Vom Klassenzimmerstück zum Roman: Jörg Menke Peitzmeyer über die Entstehung von „Billy the Beast“

Angefangen hat alles mit einem Theaterstück – einem Klassenzimmerstück. Der preisgekrönte Theaterautor Jörg Menke-Peitzmeyer berichtet von den Herausforderungen, den Tücken und den Chancen, die sich beim Schreiben eines Romans auftun – und warum man als Romanautor am Ende nackt dasteht.

von Jörg Menke-Peitzmeyer

Was, bitteschön, ist ein Klassenzimmerstück?

Zunächst mal ein Theaterstück, das in einem Klassenzimmer aufgeführt wird. Und zwar in einem richtigen, nicht einem auf der Bühne nachgebauten. Vielmehr wird das Klassenzimmer zur Bühne. Und warum macht man so was? Um immer fauler und träger werdenden Lehrern und Schülern den Besuch eines Theaters zu ersparen, sie andrerseits aber nicht vollständig um den Genuss eines Theatererlebnisses zu bringen? Um Schüler an Ort und Stelle mit der Realität und Utopie ihres eigenen Lebens zu konfrontieren? Um sie, wie es im Theater – ebenso wie im Politiker-Deutsch so schön heißt, dort abzuholen, wo sie sich befinden? Wie dem auch sei, mein erster Roman „Billy the beast“ war vor fast fünfzehn Jahren so etwas wie ein Klassenzimmerstück mit dem Titel „Der Essotiger“. Den Essotiger gibt es nicht mehr. Dafür hat inzwischen jeder Fußballclub bis runter in die Regionalliga sein Maskottchen.

Wie macht man aber nun aus einem Klassenzimmerstück, noch dazu einem Monolog, einen Roman? Über den Umweg eines Drehbuchs. Ich hatte immer gedacht, dass die Idee – dicker Junge nimmt nach tausend erfolglosen Ideen ausgerechnet als Maskottchen ab – über die fünfzehn, zwanzig Seiten eines Klassenzimmerstücks, das eine Schulstunde an Spieldauer nicht überschreiten darf, hinausgehen könnte. Und da ich damals vom grassierenden Serienwahn angesteckt war, schrieb ich ein Drehbuch, für das ich schließlich eine Förderung vom Kuratorium Junger Deutscher Film bekam. Eine Produktionsfirma fand, dass die Story aus dem eher beschaulichen Berlin-Schöneberg unbedingt ins brisante Neukölln verlegt werden müsse. Eine andere behauptete, sie hätte ein ähnliches Projekt in der Mache, während eine dritte angesichts der Schauplätze die Hände über dem Kopf zusammenschlug: „Freizeitpark, Eishockeystadion – wie sollen wir das alles bloß bezahlen?“ Mit anderen Worten: das Drehbuch wurde nie verfilmt. Und da lag es nun, irgendwo in einer unteren Schublade meines Schreibtisches, zwischen der fünften Arbeitsfassung eines aufgegebenen Theaterstücks und einer Mappe mit Rechercheartikeln für irgendein neues Projekt.

Bis ich mich eines Tages an Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“ erinnerte. Auch der war zunächst mal ein Drehbuch gewesen, das keiner verfilmen wollte, bis es ein Roman wurde, der dann gleich zweimal verfilmt wurde, erst von der DEFA, dann von Hollywood. Also nahm ich mein Skript wieder in die Hand und machte einen Roman draus. Was jetzt furchtbar einfach klingt. Aber dass ich die Dialoge und vor allem den Plot hatte, machte die Sache zumindest nicht unmöglich. Auch wenn sich beides dann im Laufe der Arbeit wieder verwandelt hat. Vom Klassenzimmerstück übernahm ich die Ebene der direkten Leseransprache, auf die ich im Drehbuch – als Stimme aus dem Off – verzichtet hatte. Und den einen oder anderen Schlüsselsatz: „Ich bin erst auf Familienpackung umgestiegen, als ich keine Familie mehr hatte“. Oder dass in einem Maskottchenkostüm ein Klima herrsche wie im polynesischen Hochland. Aus der direkten Ansprache an das Publikum bzw. den späteren Leser hat sich der Sound der Geschichte entwickelt. Da will jemand gehört werden. Da geht jemand nicht automatisch davon aus, dass ihm zugehört wird.

