Jede Fälschung erzählt eine Geschichte

„Das letzte Bild der Sara de Vos“ ist die Geschichte einer Täuschung, die ein ganzes Leben überschattet. Um seine Romanfigur, die Kunstfälscherin Ellie Shipley, mit dem nötigen Handwerkszeug auszustatten, ging der Autor Dominic Smith bei einem echten Meisterfälscher in die Lehre. Welche Parallelen es zwischen der Arbeit eines Fälschers und der eines Romanautors gibt, erklärt er uns in seinem Essay.

von Dominic Smith

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Jede Fälschung sollte eine Geschichte erzählen. Das kann durch blaue Kreidespuren auf der Rückseite des Rahmens geschehen, die teilweise per Hand entfernt werden und an vergangene Verkäufe bei Auktionen denken lassen. Oder auch durch die Ablagerungen von Insekten auf dem Gemälde selbst, die, da der Zucker im Firnis Fliegen anzieht, suggerieren, dass es Jahrzehnte lang vergessen auf einem Dachboden schlummerte. Skeptische Sammler könnten auf die Idee kommen, das Bild mithilfe ultravioletter Strahlung nach Oxidationsspuren abzusuchen, jenem zarten, blauweißen Schimmern, das ein Nebenprodukt des Alterungsprozesses ist. Um sie hinters Licht zu führen, tragen die Fälscher also manchmal den Firnis von einem alten wertlosen Gemälde ab und mit einer Spritzpistole auf ihre neue Kreation auf.

Als Han van Meegeren während des Zweiten Weltkriegs Hermann Göring und die Nazis dazu verleitete, seine gefälschten Vermeers zu kaufen, stellte ihn die Porosität vor ein narratives Problem.
 Da es bis zu einem halben Jahrhundert dauert, bis Ölgemälde vollständig aushärten, kann ein 
potenzieller Käufer mit einem Nadelstich in eines der Pigmente prüfen, ob es auffällig weich ist. Van
Meegeren kaufte daher einen Pizzaofen und experimentierte mit dem Aushärten seiner Gemälde, aber erst, als er seinen Pigmenten 
Bakelit hinzuzufügen begann und die Bilder anschließend langsam im Backofen trocknete, gelang es ihm, sein erzählerisches Problem zu lösen.

Hilfe vom Meisterfälscher

Als ich „Das letzte Bild der Sara de Vos“ schrieb, in dem es um die Fälschung des einzigen von einer Frau gemalten Landschaftsgemäldes aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande geht, hatte ich das große Glück, auf die Expertise eines Meisterfälschers zurückgreifen zu können. Ken Perenyi begutachtete meine Falsifikate per E-Mail. In seiner 2012 veröffentlichten Autobiographie „Caveat Emptor“ beschreibt er en détail, wie er falsche Meisterwerke erschuf und an die renommiertesten Auktionshäuser und Händler der Welt verkaufte. Ich sendete ihm eine Liste mit den Fälschungstechniken, die im Mittelpunkt meines im Entstehen begriffenen Romans stehen sollten.

Außerdem beauftragte ich einen Spezialisten für die Restaurierung von Kunstwerken damit, eine Kopie von „Am Rande eines Waldes“ anzufertigen, einer 1636 gemalten winterlichen Szene mit einem Mädchen, das bei einbrechender Dämmerung Eisläufer beobachtet. Ellie Shipley, meine Romanfigur aus der Gegenwart, kopiert das Gemälde unter Einsatz jener Techniken, die ich einer Handvoll Interviews und Büchern über das Fälschen entnommen hatte, darunter Eric Hebborns „The Art Forger’s Handbook“ und Perenyis „Caveat Emptor“. Mit den meisten Dingen lag ich richtig. Perenyi wies mich aber auf einen schwerwiegenden technischen und narrativen Fehler hin. Ich ließ Ellie eine niederländische Leinwand aus der Entstehungszeit des Originals auftreiben und zweckentfremden, aber in ihrem Übereifer – und dem vorläufigen Entwurf zu meinem Buch – trug sie die oberen Farbschichten ab und benutzte anschließend einen Bimsstein, um die Leinwand vor dem eigentlichen Malvorgang zu glätten. Perenyi bemängelte, dass dieses Vorgehen dilettantisch sei, da es die „Oberflächensignatur“ des Gemäldes ausradieren würde. Ein vierhundert Jahre altes Gemälde verfügt über besondere Alterungsspuren; manchmal sorgt das Muster der Krakelüre dafür, dass es wie eine farbige Scheibe fein zersplitterten Glases aussieht.

Die Gemälde-Geologie 

Da die Niederländer des siebzehnten Jahrhunderts ihre Leinwände mit größter Sorgfalt in  einzelnen Schritten und Schichten bearbeiteten – Abriss, Grundierung, Untermalung, Malerei, Lasur –, haben ihre Gemälde eine geradezu geologische Struktur. Was in der darunterliegenden Schicht geschieht, wie die Verwendung von grauer Farbe für die Schatten oder von Bleiweiß für einen Flecken Schnee, hat Auswirkungen auf das, was sich darüber abspielt. Wie alle guten Fälscher ist Perenyi mit dieser Geologie so vertraut wie mit einem Stück Land, das er eigenhändig umgepflügt hat. Das jahrzehntelange Experimentieren mit den Illusionsverfahren, vom Mahlen seiner eigenen barocken Pigmente bis zur Herstellung seines eigenen Klebstoffs aus Kaninchenfellen, hat ihn technisch in den Stand versetzt, seine Geschichten zu verwirklichen. Das Handwerk des Meisterfälschers ist eine merkwürdige Kombination aus Technik und erzählerischer Kühnheit.

