Eddie Izzard: „Ich habe versucht, mein eigenes Vorbild zu sein.“

Kennen Sie Eddie Izzard? In seiner Heimat, England, und in den USA feiert man den Schauspieler und Comedian wie einen Weltstar, aber kennt man ihn auch bei uns? Wir haben uns in Berlin auf der Straße umgehört. Anschließend hat der Verwandlungskünstler uns Rede und Antwort gestanden, wer sich hinter der Autobiographie „Believe Me – Mein Leben zwischen Liebe, Tod und Jazzhühnern“ verbirgt.

 

 

 

Bei Ullstein sagt uns Dein Name natürlich allen etwas, aber wir wollten dann doch auch wissen, ob man Dich in Deutschland kennt. Wir sind also auf die Straße gegangen und haben Leute gefragt. Du bist schon in Deutschland aufgetreten, oder?

Ja, das erste Mal vor zwei Monaten, in Berlin und dann einmal in Hamburg.

Als wir den Leuten auf der Straße Dein Gesicht gezeigt haben, waren sie sich nicht sicher, ob sie Dich schon mal gesehen hätten. Dann haben wir ihnen einige Video-Clips gezeigt. Daraufhin sagten viele: Ach der? Das ist derselbe Typ? Der ist das?! Es scheint nicht ganz einfach zu sein, von der Bühnenpersönlichkeit auf den Menschen Eddie Izzard zu schließen.

Das ist interessant, ich glaube, ich kann sehr unterschiedlich aussehen – ich wäre ein toller Spion gewesen – anders als zum Beispiel Tom Cruise, den erkennt man immer. Ich glaube, das ist eher eine Gabe als ein Fluch.

War das auch ein Grund, dieses Buch zu schreiben? Um zu zeigen, wer sich wirklich hinter der Bühnenfigur verbirgt?

Nein, der eigentliche Grund ist, dass ich den Ehrgeiz habe, weltweit bekannt zu werden. Ich mag meine Ansichten, ich glaube, sie sind den extremistischen Ansichten anderer Leute vorzuziehen – sei es im politischen oder sozialen Bereich. In „Believe me“ konnte ich auch viel über meine Transgender Identität einfließen lassen, so dass es vielleicht Leuten auf der ganzen Welt hilft, mit ihrer eigenen Identität besser klar zu kommen.

Empfindest Du Dich in diesem Sinne als Vorbild?

Ich habe versucht, mein eigenes Vorbild zu sein. Immer wieder habe ich gedacht, dass ich jemanden wie mich als Vorbild brauche und dann kam mir der Gedanke: Oh, ich BIN ich, ich hab das schon gemacht! Dieses Spiel habe ich in Gedanken oft gespielt. Weil es da draußen niemanden gab, der genauso war wie ich. Leute haben gesagt, ich sei sicherlich schwul, und ich sagte, eigentlich bin ich lesbisch. Und sie sagten oh? (kratzt sich am Kopf). Ich kann dann nur sagen: Das sind meine Gene, es ist wie bei einem Kartenspiel, man bekommt sein Blatt und muss damit klar kommen. Jeder hat Eigenschaften, in denen er gut ist, die ihn ausmachen. Und ich habe bestimmte Eigenschaften, die ich nutze, so gut ich kann. Ich würde mich nicht als Aktivist bezeichnen. Es gibt viele LGBT-Menschen, die viel mehr getan haben als ich, die die Fahne hochgehalten haben und vieles mehr. Ich habe mich auf meine Arbeit konzentriert: Comedy, Schauspiel, Marathon laufen, Politik. Ich mache das alles und sage: Das bin ich! Und wenn Du damit ein Problem hast, komm ruhig her. Ich weiß mich zu behaupten!

