Zurück in die Schule: Frau Freitag lernt Fahren

Normalerweise sagt Frau Freitag ihren Schülern, wo es lang geht. Jetzt muss die Berliner Kult-Lehrerin jedoch zur Abwechslung selbst noch mal die Schulbank drücken. Frau Freitag macht nämlich ihren Führerschein – und erweist sich dabei als äußerst ungeduldige Schülerin. Für besonders ungeduldige Fans gibt es hier schon einmal einen Vorgeschmack auf „Man lernt nie aus, Frau Freitag!“. 

Von Frau Freitag

10950639346_fd4a2db7ea_kFoto: State Farm | Flickr | CC BY 2.0

Die Fahrschule Fahrenheit

An der Fahrschule in meiner Straße laufe ich nun schon seit zwanzig Jahren vorbei. Nie habe ich mir über Fahrschulen Gedanken gemacht. Genauso wie ich zu den Dealern am U-Bahnhof immer „Nein, danke“ sage. Fahrschulen und Drogenkauf – kamen bisher in meinem Leben nicht vor. Das soll sich nun ändern. Heute betrete ich die Fahrschule Fahrenheit.

Die ganze Fahrschule ist eigentlich nur ein Raum. An der Wand hängen ein Kalender von einem Reifenhersteller und eine Uhr. An einer Seite stehen zwölf unbequem aussehende schwarze Plastikstühle und an der anderen ein langer Schreibtisch, hinter dem ein junger Mann sitzt. Von der Decke hängt ein Beamer. Der Freund begleitet mich. Wir setzen uns auf die zwei Stühle vor dem Schreibtisch. Der junge Mann sitzt uns gegenüber. Er ist sehr dünn und sehr jung. Er sieht aus, als sei er erst vor ein paar Monaten volljährig geworden.   Ich bekomme sofort mütterliche Gefühle.

„Ich will einen Führerschein machen.“

„Na, da sind Sie hier ja genau richtig“,sagt er, und ich nehme mir ein Zitronenbonbon aus dem Glas neben seinem Computer.

Ich kann nicht anders. Ich muss alles nehmen, was umsonst ist. Er fragt mich, ob ich mich mit dem ganzen Prozedere schon auskenne. Ich sage: „Nö.“ Ich hatte extra versucht, möglichst wenig über die ganzen Verordnungen und Anmeldevoraussetzungen zu lesen, denn ich hasse es, mich  über  Sachen zu informieren, die ich schon weiß. Nichts ist schlimmer, als wenn dir jemand etwas erklärt, das du schon gründlich im Internet recherchiert hast. Natürlich kannte ich doch schon ein paar Eckpunkte. Ich komme zum Beispiel um diesen Erste-Hilfe-Kurs nicht rum. Ich höre mir also an, was noch ansteht. Er sagt was von: „Dann holen Sie sich einen Termin beim Bürgeramt.“ Ich denke: Oh, das wird schwierig, sind die nicht zurzeit total überlastet? Er erzählt vom Theorieunterricht und von den Fahrstunden. (…)

Im Erste-Hilfe-Kurs

„Wir können uns hier ja alle duzen, oder? Wir sind ja in der Freizeit hier.“ Das Mädchen steht vor dem Whiteboard und strahlt uns an. Freizeit. Nach Freizeit fühlt sich das ganz und gar nicht an. Wir sitzen in einem schlecht gelüfteten Raum im zweiten Stock eines Neubaus. Draußen regnet es. Der Stuhl ist unbequem, und ich trage ein Namensschild. Diese jungen Leute, die heute den Erste-Hilfe-Kurs mit uns machen sollen, lächeln alle und sprechen uns permanent mit unseren Vornamen an. Dafür die Namensschilder.

Es ist Sonntagmorgen, und ich war die einzige Person auf der Straße. Die U-Bahn war auch leer. Wir sind ungefähr zwanzig Teilnehmer, und alle hängen müde auf ihren Stühlen. Die drei Kursleiter sind dagegen hellwach und aufgekratzt, als wäre das hier die geilste Party ihres Lebens.

