Martina Sahler: Rechercheeindrücke aus St. Petersburg

Der historische Roman „Die Stadt des Zaren“ lässt die Entstehungsgeschichte der Stadt Sankt Petersburg lebendig werden, die 1703 von Zar Peter erbaut wurde. Welche Ausblicke, Museumsstücke, Legenden und Denkmäler Martina Sahler bei ihrer ersten Reise nach St. Petersburg zu ihrem Roman inspiriert haben, erzählt sie in ihrem Essay.

Von Martina Sahler

Die Geschichten liegen auf der Straße. Und manchmal auch in einer steinernen Festung, oben im Nordosten, wo die Winter lang und dunkel sind und wo es im Sommer Tage gibt, an denen die Sonne nicht untergeht.

Die Peter-Paul-Festung auf der Haseninsel ist die Keimzelle der Stadt St. Petersburg. Als ich die Insel umrunde, die Wälle und Bastionen hinaufblicke, durch das Tor mit dem doppelköpfigen gekrönten Adler spaziere und die Aussicht über die Newa auf den Winterpalast auf mich wirken lasse, weiß ich, dass ich die Geschichte dieser Stadt erzählen muss.

 

 

Unerwartet ergreift mich Ehrfurcht, als ich in der gelben Peter-Paul-Kathedrale mit der goldenen Turmspitze vor dem Sarkophag Peter des Großen stehe. Was er für sein Land erreicht hat, hat Russlands Geschichte maßgeblich beeinflusst. Seine am Westen orientierte Politik gipfelte in der Erschaffung dieser Stadt, die von Beginn an ein Schmelztiegel der Nationen und Russlands Fenster zum Westen war.

Auf der Hauptallee der Festung begegne ich Peter dem Großen als Bronzestatue, sitzend und mit grotesk veränderten Körperformationen. Als Vorlage für den Kopf diente dem russischen Bildhauer Mikhail Schemjakin 1991 die Totenmaske Peter des Großen von 1725. Kein Schmuckstück in meinen Augen, kein Kunstwerk, das die Fantasie beflügelt. Dann doch eher das heroische Reiterstandbild des Zaren auf dem Senatsplatz, eines der Wahrzeichen der Stadt, das Alexander Puschkin zu seinem Gedicht „Der eherne Reiter“ inspirierte.

 

 

In den Museen steige ich tief ein in die Geschichte St. Petersburgs. Im gleichen Maße, wie mich die imperialistische Schönheit der Stadt begeistert, faszinieren mich die sumpfigen Anfänge, von denen man als Besucher heute außerhalb der Festung kaum noch etwas sieht.

Der Legende nach legte Zar Peter im Mai 1703 genau hier, auf der Haseninsel, den Grundstein für seine Stadt, die von ihren Bewohnern gern liebevoll Piter genannt wird. Damals, so erzählt man sich, ließ sich ein Adler auf das Birkentor herab, das die Soldaten des Zaren über dem Grundstein errichtet hatten. Die Anwesenden hielten das für ein Wunder, ein Zeichen des Himmels. Im Gegensatz zu dem Zaren, der – seiner Zeit weit voraus – solcherart Aberglauben ausrotten und die Menschen zur Vernunft bekehren wollte.

Für mich ist klar, dass ich genau diese Erzählung als Auftakt zu meinem Roman über die Gründung von St. Petersburg nehmen muss. Die Legende zeigt einerseits das Genie des russischen Herrschers, seinen Kampfgeist, seine Entschlossenheit, andererseits die Zweifel seiner Untergebenen und ihr Festhalten an althergebrachten Mythen.

Die Fülle an Dramatik, die zu den Anfängen der Stadt gehört, sauge ich bei meinem ersten Besuch in St. Petersburg staunend auf. Mit dieser Reise in die Stadt an der Newa habe ich mir einen langgehegten Traum erfüllt. Ich hatte bereits mehrere Bücher über deutsche Auswanderer geschrieben, die der Einladung von Katharina der Großen gefolgt waren und an der Wolga bei Saratow eine neue Heimat fanden. St. Petersburg war dabei nur ein Nebenschauplatz, eine Station auf der Reise der Emigranten, der mich dennoch über die Maßen anzog.