Es gibt ein Kapitel in Deinem Buch, in dem es um die Zeit vor Deinem Coming Out geht. Darin beschreibst Du, dass Du Dir einen eigenen Raum für Dich schaffen musstest, in dem Du existieren kannst. Sicherlich ist es für Transgender oder LGBT-Menschen schwerer, sich diesen Raum zu erkämpfen, je nachdem in welchen Umständen sie aufwachsen. Aber auch in diesem Sinne taugt Deine Geschichte ja als Vorbild.

Ich weiß, dass es schwer war. Ich wollte als Kind Special Forces Agent werden. Das gelang jedoch nicht. Heute betrachte ich mich selbst als zivilen Special Forces Agent. Wirkliche Special Forces Agenten werden jetzt den Kopf schütteln, aber in der Tat mache ich Dinge, die eigentlich nicht gehen: Man kann als englischsprachiger Komiker nicht in anderen Ländern in der dortigen Muttersprache auftreten. Ich mache es trotzdem, weil ich es will. Ich stelle mich neben Macron und gegen Marine LePen, ich stelle mich neben Angela Merkel und Martin Schulz gegen die AFD. Ich suche Herausforderungen, ich will oberhalb meiner Gewichtsklasse kämpfen! Weil man sonst keine Aufmerksamkeit bekommt. Weil die Leute sonst lieber Reality TV über plastische Chirurgie oder Frauentausch gucken. Damit muss ich mich messen und so bin ich ein Radikaler im Mittelfeld geworden. Ich mache radikale Sachen mit einer Botschaft des Ausgleichs.

Woher kommt diese Zielstrebigkeit ?

Ich glaube, sie ist eingebaut. Sie liegt mir in den Genen.

Wenn man den ersten Teil Deines Buches liest, denkt man, das hätte auch anders ausgehen können. Der frühe Tod Deiner Mutter hätte Dich aus der Bahn werfen können.

Naja, viele Menschen haben ihre Eltern verloren und meine Reise – auch die meines Bruders, der ja alles, was ich mache, in die verschiedenen Sprachen übersetzt – unterscheidet sich wahrscheinlich nicht so stark von der Erfahrung anderer: einen Elternteil früh zu verlieren, besonders die Mutter, oder auch die Liebesunfähigkeit eines Elternteils aushalten zu müssen, oder wenn die Mutter die Familie verlässt, um eine neue Familie zu gründen. Ich habe Freunde gehabt, denen derartige Dinge passiert sind, und meine Erfahrung war vernichtend, aber ihre Erfahrungen waren erschütternd und dauerten fort. In meinem Buch habe ich versucht, ein Leben zu beschreiben, das mir persönlich gefällt, und ich hoffe, es gefällt auch dem einen oder anderen da draußen. Und der oder die sagt dann: Wenn der das kann, dann kann ich vielleicht auch was verändern. Ich sehe ja ziemlich gewöhnlich und normal aus, ich habe eine natürliche Gewöhnlichkeit, die mir hilft. Manche Menschen sehen wie Helden aus. Ich sehe einfach aus wie irgendein Typ und das ist in dem Fall ein Vorteil.

Du bist 27 Marathons in 27 Tagen gelaufen. Meine Frage dazu lautet: Wie jetzt? Und: Warum?

Ich wollte zu den Special Forces, nicht wahr? Ich dachte, die würden mich in den Krieg schicken, was ich aber nicht gewollt hätte. Also kam ich darauf: Mit den Marathons könnte ich Geld auftreiben, ich könnte etwas Positives tun, es wäre ein Abenteuer, dass mir meine Gesundheit wiedergeben würde, denn ich bin jemand, der sehr schnell zunimmt. Ich habe einen langsamen Metabolismus – es gibt ja im Wesentlichen diese beiden Typen, den schnellen, der sagt Gestern hab ich das und das und das und das und, und, und… gegessen und sieh mal, keine Spur davon an meinem Körper (schaut an sich herunter). Und dann gibt es den Typ, der sagt, ich habe gestern soviel gegessen (hält Daumen und Zeigefinger zusammen) und habe drei Kilo zugenommen. Wir sind dazu gemacht, die Eiszeit zu überstehen. Die sehr dünnen Leute hätten es wahrscheinlich nicht geschafft, Du weißt schon. Unsere Gabe dagegen (die der Leute mit langsamem Metabolismus, Anm. der Red.) ist wahrscheinlich ein Durchhaltevermögen von enormem Ausmaß, – ich wusste, dass ich viel davon habe –  Zielstrebigkeit, die Fähigkeit, wieder aufzustehen, wenn man umgehauen wird. Es gibt dieses Bild in meinem Buch (blättert) von mir im Jahr 2010 am Strand in Südafrika, das wurde nach ungefähr 20 der 21 Marathons aufgenommen. Ich finde, es sieht nicht so aus, als wäre ich am Ende meiner Kräfte.

