Wieder Luft holen – Sheryl Sandberg über ihren schmerzhaften Verlust und die Rückkehr in den Alltag

Als ihr Ehemann Dave Goldberg an Herzversagen starb, brach für Sheryl Sandberg eine Welt zusammen. In „Option B“ erzählt sie, wie sie mithilfe ihres guten Freundes, des Psychologen Adam Grant, zurück ins Leben fand und lernte, ihre Trauer zu verarbeiten.

von Sheryl Sandberg 

 


Sheryl Sandberg und Adam Grant. Foto: Matt Albiani

 

Etwa ein Jahr nach Daves Tod bekam ich während der Arbeit einen Anruf. Es war eine alte Freundin, und sie berichtete mir von einer jungen Frau, der etwas Schreckliches zugestoßen war. Vor einigen Tagen war sie auf einer Geburtstagsparty gewesen und nahm auf dem Heimweg einen Arbeitskollegen mit. Als sie vor seinem Haus hielt, zog er eine Waffe, zwang sie, mit ins Haus zu kommen, und vergewaltigte sie. Die junge Frau fuhr ins Krankenhaus, um sich untersuchen und die Spuren sichern zu lassen, und zeigte den Missbrauch bei der Polizei an. Meine Freundin suchte nun nach Menschen, die ihr Beistand leisten konnten, und weil sie wusste, dass ich die junge Frau ebenfalls kannte, legte sie mir nahe, sie einmal anzurufen. Beim Wählen der Nummer fragte ich mich nervös, wie ich die Frau bei der Bewältigung von etwas derart Brutalem wohl unterstützen konnte.

Während ich dann mit ihr sprach, wurde mir jedoch klar, dass manches von dem, was ich über Trauerbewältigung gelernt hatte, vielleicht auch für sie von Nutzen sein konnte. Durch die Art und Weise, wie wir negative Erfahrungen verarbeiten, legen wir die Saat für unsere Resilienz. Der Psychologe Martin Seligman, der jahrzehntelang erforscht hat, wie Menschen mit Rückschlägen umgehen, beschreibt drei Faktoren, die eine erfolgreiche Bewältigung behindern können: 1. Personalisierung – die Vorstellung, man sei selbst schuld; 2. Globalität – die Annahme, das Ereignis werde sich auf alle Bereiche des eigenen Lebens auswirken; 3. Permanenz – die Befürchtung, die Auswirkungen des Ereignisses würden bis in alle Ewigkeit anhalten. Als hätte man den LEGO-Song: „Everything is awesome“, sprich „Hier ist alles super!“ in sein Gegenteil „Hier ist alles schrecklich!“ verkehrt. Dabei spult sich im Kopf eine Endlosschleife ab: „Ich bin selbst schuld, dass es so schrecklich ist. Mein ganzes Leben ist schrecklich. Und es wird immer schrecklich bleiben.“

Hunderte von Studien haben gezeigt, dass sich Kinder und Erwachsene rascher erholen, wenn sie erkennen, dass die traumatischen Ereignisse nicht allein aus ihrem Handeln herrühren, dass sie sich nicht auf jeden Aspekt ihres Lebens ausweiten und dass sie sie nicht für alle Zeiten und überallhin begleiten werden. Sobald den Menschen dies klar wird, sind sie weniger anfällig für Depressionen, und sie kommen besser mit dem Alltag zurecht. Lehrer, die dies beherzigten, waren im Unterrichten erfolgreicher, und ihre Schüler erzielten bessere Leistungen. Es half den Schwimmern von Schulmannschaften, die im Wettkampf nicht sonderlich gut abgeschnitten hatten: Ihr Puls wurde gleichmäßiger, und sie verbesserten ihre Zeiten. Und es unterstützte Versicherungsvertreter bei ihrer schwierigen Arbeit: Indem sie Absagen nicht persönlich nahmen und sich vor Augen hielten, dass sie am nächsten Tag wieder neu durchstarten konnten, erreichten sie doppelt so viele Abschlüsse wie ihre Kollegen und hielten zweimal so lange in diesem Beruf durch.