„Wir machen erst mal zur Auflockerung ein Kennenlernspiel.“ Eigentlich bin ich ein großer Freund von Kennenlernspielen. Aber nur, wenn ich sie durchführe und nicht mitmachen muss. Und was sage ich dann? Wie soll ich mich denn  vorstellen? Ich sage auf keinen Fall Lehrerin, und auch mein Alter werde ich verschweigen. Ich sage, ich bin Fleischerin, Modedesignerin, Finanzbeamtin oder so was.

„Genau. Also sagt euren Namen und eure Hobbys und dann stellt ihr euch gegenseitig vor. Verstanden?“ Puh, okay, ohne Beruf und Alter. Glück gehabt. Neben mir sitzt ein Junge mit Undercut. Er dreht sich schüchtern  zu mir und sagt: „Dann  machen wir also zusammen.“

Ich grinse ihn an und nicke. „Und, Jonas, hast du schon eine Fahrstunde gehabt?“ „Nee, erst morgen.“

Die gut gelaunte Kursleiterin – sie sieht aus wie eine Achtklässlerin – stellt sich in  die  Mitte des Raumes: „Und? Fertig?“

„Ach so, was sind denn deine Hobbys, Jonas?“

„Fußball und Zeichnen. Und Ihre?“, fragt er. Und Ihre? Warum siezt der mich? Ich dachte, wir sind hier alle in der Freizeit und duzen uns so ganz locker. Egal. Wir sollen unsere Hobbys nennen. Oh Gott, Hobbys. The Walking Dead? Ist das ein Hobby? Rauchen? Soll ich jetzt mit dem Rodeo kommen? Was, wenn die dann nachfragen?

„Äh, Lesen und Verreisen.“ Hab ich das wirklich gesagt? Lesen und Verreisen? Die lahmsten Hobbys, die man sich denken kann. Und sind wir doch mal ehrlich, eigentlich rauche ich doch viel mehr, als ich verreise, und ich gucke auf jeden Fall viel mehr Serien als in irgendwelche Bücher. Aber jetzt ist es zu spät. Da muss ich jetzt durch. Ich bin die mit den langweiligen Hobbys. Ich bin sicher, dass die drei Brüder hinter mir nicht „Lesen“ sagen. Vielleicht müssen wir das gar nicht laut sagen, denke ich noch, aber da zeigt das Kursleitungsmädchen schon auf die beiden jungen Frauen, die ganz links sitzen.

„Ja, also, das ist die Lena, sie ist 17 Jahre alt und ihre Hobbys sind Hip-Hop-Tanzen und Mangas.“ Was soll das mit dem Alter? Das sollten wir doch gar nicht sagen. „Und das ist die Sina-Marie, und sie ist auch 17, und ihre Hobbys sind Surfen und sich mit Freunden treffen.“

Mist, ich komme um das Alter nicht rum und beuge mich zu Jonas, um ihm noch schnell mein Alter mitzuteilen. „Ich bin übrigens Mitte vierzig.“

„Das hier ist Jonas. Er ist 17 und seine Hobbys sind Fußball und äh …“ Mist, kann ich mir nicht mal zwei Sachen merken? War das jetzt auch Lesen? Oder Computerspiele? Jonas sieht aus wie Vincent aus meiner Klasse, und der spielt immer Computerspiele. Spielen die in dem Alter nicht alle immer nur Comp…

„Zeichnen“, flüstert Jonas.

„Ah ja, richtig. Seine Hobbys sind Fußball und Zeichnen.“

Als sich alle vorgestellt haben, ist klar, dass ich die Allerallerälteste im Raum bin. Selbst der Typ hinten rechts mit der Glatze ist noch wesentlich jünger als ich. Während ich noch im Kopf ausrechne, ob ich nun dreimal oder viermal älter bin als Lena und Sina-Marie, geht der Kurs auch schon los. Alles zum Helfen. Muss man helfen, wie hilft man, wer hilft, Strafgesetzbuch, Studien, brennendes Haus, Verkehrsunfall  und dann kommt irgendwann eine  fünfminütige Pause und ich denke: Das überlebe ich nicht. (…)

Huhn

Illustration aus „Man lernt nie aus, Frau Freitag!“

Die erste Fahrstunde

Heute habe ich meine allererste Fahrstunde. Ich bin aufgeregt und sehr gespannt auf den Fahrlehrer. Was soll ich denn anziehen? Der erste Eindruck ist doch wichtig. Na, mit Jeans, Kapuzenpulli und flachen Winterstiefeln kann man nichts falsch machen. Mit hochhackigen Schuhen soll man bestimmt nicht Auto fahren. Auf jeden Fall darf ich nicht so aussehen, als hätte ich mir zu viele Gedanken über mein Outfit gemacht. Ich lasse mal ein Hosenbein über dem einen Stiefel und zieh das andere runter. Das sieht dann sehr lässig und auf keinen Fall nach vielen Vorüberlegungen aus. Es ist wichtig, was der Fahrlehrer von mir hält. Schließlich sitze ich ja ab jetzt wochenlang mit dem im Auto.