Du bist davor auch in England gelaufen.

Ja, 43 Marathons. Aber damals war ich noch wesentlich dicker, weil man mich auf eine High-Carb, Low-Fat Diät gesetzt hatte. In Südafrika war es genau umgekehrt. Zucker ist Gift …die Beeren kann ich essen. (Nimmt eine Weintraube)

Fällt es Dir nicht schwer, deinen Körper so stark zu kontrollieren?

Ich bin gut darin, mir allmählich Dinge zu erarbeiten und immer besser darin zu werden. So wie diese hohen Absätze (zeigt auf seine Schuhe) oder die Marathons. Marathons und High Heels sind eine gute Mischung. Es gibt extremen Hass in der Welt und Menschen, die Mauern errichten wollen. Meine Antwort darauf sind High Heels und Marathons.

Das ist interessant, denn aus Deinem Buch erfährt man wenig Politisches über Dich. Dennoch scheinst Du ein sehr politisch denkender Mensch zu sein.

Das bin ich, aber in der Stand-up Comedy gibt es keine Politik. Es geht um Geschichte, Soziales, Sexualität, es ist aber nie ausschließlich politisch. Mittelalterliche Herrscher, Menschenopfer, all solche Sachen, aber keine Politik. Wenn man Politik mit rein nimmt, sind die Stücke nach einer Woche veraltet, nach einem Monat sagen die Leute: Wovon zum Teufel redet der?!

Zudem müsste ich internationale Politik in mein Programm einbinden, da ich weltweit auftrete. Stattdessen fange ich bei meinen Auftritten hier in Deutschland – ich bin so stolz, hier zu sein – mit Menschenopfern an (auf Deutsch): Wir haben das gemacht. Wir haben schlechtes Wetter, wir haben Missernten, also ja: Wir müssen (schaut sich um)… Steve-Jürgen hier töten! (wieder auf Englisch) Warum? Pfhh, keine Ahnung, die Götter wollen das. Ganz sicher. 

Es gibt also keine politischen Aussagen in Deinen Auftritten.

Keine Parteipolitik. Es geht um das Leben, ums Große Ganze. Dass ein progressives Denken der einzige Weg ist, der uns weiterbringt.

Und Du bist weltweit auf Tour gewesen in den letzten Jahren?

45 Länder!

Was hast Du aus dieser Erfahrung gelernt?

Dass wir alle gleich sind. Dass wir alle Menschen sind.

Ob in Indien, in Asien, wo ich auf Tournee war, überall. Auch wenn es Rückschläge gibt, wie nach dem Arabischen Frühling, wo Menschen sich wieder verstecken müssen. Ich muss mutig sein, ich muss da raus und ich muss den Leuten sagen: Ich hab’s getan, willst Du es auch tun? Mach es einfach so wie ich.

Michael Mittermaier tritt jetzt auch auf Englisch auf, wusstest Du das? Nicht wegen mir oder so, aber wir haben uns kennengelernt und sind gemeinsam aufgetreten und jetzt ist er auch auf Englisch unterwegs. Und die Franzosen und die Finnen machen das auch. Das Gute daran ist, wir haben das niemandem aufgedrängt. Niemand wird mit Englisch überfallen. Es ist eine open source Sprache, so wie open source Computersprache. Jeder kann sie nehmen und damit alles Mögliche machen.