Vor diesem Unglück war ich die große Schwester gewesen, die Macherin, die Planerin, eine, die sich voll und ganz reinkniet.

In dem Telefonat beschrieb mir die junge Frau zunächst, wie verletzt, betrogen, wütend und verängstigt sie sich fühlte. Dann begann sie, sich Vorwürfe zu machen, weil sie den Kollegen im Auto mitgenommen hatte. Ich redete ihr gut zu, den Übergriff nicht zu personalisieren. Bei einer Vergewaltigung trifft das Opfer nicht die geringste Schuld, und einem Arbeitskollegen die Mitfahrt anzubieten, ist das Selbstverständlichste der Welt. Ich betonte, dass nicht alles, was uns zustößt, auch durch uns verursacht wird. Dann ging ich auf die beiden anderen von Seligman beschriebenen Faktoren ein: Globalität und Permanenz. Wir sprachen über die guten Dinge in ihrem Leben, und ich ermunterte sie, daran zu denken, dass sie im Lauf der Zeit immer weniger unter dem Vorfall leiden werde. Über eine Vergewaltigung hinwegzukommen, ist unglaublich schwierig und kompliziert und zudem etwas, was jede Person anders erlebt. Allem Anschein nach aber geben sich die Opfer in den meisten Fällen selbst die Schuld und malen ihre Zukunft in düsteren Farben. Diejenigen, die dieses Muster durchbrechen, verfallen nicht so häufig in Depressionen und leiden seltener unter Posttraumatischen Belastungsstörungen. Einige Wochen später rief mich die junge Frau an und berichtete, dass mit ihrer Hilfe die Anklage gegen den Täter vorbereitet werde. Sie habe sich Tag für Tag die von mir aufgezählten Punkte vor Augen gehalten und sich dadurch besser gefühlt.

Auch auf mein Befinden hatte es sich positiv ausgewirkt, denn ich selbst war in die gleiche Falle getappt. Angefangen hatte es mit einer Personalisierung: Ohne weiteres Nachdenken hatte ich mir die Schuld an Daves Tod gegeben. Im ersten medizinischen Bericht hieß es, Dave sei an der Kopfverletzung gestorben, die er sich bei dem Sturz vom Trainingsgerät zugezogen hatte. Daraufhin plagte mich die Vorstellung, er hätte gerettet werden können, wenn ich nur früher in den Raum gekommen wäre. Mein Bruder David, ein Neurochirurg, machte mir jedoch klar, dass dies unmöglich so gewesen sein konnte, es anders gewesen sein musste: Durch den Sturz vom Trainingsgerät hätte sich Dave vielleicht einen Arm brechen, aber niemals eine Verletzung mit Todesfolge zuziehen können. Es musste zuvor etwas passiert sein, das Dave stürzen ließ. Das Ergebnis der Autopsie gab meinem Bruder recht: Dave starb innerhalb von Sekunden, ein plötzlicher Herztod, ausgelöst durch eine Erkrankung der Herzkranzgefäße.

 