Als Reisezeit entscheide ich mich unüblicherweise für den Dezember, in dem es morgens um neun Uhr noch dunkel ist und um drei Uhr nachmittags die Straßenbeleuchtung den Newski-Prospekt erleuchtet. Ich fühle mich, als hätte ich als Gast die Stadt für mich allein. Keine Touristenströme, kein Schlangestehen in den Museen, Schlössern, Kirchen, der Eremitage. Auf dem Lazarus-Friedhof am Alexander-Newski-Kloster stehe ich allein unter kahlen schwarzen Zweigen an den mit Frost überzogenen Gräbern des Universalgelehrten Lomonossow und des Generalfeldmarschalls Scheretmetew, der maßgeblich an Zar Peters erfolgreicher Kriegsführung beteiligt war.

Ich erkunde die Stadt mit der Metro, deren Stationen zum Teil über 120 Meter lange Rolltreppen erreicht werden. Unterirdisch bekomme ich eine Ahnung, welch gewaltige Anstrengungen Architekten unternehmen mussten, um aus dem morastigen Newa-Delta eine bewohnbare Stadt wachsen zu lassen. Die Stationen selbst sind zu einem Teil als „Paläste für das Volk“ gestaltet. Üppige Kronleuchter, bunte Reliefs und Mosaike verzieren die Hallen.

 

 

Natürlich will ich den Winterpalast sehen, um den sich seit Zarin Elisabeth die Geschichten und Gerüchte ranken, die monumentale Isaakskathedrale mit der goldenen Kuppel und das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast in Zarskoje Selo. Aber die Bilder in meinem Kopf erwachen zum Leben, als ich das zum Teil originalgetreu erhaltene Haus Peter des Großen am Ufer der Newa betrete. Ganz verloren liegt die Hütte zwischen Wohnblocks, ein Zeugnis von Peters bescheidenem Lebensstil. Hier hat er die Arbeiten an seiner Stadt überwacht, marschierte in vom Schlamm bedeckten Stiefeln von Baustelle zu Baustelle und verkleidete sich mit diebischem Vergnügen als Lotse Piter, der die ersten Schiffe in den neuen Hafen an der Ostsee führte.

Hier an der Newa höre ich im Geiste die Schreie der Leibeigenen, die gezwungen werden, den morastigen Boden des Newa-Deltas zu befestigen und zu erhöhen. Hier höre ich das Kettenrasseln der schwedischen Kriegsgefangenen, das Peitschenknallen der Aufseher, das Jammern der jungen russischen Adligen, die an den Bootsanlegestellen zum ersten Mal das unwirtliche, sumpfige Land betreten, das ihre neue Heimat werden soll. Hier sehe ich auch die vor Entsetzen verzerrten Gesichter der Handwerker, die von der über die Ufer tretenden Newa überrascht werden, als sich die Natur ihr Land in verheerenden Überschwemmungen zurückholen will. Und hier folge ich Zar Peter, der seinem Volk voran mit einer Axt bewaffnet einen der vielen Brände in seiner neuen Stadt eindämmen will.

Historische Figuren und Begebenheiten verknüpfen sich in meinem Kopf mit fiktiven Schicksalen von holländischen Tischlern, deutschen Ärzten, italienischen Architekten und russischen Adeligen.

Die Stadt des Zaren wird mich noch lange Zeit in ihrem Bann halten.

 

 

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Martina Sahler erfüllt sich mit diesem Roman den persönlichen Traum, die Gründungsgeschichte ihrer Lieblingsstadt Sankt Petersburg zu erzählen. Mit ihren bisherigen historischen Serien hat sie viele begeisterte Leser gewonnen. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Köln.

Foto: Franz Hamm

 

Das Buch 

Zar Peter setzt im Mai 1703 den ersten Spatenstich. Er will eine Stadt nach westlichem Vorbild bauen: Sankt Petersburg. Ein monumentales Vorhaben, das Aufbruch und Abenteuer verheißt. Aus allen Himmelsrichtungen reisen die Menschen an. Auch die deutsche Arztfamilie Albrecht. Die junge Helena Albrecht verliebt sich in einen schwedischen Gefangenen. Eine heimliche Liebe, die sich in der umkämpften und von Naturkatastrophen bedrohten Stadt bewähren muss.

Links 

„Die Stadt des Zaren“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

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