Bevor der Fälscher Mark Landis in einem Artikel des New Yorker und einer TV-Dokumentation porträtiert wurde, schlüpfte er oft in eine Verkleidung und schleppte seine Fälschungen quer durchs Land zu den verschiedenen Museen. Manchmal trug er dabei ein Priestergewand. Das Kollar eines Geistlichen hat einen ähnlichen Effekt wie die Insektenablagerungen: Es lenkt das Auge vom Bild selbst ab. Anders als Perenyi oder van Meegeren zog Landis aus seinen Fälschungen allerdings keinen materiellen Profit, da seine Werke den Kuratoren als Spenden überreicht wurden (wodurch er auch ein Betrugsdelikt vermied). Vielleicht lassen sich Zweifel ein bisschen einfacher aus dem Weg räumen, wenn kein Geld im Spiel ist.

Von Fälschern und Romanautoren

Wie bei den Fälschern, so besteht auch bei den Romanautoren das Geschäft darin, Dinge zu erfinden, Illusionen zu erwecken und die Grenzen der Glaubwürdigkeit auszutesten. Wir sind beide darauf spezialisiert, die Sinne zu täuschen. Vielleicht schien es mir deshalb so natürlich, einen Meisterfälscher per E-Mail darum zu bitten, der Fälschung eines fiktiven Gemäldes durch eine fiktive Figur (obwohl Sara de Vos nach diversen historischen Malerinnen der Zeit gestaltet ist) seinen Segen zu erteilen. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass ich ausgerechnet Perenyi, einen Kollegen in Sachen Lug und Trug, darum bat, mir die Wahrheit zu sagen. Für jemanden, der den Großteil seines beruflichen Lebens damit verbracht hat, sich in aller Öffentlichkeit zu verstecken, war er bemerkenswert offen und mitteilsam. Ich habe den Eindruck, dass er dem Reiz seiner eigenen Geschichte nicht widerstehen konnte, ganz wie ein Romanautor, der, wenn er ein gewisses Alter und Ansehen erreicht hat, schließlich dem Impuls nachgibt, seine Memoiren zu verfassen.

Warum Fälschungen und Plagiate unserer Kultur so nahegehen, war etwas, das mich während der Arbeit an meinem Roman durchgehend beschäftigt hat. Mir kam immer wieder das Zitat von Platon in den Sinn, wonach alles zu bezaubern scheint, was täuscht. Das gilt für die Belletristik ebenso wie für gelungene Fälschungen. Ein Werk muss verlocken, vorspiegeln, heraufbeschwören und abbilden. Es muss sich wahr anfühlen. Und all das tut es, damit die Käufer oder Leser ihre eigene narrative Beziehung zu ihm aufbauen können. Die Erzählungen und dargestellten Augenblicke sind in Form von Papier oder Pigmenten durch die Zeit zu ihnen gereist und entfalten sich jetzt vor ihnen, als sei es das erste Mal. Wenn wir uns von der Kunst in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort versetzen lassen, ist das ein sehr persönlicher Vorgang. Fälschungen und Plagiate treffen also mitten ins schlagende Herz unserer eigenen Erlebnisse mit anderen menschlichen Wesen. Und wer möchte schon sein Herz an einen Hochstapler verschenken.

 


→ mehr über den Autor

 

Smith_Dominic_c_Stacy+Sodolak_4ckleinDominic Smith wuchs in Australien auf und lebt heute in Austin, Texas. Seine Kurzgeschichten waren für den Pushcart Prize nominiert und sind in mehreren Magazinen erschienen, u. a. The Atlantic. Er hat mehrere Fellowships erhalten. Sein aktueller Roman „Das letzte Bild der Sara de Vos“ erscheint im März 2017 bei Ullstein.

Foto: Stacy Sodolak

 

Das Buch OD_9783550081873-Smith-Das-letzte-Bild-der-Sara-de-Vos_SU_A01.in

Sara de Vos ist die erste Malerin, die 1631 in die Amsterdamer Meistergilde aufgenommen wird. New York, 1957: Marty de Groot ist Anwalt und ein gediegener Gentleman. Sein Schlafzimmer schmückt einzig ein Gemälde von Sara de Vos, das sich seit Jahrhunderten in Familienbesitz befindet. Ausgerechnet dieses Bild wird ihm gestohlen, was er nur durch einen Zufall bemerkt. Denn die Kopie, die ihm die Diebe hinterlassen, ist exzellent. Marty findet heraus, dass die junge Kunststudentin Ellie Shipley das Bild kopiert hat. Er umwirbt sie, und Ellie verliebt sich in ihn. Er jedoch hat nur die Fälschung und ihren Betrug im Sinn. Jahrzehnte später treffen die beiden Bilder, die Fälscherin und der Anwalt noch einmal aufeinander …

Links

Das letzte Bild der Sara de Vos auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Die offizielle Website von Dominic Smith