Sheryl Sandberg mit Ehemann Dave Goldberg

Doch selbst nachdem ich erfahren hatte, dass Dave nicht gestorben war, weil ihm nicht sofort jemand geholfen hatte, als er auf dem Boden des Fitnessraums lag, fand ich Gründe, mir Vorwürfe zu machen. Dass er an einer Erkrankung der Herzkranzgefäße litt, war niemals festgestellt worden. Ich verbrachte Wochen mit seinen Ärzten und den Medizinern unter meinen Angehörigen und diskutierte mit ihnen den Autopsiebericht und Daves Krankenakte. Ich befürchtete nämlich, dass er über Schmerzen in der Brust geklagt hatte, ohne von mir beachtet zu werden. In Gedanken ging ich seine Essgewohnheiten durch und überlegte, ob ich ihn nicht stärker zu einer gesünderen Ernährung hätte drängen sollen. Seine Ärzte aber meinten, eine Änderung seines Lebensstils hätte ihn auch nicht gerettet. Und es half mir, als Daves Familie mir versicherte, dass er weit vernünftiger gegessen hatte, wann immer er mit mir zusammen war. Ich fühlte mich schuldig, dass durch Daves Tod das Leben der Menschen in meinem Umfeld durcheinandergewirbelt worden war. Vor diesem Unglück war ich die große Schwester gewesen, die Macherin, die Planerin, eine, die sich voll und ganz reinkniet.

Nach Daves Tod war ich zu fast nichts mehr fähig. Andere mussten für mich einspringen. Mein Chef Mark Zuckerberg, mein Schwager Marc und Marne planten die Beerdigung. Mein Vater und meine Schwägerin Amy trafen die Vorbereitungen. Als sich die Trauernden bei mir zu Hause einfanden, um zu kondolieren, sorgte Amy dafür, dass ich aufstand und ihnen für ihr Kommen dankte. Mein Vater erinnerte mich daran, dass ich etwas essen musste, und setzte sich dann neben mich, um darauf zu achten, dass ich es auch wirklich tat. Der Satz, den ich im Laufe der folgenden Monate am häufigsten benutzte, lautete: „Tut mir leid!“ Ich entschuldigte mich unentwegt. Bei meiner Mutter, die alles stehen und liegen ließ, um in den ersten Monaten bei mir zu sein. Bei meinen Freunden, die Hals über Kopf zur Beerdigung hergefahren waren. Bei meinen Kunden, weil ich Verabredungen nicht einhielt. Bei meinen Kollegen, wenn ich die Arbeit aus den Augen verlor, sobald ich von Gefühlen überwältigt wurde. Dachte ich zu Beginn einer Besprechung noch „Das schaffe ich“, kamen mir kurz darauf die Tränen, und ich musste mit einem hastigen „Tut mir furchtbar leid“ aus dem Raum stürzen, was nicht unbedingt die Art von Disruption ist, die man in Silicon Valley gern sieht.

Adam Grant überzeugte mich schließlich, diesen Satz gänzlich aus meinem Wortschatz zu verbannen. Er verbot „Entschuldigung“ und „Pardon“ sowie alle sonstigen Begriffe, mit denen ich das Untersagte womöglich unterlaufen könnte. Indem ich mir die Schuld gab, erklärte er mir, verhinderte ich, dass ich wieder auf die Beine kam. Womit ich gleichzeitig auch die Heilung bei meinen Kindern verzögerte. Das gab mir den entscheidenden Anstoß. Wenn schon die Ärzte Daves Tod nicht verhindern konnten, wie hätte ich es dann tun sollen? Dies überhaupt für möglich zu halten, war unsinnig. Und nicht ich hatte die anderen aus ihrem normalen Leben gerissen, sondern das tragische Ereignis. Außerdem erwartete keiner von mir eine Entschuldigung, wenn mir die Tränen kamen. Ich musste mir oft auf die Zunge beißen, bis ich mir endlich das „Sorry“ abgewöhnt hatte, aber sobald die Entschuldigungen aus meinem Sprachgebrauch verschwunden waren, verschwand auch die Personalisierung.

Nur sechzig Prozent der in der Privatwirtschaft Beschäftigten bekommen nach dem Tod eines geliebten Menschen bezahlten Urlaub – und das gerade mal für einige Tage.