Du machst Deine Auftritte hier bei uns also auf Deutsch und in Frankreich auf Französisch?

Ich mache das wie ein Kind – das ist eine schöne Art zu lernen. Sprachen lernen ist ziemlich anstrengend, und viele Leute sagen, das tue ich mir nicht an. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, Stand-up Comedy in verschiedenen Sprachen machen zu können. Musiker würden das nie tun. Sie sagen nur: Hey, guten Abend Berlin! Das war’s, das ist alles, was ich kann. Wohingegen ich alles lerne, auch wenn ich die Sprache gerade erst gelernt habe. Ich fluche unheimlich gerne. Mein Lieblingswort auf Deutsch ist ausge-fucking-zeichnet. Das ist détente, das ist Frieden in unserer Zeit! Ausgezeichnet ist sehr deutsch, fucking ist sehr English, ausge-fucking-zeichnet – ein Deutscher könnte das sagen und sich sehr deutsch dabei fühlen und ein Engländer würde sich dabei als Engländer fühlen, und das ist schön, weil es dazu auch noch verboten ist – die Lehrer würden sagen, nein, nein, das ist ein böses Wort. Wie nennt man das auf Deutsch? Ja, genau, Du darfst nicht fluchen!

Eine letzte Frage: Wenn Du mit Deinem 14-jährigen Ich reden könntest, was würdest Du sagen? 

Ich würde sagen: Deine Ausbildung wird viel länger dauern, als Du denkst. Aber bleib einfach dran, es wird Dir gelingen. Ich dachte, dass ich die Uni abbreche mit 19 und dann mit 20 oder 21 – Bumm! Würde meine Karriere losgehen. Monty Python war an dem Punkt mit 24, 25 Jahren.

Und allen 14jährigen würde ich sagen: Es wird besser, wirklich. Und wenn Du LGBT bist, geh zu itgetsbetter.org, dort findest Du viele Berichte von Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie Du, wie sie es geschafft haben und wie es ihnen heute damit geht.

Vielen Dank für das Gespräch! Können wir ein Foto machen?

Ja, wenn ich es machen darf. Ein Selfie.

 

 

Das Interview führte Juliane Junghans 


Mehr über den Autor →

Eddie Izzard, 1962 im Yemen geboren, ist Komiker, Entertainer, Polit-Aktivist und Philanthrop. Er ist jedes Jahr mit über einhundert Shows zu sehen, die er auf Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch vorträgt. In Deutschland war er zuletzt im Berliner Admiralspalast zu sehen. Im Jahr 2000 erhielt Izzard einen Emmy für sein Solo-Programm „Dress to Kill“, John Cleese nannte ihn ehrfurchtsvoll „den verlorenen Python“. Eddie Izzard lebt in den USA und hat sich für das Jahr 2020 vorgenommen, als Bürgermeister von London zu kandidieren.

Foto: IdilSukan

Das Buch

Er liebt High Heels und lackierte Fingernägel. Er lief 27 Marathons an 27 Tagen, um an die Inhaftierung Mandelas zu erinnern. Er gilt als witzigster Mann Großbritanniens und trifft auch weltweit den Lachnerv — mit Gags über Hitler, Hunde, Darth Vader in der Todesstern-Kantine und Fische, die mit Fischen reden. Eddie Izzard, Humorgenie und Cross-Dresser, erzählt sein bewegtes Leben. In seiner Autobiographie »Believe Me« schildert der Entertainer lakonische, ergreifende und schreiend komische Episoden aus seinem Leben: von einer verlustreichen Kindheit, vom Entdecken einer komplizierten Sexualität, von ersten Comedy-Versuchen auf den Straßen Londons — und von seinem Plan, die Briten eines Tages zurück in die EU zu führen.

Links

„Belive me“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

Die offizielle Website von Eddie Izzard

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