Fahrlehrer  Harald fragt gerne Sachen, die er sich dann selbst beantwortet. Bis wir im Auto sitzen, grinse und nicke ich eigentlich nur immer wieder und sage „Aha“ und „Ach so“. Ich versuche, freundlich rüberzukommen und einen guten Eindruck zu machen. Harald ist wahrscheinlich so alt wie ich, sieht aber älter aus. Er trägt eine Antiklederjacke. Fünfzehn Jahre Lehrerin und auf einmal bin ich Schülerin. „Wir nähern uns der Fahrertür immer von vorne. Warum? Damit wir den vorbeifahrenden Verkehr im Auge haben.“

„Hast du schon mal darüber nachgedacht, den Führerschein nur für Automatik zu machen?“, fragt er. „Nee, hab ich nicht und will ich auch nicht.“

„Na ja, schalten ist nicht zu unterschätzen“, sagt er, obwohl ich das Schalten gar nicht unterschätzt  habe. Wie käme ich denn dazu? Aber ich will nicht nur Automatik. Hast du dir schon mal überlegt, nur den Hauptschulabschluss zu machen? Haben Sie sich mal überlegt, nur eine halbe Packung Zigaretten zu kaufen? Nee, ich will das ganz Normale. Ich will das, was alle haben. Ich will schalten.

Aber bevor ich auch nur irgendetwas im Auto anfassen darf, wird mir jeder eingebaute Pups in dem Fahrzeug erklärt. Ich darf die Spiegel einstellen. „Du musst den Türgriff in der unteren rechten Ecke sehen können.“ Ich drücke auf die Taste mit den Pfeilen. Der Spiegel dreht sich nach außen. Okay, rechts, das muss nahe am Auto sein. Alles andere macht keinen Sinn. Das sind jetzt Sachen, die ich nie mehr vergessen werde. „Du musst den Türgriff in der unteren  rechten  Ecke sehen können.“ Von heute an werde ich alle Seitenspiegel in allen Autos, die ich noch fahren werde, so einstellen. Hoffentlich erzählt mir Harald keinen Scheiß. Er sagt auch, ich soll nicht auf den Rückspiegel fassen.

„Der Blinker.“ Erklär, erklär, ich darf den  Blinker anmachen. Links blinken, rechts blinken, links blinken, rechts blinken. Ich warte auf ein mich austricksendes links, links, aber das kommt nicht. „Das ist das Radio. So geht das aus und an, und die Sender …“

Ich habe schon mal ein Radio gesehen. Sogar schon mal bedient. Sogar schon ein Autoradio bedient. Harald nimmt es mit der Einführung sehr genau. Wir sitzen eine Stunde nebeneinander und er erklärt mir, wie Mercedes irgendwas gebaut hat, und im Gegensatz zu Opel sei es bei VW ja immer so oder so, und hier ist die Heizung, und da geht der Sitz nach vorne und nach hinten und nach unten und nach oben. Harald muss das machen. Er muss mir alles erklären. Aber auch wenn ich keinen Führerschein habe – ein Auto habe ich schon mal gesehen. Auch schon in einem gesessen, und als er mir erklären will, wie ich mich anschnallen soll, da kann ich nicht anders und sage, dass ich mich schon mal angeschnallt habe, auch wenn der Stecker da auf der anderen Seite war. Anschnallen kann ich. (…)

Trockene Theorie?