Und während ich mir weniger Vorwürfe machte, begann ich zu begreifen, dass nicht wirklich alles schrecklich war. Mein Sohn und meine Tochter schliefen nachts durch, weinten seltener und spielten häufiger. Wir hatten die Möglichkeit, uns an Berater und Therapeuten zu wenden. Ich konnte mir eine private Kinderbetreuung und eine Haushaltshilfe leisten. Zudem habe ich liebe Angehörige, Freunde und Kollegen, die mir und den Kindern wunderbare Stützen waren – manchmal sogar im wörtlichen Sinn. Ich fühlte mich enger mit ihnen verbunden, als ich es je für möglich gehalten hätte. Dass ich wieder arbeiten ging, half mir bei der Bewältigung der Globalität. Nach jüdischer Tradition durchlebt man in der sogenannten Schiwa sieben Tage lang eine tiefe Trauer und sollte dann einen Großteil seiner normalen Tätigkeiten wiederaufnehmen. Kinderpsychologen und Trauerexperten rieten mir, meinen Sohn und meine Tochter so rasch wie möglich wieder in ihren gewohnten Alltag einzugliedern. Zehn Tage nach Daves Tod gingen sie also wieder zur Schule, und ich fuhr während ihrer Unterrichtsstunden ins Büro.

Meine ersten Tage bei der Arbeit verbrachte ich wie im Nebel. Seit über sieben Jahren war ich CEO von Facebook, doch plötzlich kam mir alles fremd vor. Im ersten Meeting dachte ich nur eins: „Wovon reden die hier eigentlich? Und spielt das überhaupt eine Rolle?“ Irgendwann aber wurde ich in die Diskussion einbezogen, und eine Sekunde lang – vielleicht auch nur eine halbe – hatte ich alles vergessen. Ich vergaß den Tod. Ich vergaß das Bild von Dave auf dem Boden des Fitnessraums. Ich vergaß, dass ich mitangesehen hatte, wie man seinen Sarg ins Grab senkte. Beim dritten Meeting des Tages schlief ich sogar für einige Minuten ein. Zwar war es mir peinlich, als ich merkte, wie mein Kopf wegsackte, aber ich war auch froh – und nicht etwa deshalb, weil ich nicht geschnarcht hatte. Zum ersten Mal seit Daves Tod hatte ich mich etwas entspannt.

Im Laufe der Tage, Wochen, Monate war ich allmählich immer länger in der Lage, mich zu konzentrieren. Bei der Arbeit fand ich wieder Zugang zu meinem alten Ich, und die Liebenswürdigkeit meiner Kollegen zeigte mir, dass nicht alles in meinem Leben schrecklich war. Ich war schon immer davon überzeugt, dass man am Arbeitsplatz Verständnis und Unterstützung braucht. Heute weiß ich, dass dies noch viel wichtiger ist, wenn jemand eine Tragödie erlebt hat. Traurig, aber wahr: Nur sechzig Prozent der in der Privatwirtschaft Beschäftigten bekommen nach dem Tod eines geliebten Menschen bezahlten Urlaub – und das gerade mal für einige Tage. Kehren sie zurück an den Arbeitsplatz, können sie aufgrund ihrer Trauer häufig nicht die gewohnte Leistung erbringen. Die Kosten der durch Trauer hervorgerufenen Produktivitätsausfälle für Unternehmen schätzt man allein in den USA auf jährlich 75 Milliarden Dollar. Darüber hinaus stellt ein Todesfall oft eine große finanzielle Belastung dar. Wenn man Angestellten nach dem Verlust eines geliebten Menschen Urlaubstage, flexible Arbeitszeiten oder eine reduzierte Stundenzahl und zudem finanzielle Hilfe anböte, ließe sich diese Summe verringern, und die Menschen stünden nicht mehr so stark unter Druck. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Zuzahlungen zur Krankenversicherung, Betriebsrente und Urlaubstage für familiäre und gesundheitliche Zwecke anbieten, stellen fest, dass sich diese langfristige Investition in Form treuer und produktiver Arbeitskräfte auszahlt. Eine solche Unterstützung ist also nicht bloß eine Frage des Mitgefühls, sondern auch eine wirtschaftliche Entscheidung.

