Handys und Radios akustisch durchsetzen müssen. Und die Tätowierungen sind hier, in Warnitz, Gorin oder Kohlhaasenbrück, so gewöhnlich wie eine Dauerwelle in den Siebzigern. Nur die Hunde sind so eine Sache. Wer Angst vor Hunden hat, ist an einem Umlandsee falsch aufgehoben. Wer es schafft, sich einzureden, jeder noch so rotäugige, wütend bellende Vierbeiner wolle wirklich nur spielen, mag getrost sein Hotelhandtuch ausbreiten.

Oder doch ins nahegelegene Freibad?

So gesehen haben die Seen im Berliner Umland durchaus etwas Deprimierendes. Das Wasser ist okay, aber das Begleitprogramm könnte von RTL2 abgefilmt oder live gesendet werden.

Also doch lieber in der Stadt geblieben und ab ins Freibad? Das Problem: Freibäder gibt es in Berlin nur wenige – genau genommen zu wenige. Das führt dazu, dass alle überfüllt sind, wenn es warm ist. Aber für manche Leute gehört das einfach dazu. Manche dieser Leute sind ebenfalls überfüllt. Mit Testosteron zum Beispiel. Für die gehört es sich, an diesen Orten in regelmäßigen Abständen Massenschlägereien anzuzetteln, woraufhin der jeweilige Kriegsschauplatz natürlich evakuiert und vorübergehend geschlossen wird. Inzwischen gibt es erste Freibäder mit Türstehern und Gesichtskontrolle.

Was das Äußere angeht, herrschen zwischen den verschiedenen Anstalten klare Unterscheidungsmerkmale, vor allem für das schöne Geschlecht. Fangen wir beim Dresscode an. Wenn man gerne Burkinis (Kleider aus Polyester, die den gesamten Körper verhüllen und eine Art Badekappenkapuze integriert haben) trägt, ist man im Freibad im Humboldthain oder in Neukölln bestens aufgehoben. Mädchen mit Boardshorts (knielangen Surferhosen), superweiten T-Shirts und Badekappen sind ebenfalls willkommen, denn hier badet die Bevölkerung Berlins, die dem Propheten Mohammed anhängt. Die deutschstämmigen (irgendwann mal christlichen) Damen mischen sich darunter mit Körpermassen, die von handelsüblicher Badebekleidung nur unzureichend verhüllt werden kann.

Berliner Strandleben, Aquarell von Heinrich Zille, (1858-1929), Privatbesitz, Berlin

Berliner Strandleben, Aquarell von Heinrich Zille, (1858-1929), Privatbesitz, Berlin

Das Sommerbad Pankow, im Norden des ehemaligen Sowjetischen Sektors gelegen, ist eine Spur anders. Hier mischen sich vor allem muslimische junge Männer und ihre bestens integrierten muslimischen Freundinnen mit Neu-Berliner-Neureichen-Neu-Eigentumswohnungseigentümern (kurz Medienheinis) ‒ letztere oft mit Kind (man stellt seine vierköpfige Idealfamilie hier nur allzu gerne dar, jedenfalls bis man sich scheiden lässt). Die muslimischen Männer mit fantastisch durchtrainierten Körpern, meist ohne jedes Tatoo, posieren neben ihren dazugehörigen Mädchen (in knappsten Bikinis, die Augenbrauen gezupft wie bei Liz Taylor, die Blicke blasiert). Wer sich da hineinwagt, sollte mindestens aussehen wie Rihanna. Oder er macht es wie die Frauen der Medienheinis und sagt sich: „Ich bin ich und hab Abitur und ein Diplom in Kommunikationswissenschaften, da hat mein Schwangerschaftsbauchrest („Fettschürze“) keinen zu stören, ebenso nicht meine rausgewachsene Haartönung.“ Natürlich knirscht die Medienfrau insgeheim mit den Zähnen, wenn sie die perfekten, makellosen Körper der Gastarbeiter-Enkelinnen sieht. Aber sie hat genügend dicke Bücher gelesen, um sich irgendwas zur Rechtfertigung auszudenken.

Wer sich dem multikulturellen Mischmasch aus orientalischen Zicken und anstrengenden Bürgermuttis nicht gewachsen fühlt, der meide das Sommerbad Pankow.

Plan B: Brunnen

Auf der sicheren Seite ist man, wenn man seine Füße in einen der Stadtbrunnen hält. Im Lustgarten (vor dem Dom, an der Schlossbaustelle) findet man einen Brunnen, der einen herrlich kühlenden Nebel versprüht. Ein Riesenbassin hat der Brunnen am Straußberger Platz (Karl-Marx-Allee), der aber inmitten eines dreispurigen Kreisverkehrs liegt, ebenso wie der Brunnen am Ernst-Reuter-Platz (Charlottenburg). Eine Wasserinstallation gibt es auf dem Breitscheidplatz (Gedächtniskirche), und schön ist auch der Wasserfall am Kreuzberg (Nähe Bergmann-Kiez).

Das schönste Freibad ist das Kinderfreibad im Monbijoupark. Es liegt mitten im touristischen Sektor nahe der Oranienburger Straße auf der anderen Spreeseite der Museumsinsel. Aber – und das ist ein wichtiges Aber: Dieses Freibad kann ein Anschlag auf das Selbstbewusstsein jeder Frau sein. Auslöser einer Depression. Ursache einer tiefen Krise.

Wieso? Naja, es ist klein und,ungeheizt, aber das ist nicht der Punkt. Vor allem  darf man nur mit Kind rein. Die meisten Kinder hier sind zwischen einem und sieben Jahren alt. Sie werden zu ungefähr achtzig Prozent von ihren Müttern begleitet. Und dort, genau dort, findet das wahre Schaulaufen der Berliner Mittdreißigerin mit Hochschulabschluss, Top-Job und Top-Figur statt. Denn hier zeigt sich bei grellem Sonnenlicht und in stilvollem Bikini (man sieht fast keine Badeanzüge), wer im Rückbildungskurs aufgepasst hat und wer nicht. Wie gesagt, alle Frauen hier sind Mütter, denn ohne Kind kommt man nicht rein ins Kinderfreibad. Und man sieht genau, wann die Frau entbunden hat, denn den Beweis hält sie meist an der Hand neben sich. Man kann nur sagen: Chapeau die Damen, Chapeau.

Wer glaubt, es mit den Berliner Power-Mamas aufnehmen zu können: Das Kinderfreibad im Monbijoupark öffnet täglich von 11 bis 19 Uhr. Die Familienkarte für zwei Erwachsene mit zwei Kindern (unter 15) gibt‘s für 11,50 Euro.


 

Weblinks
Die offizielle Website von Christian Seltmann
„Where the Fuck is the Führer?” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Christian Seltmann bei Facebook

 

Christian Seltmann

Christian Seltmann

Christian Seltmann, geboren 1968, floh in den 90ern aus Westdeutschland nach Ost-Berlin und schlug sich als Übersetzer, Fernsehredakteur, Rocksänger, Producer, Matratzenauslieferer, Rettungssanitäter und Drehbuchautor durch. Er war jahrelang Touristen-Guide und hat zudem Geschichte studiert (als es die DDR noch gab).

Foto: © photoformatplus, Ralph Bergel

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsabfrage: * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.