 

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Klassenzimmerstücke sind für Schauspieler oftmals Spießrutenläufe. Ein jugendliches Publikum, das quasi in seinen eigenen vier Wänden sitzt, ist entwaffnend in seiner Ehrlichkeit und Direktheit. Da ist jeder Satz ein Kampf um die Aufmerksamkeit, vor allem wenn die Aufführung in der vierten oder fünften Stunde stattfindet. In der direkten Leseransprache lag für mich auch der Schlüssel zum Roman. Denn so wenig ich mich als Leser für die detaillierte Inneneinrichtung von Wohnungen oder die Physiognomie von Figuren interessiere, so sehr hatte ich als Romanautor einen Horror davor, jetzt Sofaecken oder Nasenwurzeln beschrieben zu müssen. Ich wollte in den Kopf eines Jungen herein, nicht unbedingt in sein Zimmer.

Im Klassenzimmerstück ist eigentlich der ganze Roman schon angelegt: die osteuropäischen Liebhaber der Mutter, die schier unauflösliche Symbiose von Familie und Essen, die Cheerleader, Berts Wunsch, sich auf ewig in dem Kostüm zu verstecken. Und ich wusste von den verschiedenen Inszenierungen des Stücks, die ich gesehen hatte, dass die Geschichte funktionieren könnte. Nur nicht zu lang, zu breit werden. Obwohl man das als Romanautor ganz im Gegensatz zum Theaterautor ja werden darf, wozu ist der Roman sonst da. Das hab ich zumindest am Anfang gedacht. Allerspätestens beim Lektorat dann nicht mehr.

Den größten Unterschied zwischen beiden Disziplinen sehe ich darin, dass man als Romanautor am Ende nackt dasteht. Und zwar auf dem Papier. Zwischen Stück und Publikum ist noch die Inszenierung, manchmal zum Vorteil des Stücks, oftmals zum Leidwesen des Autors. Als Schauspieler habe ich auf Leseproben bei einem Uraufführungstext oft genug erlebt, wie das Ensemble inklusive Regisseur vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Wie soll man das, was sich da irgendein praxisferner Absolvent einer Schreibschule ausgedacht hat, bloß auf die Bühne bringen? Und wie dann am Ende doch noch eine gute Inszenierung daraus wurde. Weil das Theater seine eigenen Mittel hat, die Schwächen einer Vorlage zu kaschieren. Man kann die Sache meistens immer noch irgendwie zurechtbiegen.

Als Romanautor ist einem dieser Fluchtweg versperrt. Nun bin ich gespannt auf die Buch-Premiere am 24. Februar. Und, ehrlich gesagt, auch ein wenig darauf, ob jemand die Geschichte jetzt doch noch verfilmen möchte…


 

→ mehr über den Autor

Menke_Peitzmeyer_Jörg_c_Efe_OnikinciJörg Menke-Peitzmeyer wurde 1966 in Westfalen geboren. Er studierte Schauspiel und Literarisches Schreiben und lebt als freier Autor für Dramatik und Prosa in Berlin und Istanbul. Seine Arbeit an Billy the Beast wurde mit einem Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds gefördert. Es ist sein erster Roman.

Foto: Efe Onikinci

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Bert ist schwer. Sogar sehr schwer. Stolze 101 Kilo bringt er auf die Waage. Alles nervt. Zum Glück gibt es Günther Jauch. Bei seiner Lieblingssendung kann Bert ungestört von zu Hause mitraten. Doch eines Tages ändert sich alles. Er wird das Maskottchen einer Eishockeymannschaft und als Billy the Beast im Tigerfell berühmt. Sogar die Pfunde purzeln plötzlich. Am Ende kommt es doch wieder dicker. Bert verliebt sich, und die Fragen und Antwortmöglichkeiten scheinen auf einmal endlos.
Der Zusatzjoker muss her …

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Billy the Beast auf den Seiten der Ullstein Buchverlage