 


Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg bei Facebook

 

Ich war froh, dass Facebook seinen Angestellten einen großzügigen Trauerurlaub gewährt, und setzte mich nach Daves Tod mit unserem Team zusammen, um diese Maßnahme für die Zukunft noch weiter auszubauen. Am schwersten fiel mir der Umgang mit der Permanenz. Monatelang litt ich unter dem Eindruck, dass mich der quälende Schmerz, ganz gleich was ich tat, nie wieder verlassen würde. Die meisten meiner Bekannten, die eine Tragödie erlebt hatten, erklärten mir, die Trauer werde im Lauf der Zeit abnehmen. Und eines Tages würde ich beim Gedanken an Dave lächeln. Ich glaubte ihnen nicht. Wenn meine Kinder weinten, musste ich sogleich daran denken, dass sie ihr Leben lang ohne Vater sein würden. Dave verpasste nicht einfach nur ein Fußballspiel, sondern alle Fußballspiele. Alle Debattierwettbewerbe. Alle Ferien und Feiertage. Alle Abschlussfeiern. Er würde nicht Brautführer seiner Tochter sein. Die Angst vor einem Leben ohne Dave lähmte mich. Mit diesen düsteren Zukunftsvorstellungen war ich nicht allein. Wenn wir leiden, gehen wir häufig davon aus, dass dieser Zustand bis in alle Ewigkeit anhalten wird. Untersuchungen zu unseren Prognosen über unsere zukünftige Gefühlssituation haben ergeben, dass wir den Zeitraum, in dem uns ein negatives Ereignis beeinflusst, viel zu lang ansetzen. So bat man Studenten, sich vorzustellen, ihre jetzige Partnerbeziehung würde zu Ende gehen. Dann sollten sie abschätzen, wie sehr sie nach Ablauf von zwei Monaten noch darunter leiden würden. Zugleich fragte man andere, deren Beziehung tatsächlich zerbrochen war, nach ihren Gefühlen. Diejenigen, die wirklich eine Trennung erlebt hatten, waren weit glücklicher, als die Teilnehmer der Kontrollgruppe für sich annahmen. Ähnlich verhielt es sich bei den negativen Auswirkungen anderer belastender Ereignisse. Nachwuchswissenschaftler meinten, sie würden die nächsten fünf Jahre darunter leiden, wenn sie keine Festanstellung an der Universität bekämen. Doch das war nicht der Fall. Studenten glaubten, sie würden sich unglücklich fühlen, wenn ihnen ein unbeliebtes Wohnheim zugewiesen werde. Als jemand, der – sogar zweimal – im unpopulärsten Wohnheim des Colleges landete, weiß ich, dass das Ergebnis dieser Studie stimmt: Niemanden machte seine unerwünschte Wohnsituation unglücklich.

Wann immer ich mir erklären wollte, dass es wieder besser werden würde, meldete sich in meinem Kopf eine viel lautere Stimme zu Wort, die das bestritt.

Wir besitzen nicht nur ein körperliches Immunsystem, sondern auch ein psychologisches. Wenn etwas schiefläuft, aktivieren wir instinktiv unsere Abwehrmechanismen. Wir sehen den Silberstreif am Horizont. Wir versüßen uns die Sache. Wir flüchten uns in Klischees. Doch als ich Dave verlor, war ich zu alledem nicht in der Lage. Wann immer ich mir erklären wollte, dass es wieder besser werden würde, meldete sich in meinem Kopf eine viel lautere Stimme zu Wort, die das bestritt. Es schien klar, dass meine Kinder und ich niemals wieder einen Augenblick reiner Freude erleben würden. Niemals. Wie Seligman herausfand, sind Wörter wie „niemals“ und „immer“ ein Anzeichen für Permanenz. So wie ich „Es tut mir leid“ aus meinem Wortschatz hatte verbannen müssen, versuchte ich es deshalb nun auch mit „niemals“ und „immer“ und ersetzte sie durch „eines Tages“ und „manchmal“. Aus „Ich werde mich immer schrecklich fühlen“ wurde „Ich werde mich manchmal schrecklich fühlen“. Das war zwar kein großer Trost, aber doch immerhin ein Fortschritt. Inzwischen gab es Augenblicke, in denen der Schmerz nachließ, so wie eine Migräne, die sich kurz mal legt.

