Klagenfurt: Eine Foto(Love)Story

Am 5. Juli startete der 41. Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Unsere Lektorin Ulrike von Stenglin ist mit „lauter müden Medienmenschen“ in den Flieger gestiegen und hat ihre Eindrücke aus Klagenfurt mit der Kamera eingefangen. Das Ergebnis ist eine Foto(Love)Story, die Hoffnung auf gute Literatur und noch besseres Wetter macht.

Von Ulrike von Stenglin

Seit letztem Jahr gibt es keinen Direktflug mehr von Berlin nach Klagenfurt. Also steigen am Mittwochmorgen um 07h30 lauter müde Medienmenschen, unter anderem Jurorin Meike Fessmann und Tagesspiegel-Redakteur Gerrit Bartels, in den Flieger nach Wien und dort um in eine Bombardier Dash 400.

 

 

Und ist das da nicht der elegante Autor Eckhart Nickel mit blütenweißen Hosen, dessen Himbeer-Text Hysteria den Kelag-Preis gewinnen wird? Der Flughafen von Klagenfurt liegt in direkter Nachbarschaft zum Waffenhersteller Glock – und schräg gegenüber ist Ingeborg Bachmann begraben, auf dem Friedhof Annabichl, der in Björn Trebers Text vorkommen wird.

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt ein paar offizielle Akkreditierungshotels Downtown, im Zimmer wartet die streng riechende Plastiktasche mit den Bachmannpreis-Unterlagen. Die Autoren wohnen im Goldenen Brunnen, das plüschigste Hotel aber ist vielleicht das Porcia am Neuen Platz.

 

Schnell auf zum Häschen-Kurs, im Musil Haus am Bahnhof. Am Mittwoch lesen die Stipendiat:innen des Literaturkurses: ein dreistündiger Marathon mit neun talentierten jungen Stimmen. Im Publikum sitzen fast ausschließlich Literaturagenten. Es ist heiß, stickig – und am Ende gibt es einen Vortrag, auf den sich alle einigen können. Olivia Wenzel hat nicht nur eine klangvolle dunkle Stimme, ihr Text ist politisch und heutig – Trump-Amerika, Rassenfragen – und spielt gekonnt mit Erzählformen.

 

 

 

 

Am Mittwochabend werden die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Auslosung der Lesereihenfolge im ORF-Theater eröffnet. Auf Bierbänken im Garten sitzen alle, die lieber den samtigen Sommerabend genießen – und hemmungslos quatschen wollen. Irgendwie gibt es keinen perfekten Termin für die Autoren des Wettbewerbs: Donnerstag ist zu früh, Freitag ist zu sehr in der Mitte und Samstag lesen nur die „Töpferinnen“, wie eine Kollegin spitz bemerkt.

 

 

 

 

 

 

Pünktlich zum Buffet und der Happy Hour treibt der Regen alle noch Verbliebenen unter das Vordach des ORF-Theaters. Da steht Stefanie Sargnagel, letztjährige Gewinnerin des Publikumspreises, die ein halbes Jahr in Klagenfurt als Stadtschreiberin gelebt hat („Die Leute sind richtig süß hier“), neben Gianna Molinari, die erst am Samstag lesen – und den 3 Sat Preis gewinnen wird mit ihrem Text über einen Wachmann, der einen Menschen vom Himmel fallen sieht.

 

Donnerstagmorgen geht es pünktlich um 10h weiter. Auch der Speisesaal des Porcia ist ein Fest der Schlichtheit, aber die Laugenbrötchen sind sensationell.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zurück im Garten des ORF-Theaters sucht man sich ein schattiges Plätzchen. Auf Bildschirmen laufen die Videos, Lesungen und Jury-Diskussionen. Alle rascheln mit den Texten der Autoren, die zu Beginn der Lesung draußen ausgelegt werden.

 

 

 

 

 

Literaturagent Daniel Mursa und Rowohlt-Lektorin Diana Stübs, die mit John Wray in New York an seinem ersten deutschen Text gearbeitet hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer konzentriert zuhören möchte, ist im ORF Café besser aufgehoben. John Wray liest in weichem, österreichisch gefärbtem Deutsch den besten Text des ersten Tages, so komplex verschachtelt ist er, dass wer Rothalstaucher im Brustgefieder googelt (der Trend geht auch hier zum Second Screen), schnell aussteigt. In meinem Kopf echot derweil das Madrigal April is in my mistress face von Thomas Morley.

 

Die Jury-Diskussion unter Vorsitz von Hubert Winkels kreist unter anderem um die absurde Frage, ob der Text zu perfekt ist, ob er Klagenfurt als Rahmen überhaupt benötigt.