Mit dem festen Vorsatz, mich diesmal absolut  zurückzuhalten, begebe ich mich in meine erste Theoriestunde. Ich nicke den Anwesenden zur Begrüßung zu. Ich werde nicht mal „Guten Abend“ oder „Hallo“ sagen. Von mir hören sie nichts! Ich werde eine von diesen stummen, undurchschaubaren Personen sein. Mit neutralem Gesichtsausdruck. Wo man nicht weiß – findet die das jetzt gut oder schlecht? Undurchschaubar,  weil stumm und emotionslos.   Emotionslos – ja!

Es fängt an. Wir sehen einen Film. Einen Film über Autos. Der Film ist länger als nötig. Der Fahrlehrer verschwindet im Hinterzimmer. Niemand sagt etwas. Ich beginne, mich zu langweilen. Ist kein Actionfilm, und lustig ist er auch nicht. Autofahrer werden interviewt und jeder sagt, dass er ein guter Fahrer sei. Ich sehe mich um. Der Raum ist anregungsarm, ich gucke mir den Kalender an. Es ist so einer, bei dem man ein kleines Kästchen über die Zahlen schieben kann, um den Tag einzustellen. Das Datum stimmt nicht. Heute ist zwar Oktober, aber nicht der zweiundzwanzigste, sondern der vierundzwanzigste.

Dann kommt der Fahrlehrer wieder. Er sitzt vor uns und erzählt uns etwas über Alkohol, Drogen, Handys, Vollkasko, Teilkasko, Insassenversicherungen und Schutzbriefe, und dann fragt er, was man tut, wenn man zu müde wird beim Fahren. Ich sag nichts! Ich werde nichts sagen. Er fragt noch mal. Niemand meldet sich. Ich werde mich weder melden noch was sagen. Und dann höre ich mich plötzlich sagen: „Na, auf keinen Fall Kaffee trinken!“ Es ist einfach so aus mir herausgeplatzt. Ich wollte das gar nicht sagen. Ich wollte doch unauffällig meine Zeit absitzen.

Der Fahrlehrer grinst. Ich meine – Kaffee, ist doch klar. Jeder trinkt Kaffee, wenn er müde ist, aber hier wird Kaffee nicht akzeptiert. Und dann nickt der Fahrlehrer und wir erhalten einen kurzen Vortrag darüber, dass Kaffee eben nicht wach macht. So ein Quatsch. Kaffee macht wach. Aber Kaffee ist böse. Tee auch und Energy-Drinks ebenfalls. Von Zigaretten wollen wir gar nicht erst anfangen.

Und ab da kann ich mich nicht mehr zurückhalten. Jeden Satz muss ich  kommentieren. Überall meine schlechten Witze beisteuern. Wenn ich was höre, dann sucht mein Hirn einen passenden Witz zu dem Satz, und auch wenn ich das nicht will, sage ich den dann.

Das ist wie kotzen. Man denkt noch: Nein, nein, und schon ist es passiert.

 

Dies ist ein Auszug aus „Man lernt nie aus, Frau Freitag!“. Das Buch erscheint am 7. April 2017 bei Ullstein.


→ mehr über die Autorin

Frau Freitag, geboren 1968, wollte schon immer Lehrerin werden. Erst im Referendariat hat sie verstanden, dass es den stets wissbegierigen Schüler nur in Büchern gibt. Im echten Leben unterrichtet sie seit fünfzehn Jahren Englisch und Kunst in lauter überdrehten, dafür recht leistungsschwachen Klassen. Frau Freitag lebt in Berlin.

 

Das Buch 

9783548376998Frau Freitag ist Lehrerin. Sie sagt normalerweise, wo’s lang geht. Doch nun wird sie selbst zur Schülerin, denn Frau Freitag will endlich den Führerschein machen. Aber ständig bekommt sie zu hören, dass sie schon viel zu alt sei, um etwas Neues zu lernen – auch von ihrem Fahrschullehrer. Dabei hat sie doch Snowboardfahren gelernt und Lehrerinsein und Aquagymnastik. Und mit Frau Dienstag geht sie regelmäßig zum Pilates, ihren Körper kann sie noch tip-top verrenken. Aber Frau Freitag ist eine ungeduldige Schülerin, in ihrem Alter will sie sich eigentlich gar nichts mehr sagen lassen. In der Fahrschule lernt sie nicht nur Autofahren, sondern vor allem eine Menge über sich selbst…

Links

„Man lernt nie aus, Frau Freitag!“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

Der offizielle Blog von Frau Freitag