Und als sich diese Momente mehrten, konnte ich mich an sie erinnern, wenn ich wieder in tiefer Trauer versank. Langsam sickerte es zu mir durch, dass mein Schmerz, so tief er auch war, demnächst wieder einmal abebben würde. Das half mir, mein Leben in den Griff zu bekommen. Ich versuchte es auch mit einer Technik aus der kognitiven Verhaltenstherapie, bei der man aufschreibt, was der eigenen Ansicht nach den Schmerz verursacht, um sich dann zu beweisen, wie falsch diese Vorstellung ist. Anfangs befasste ich mich mit dem, was ich am meisten fürchtete: „Mein Sohn und meine Tochter werden eine durch und durch unglückliche Kindheit haben.“ Als ich das so schwarz auf weiß vor mir sah, krampfte sich mein Magen zusammen. Zugleich aber wurde mir klar, dass ich viele Menschen kannte, die in jungen Jahren ein Elternteil verloren hatten und auf die das nun wirklich nicht zutraf. Ein andermal schrieb ich: „Ich werde mich nie wieder gut fühlen.“ Während ich es las, wurde mir klar, dass ich noch am gleichen Morgen über einen Witz gelacht hatte. Ich selbst hatte diesen Satz schon widerlegt, wenn auch nur für eine Minute.

Ein befreundeter Psychiater erklärte mir, dass wir Menschen von unserer Entwicklungsgeschichte her sowohl die Fähigkeit zu engen Bindungen als auch zur Trauer besitzen. Von Natur aus haben wir die Gabe, uns von Verlusten und traumatischen Erlebnissen zu erholen. Das stärkte mein Vertrauen, es auch zu schaffen. Wenn wir in unserer Entwicklung gelernt hatten, unseren Schmerz zu bewältigen, würde mich meine tiefe Trauer nicht umbringen. Durch dieses Bewusstsein – dass die Menschheit seit Jahrhunderten Liebe und Verlust erlebte – fühlte ich mich im Einklang mit etwas Größerem, verbunden mit einer universellen menschlichen Erfahrung.

 

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus Sheryl Sandbergs „Option B“.

 

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Sheryl Sandberg, geboren 1969, ist COO und Mitglied des Verwaltungsrates von Facebook. Nach dem Studium in Harvard arbeitete sie bei der Weltbank und als Stabschefin von Finanzminister Larry Summers im Kabinett von Bill Clinton. Danach ging sie zu Google. Ihr Buch Lean In wurde zum weltweiten Bestseller.

Foto: Matt Albiani

 

Das Buch

Die Welt nahm Anteil, als Sheryl Sandbergs Ehemann Dave Goldberg im Frühjahr 2015 plötzlich verstarb. Sie, die erfolgreiche COO von Facebook, und ihre Kinder fielen in ein tiefes Loch, Freude zu empfinden, schien nie mehr möglich zu sein. „Du kannst dich in den Abgrund fallen lassen, der Leere, die dein Herz füllt und deine Lungen, die dein Denken verengt und dir den Atem abschnürt. Oder du kannst versuchen, einen Sinn darin zu finden.“ Dabei hat Sheryl Sandberg ihr guter Freund Adam Grant geholfen, der ihr konkrete Anleitung gab, wie Menschen nach niederschmetternden Schicksalsschlägen schrittweise wieder zurück ins Leben finden können.

Links 

„Option B“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

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Die offizielle Website von Option B