 

 

 

Morgens lesen drei Kandidaten, nach der einstündigen Mittagspause zwei weitere.

 

 

Auch am Lendhafen werden die Lesungen übertragen.

 

 

 

 

Nachmittags radeln viele zum See und springen in das türkisfarbene Wasser, das kühl und mittelmeerblau am Fuße der Karawanken liegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rowohlt-Lektorin Diana Stübs und Autor John Wray fahren abends mit dem Fahrrad zum Empfang der Bürgermeisterin auf Schloss Maria Loretto.

 

 

Manch einer trägt nur Leibchen und schmeißt sich erst vor Ort in Schale.

 

 

 

Während die Sonne malerisch hinter dem Gebirge versinkt, eröffnet die Bürgermeisterin mit knappen Worten das Buffet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir Ullstein-Kolleginnen, im Bild Susann Brückner aus der Presse und Aylin Salzmann aus dem Lektorat, sind dieses Jahr nur zum Zuhören da.

© Simon Grimm

 

 

 

 

 

 

 

Nicht nur die Hamburger starren ständig in ihre Smartphones, auf die Chats und Liveticker, Instagrambildchen und Facebookvideos aus dem Krisengebiet G20, die in krassem Kontrast zur kärntner Bilderbuchidylle stehen.

 

 

 

 

 

Um 23h schließt die Bar auf Schloss Maria Loretto, die Feierwütigen ziehen weiter zum Lendhafen und landen im Café Teatro in der Innenstadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch am Freitag beginnt der Vormittag um 10 h mit drei Lesungen im ORF-Theater. In sengender Hitze liest Ferdinand Schmalz, der den Wettbewerb verdient gewinnen wird, eine wohlkomponierte Eismannminiatur voller Keller und Geweihe. Die Jury ist so voll des Lobes, sie hält sich nicht mit dem Kanarienvogel und der Kleinschreibung auf.

 

 

Am Nachmittag regnet es wieder gewaltig nach Jackie Thomaes Text Cleanster, in dem das Unbehagen der urbanen Mittelschicht in der Dienstleistungsökonomie auf Schicksale von Geflüchteten trifft.

Meike Fessmann spricht wiederholt von Plattformkapitalismus. Jörg-Uwe Albig beschließt den Tag mit einer Lesung über eine Kapelle, die in ihrer eskapistischen Sprachüberfrachtung nicht weiter weg sein könnte vom Weltgeschehen. Klaus Kastberger glaubt sehr wohl, dass die Jury eine Liebesgeschichte erkennen würde. Derweil schottet sich in Hamburg die Weltpolitik ab, Journalisten wird die Akkreditierung entzogen und Polizei und Gegenkultur liefern den Medien bürgerkriegsähnliche Bilder aus dem Schanzenviertel.

 

 

 

 

 

Was bleibt nach zwei Tagen Klagenfurt? Ernsthafte Gespräche über Literatur an einem Ort, dessen Freizeitwert einem Kurzurlaub gleich kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An anderer Stelle geht die Welt unter, hier gehört es zu den größten Katastrophen, dass ein Flugzeug sich so sehr verspätet, dass der Anschlussflieger nur durch eine weitere Verspätung noch zu erreichen ist. Dabei hätte man sich Schlimmeres vorstellen können als eine Nacht in Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Gate hören wir live einen Beitrag von Deutschlandradio Kultur über späte Debutanten, vom Ageism in der deutschsprachigen Verlagswelt war in Klagenfurt herzlich wenig zu spüren. Die Beiträge waren divers, gender- und altersparitätisch – und insgesamt deutlich welthaltiger als die Jahre zuvor.

Müde Gesichter: Ulrike von Stenglin (Lektorin) und Susann Brückner (Pressereferentin)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin ist schwül am Freitagabend. Unbeschwert kann man die Freuden der Systemgastronomie genießen, während andernorts Autos brennen und Wohnungen vom SEK gestürmt werden. Seltsame, unruhige Zeiten. Aber sich mit Literatur zu befassen ist vielleicht nicht das Schlechteste, was man jetzt tun kann.

 

 


Mehr über die Autorin →

Ulrike von Stenglin arbeitet als Lektorin bei Ullstein. Seit sie dank Ullstein fünf überwiegend mit deutschsprachigen Autoren zu tun hat, kommt sie kaum noch dazu, ihrer Leidenschaft für Graphic Novels zu fröhnen.

 


Foto: Nadine Städtner

 

Mehr zu dem Thema auf dem resonanzboden

Was ist eigentlich junge Literatur? Spurensuche auf dem PROSANOVA