Was ist Noir?

Sven Heuchert holt mit seinem Debütroman „Dunkels Gesetz“ das Genre Noir nach Deutschland – genauer gesagt, ins Rheinland. Doch woran genau erkennt man eigentlich den Noir-Roman? Am fehlenden Happy End, am Milieu in dem die Geschichte angesiedelt ist, oder an der finsteren Thematik? Die Journalistin und Krimi-Expertin Sonja Hartl liefert Erkenntnisse über die düstere Welt von Raymond, Ellroy und Co. 

Von Sonja Hartl

 

 

„Keine Helden, kein Happy End“ lautet eine der beliebtesten und kürzesten Definitionen von Noir. Tatsächlich betont sie den pessimistischen Drive des Noir, lässt aber ein weiteres wichtiges Merkmal, das der Noir ebenfalls von hardboiled novels und Expressionismus übernommen hat, außen vor: den gesellschaftskritischen Impetus.

Noir-Romane erzählen von den Außenseitern und den Ausgestoßenen der Gesellschaft in der „Sprache der Straße“ und des jeweiligen Milieus. Dabei verschreiben sie sich häufig einer subjektiven Perspektive und konzentrieren sich auf das Verhältnis des Protagonisten zur Gesellschaft. Der Kriminalschriftsteller Derek Raymond hat es einmal so beschrieben:

„Im Noir-Roman fällt die Menschheit in einer Bar oder in der Dunkelheit dem Wahnsinn anheim. Er schildert Männer und Frauen, deren Lebensumstände sie zu weit getrieben haben, Menschen, deren Dasein verbogen und entstellt ist. (…)  Es gibt ihn, damit Menschen begreifen, was Verzweiflung – die kleinen, dunklen Räume der Existenz, in denen alle Ausgänge vergittert, zugemauert sind – wirklich ist“. (aus: „Die verdeckten Dateien“, 1999)

Durch diese Einsicht in die Düsterheit der Existenz und die Erkenntnis, dass es kein glückliches Ende geben wird, erzählen Noirs von der zerstörerischen Kraft der Macht, der Korrumpierung des öffentlichen Lebens, von Unordnung, Missbehagen und Unzufriedenheit. Extreme sind die Norm, meist wird ein Verbrechen begangen und dadurch eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Dabei ist das Verbrechen an sich zweitrangig, es offenbart vielmehr das komplexe Geflecht sozialer Beziehungen in einem Milieu, einem Viertel, einer Stadt – und ist zumeist Teil einer gesellschaftlichen Maschinerie, die die gesellschaftliche Ordnung am Laufen hält. Deshalb gibt es im Noir keine Aufklärung, keine individuelle Zuschreibung der Schuld, kein Happy End durch die Wiederherstellung der Ordnung.

Ebenso wichtig ist beim Noir die Verankerung in einem bestimmten Milieu, das meistens urban ist. Oft ist eine Stadt im Noir sogar eine Hauptfigur – ob Poisonville bei Hammett, Los Angeles bei Ellroy, Rom bei De Cataldo. Hier konzentriert sich die Bevölkerung, lassen sich Netzwerke und verschiedene Milieus finden. Und doch gibt es eine Verbindung des Noir zur Provinz, insbesondere zum small town america. Schon in den Southern Gothics finden sich düstere Gegenbildlichkeiten zu den Idyllen, bei Jim Thompson werden Kleinstädte zu Orten des Grauens. Entscheidend ist daher nicht das Wo, sondern vielmehr das Wie. Im Country oder auch Provinz Noir hat die Region keinen touristischen Schauwert, sie weckt keine Heimatgefühle oder Verbundenheit. Vielmehr entstehen aus ihr konkrete geographische, soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingungen. Ein Beispiel hierfür sind die Ozark Mountains bei Daniel Woodrell mit ihrer vom amerikanischen Traum abgehängten Bevölkerung und Meth-Küchen. Die Verbrechen, die dort geschehen, spiegeln die lokalen Notwendigkeiten ebenso wider wie die Sprache Rückschlüsse auf die Bewohner und regionale Eigenheiten erlaubt.

Sven Heuchert hat nun als erster deutscher Autor das Genre nach Deutschland, nach Hause, geholt und mit Altglück eine Region gefunden, deren Beschreibung und Erforschung sich lohnt. Nicht nur im ländlichen Louisiana von „True Detective“ findet man verfallene Häuser, korrupt-mörderische Bewohner und raffinierte Giftmischerinnen, sondern auch in Altglück. Hier herrscht keine behagliche Atmosphäre vor, hier gibt es keine wohlhabenden Bürger, die ein wenig Mörderraten spielen, hier wird keine sozialromantisch-verklärte Sehnsucht nach einem vermeintlich einfachen Leben in der Natur bedient. Vielmehr ist diese Region von Abstieg und Armut bestimmt, die durch den Industriewandel hervorgerufen wurde. Die alten Verdienstmöglichkeiten gibt es nicht mehr, eine Zukunft sehen lediglich Investoren in der Ausbeutung von Rohstoffen. Die Leute hier haben keine Perspektive und kaum noch Moral:

„Wenn man den Menschen ihre Träume nimmt, dann haben sie auch kein Gewissen mehr“ beschreibt es die alte Frau Pollozek gegenüber Richard Dunkel.

Nach Altglück nun kommt der Ex-Söldner Dunkel, der an den ehemaligen Cop Turner aus James Sallis’ Turner-Trilogie  erinnert. Wie Turner kommt auch Dunkel nicht von einer vergangenen Schuld los und weiß nicht, wie er mit ihr und dem Leid weiterleben soll. Und hier zeigt Heuchert abermals das bemerkenswerte Verständnis des Noir-Autoren für die Menschen und ihre Fehler, ihre Betrügereien, zerstörte Träume und verlorenen Hoffnungen. Er erkundet die dunklen Seiten seiner Protagonisten und unserer Existenz – und findet hierfür in Altglück die perfekte Region, die mit ihren verlassenen Gruben und einsamen Raststätten ein wenig an einen modernen Western denken lässt. Und auch der hat bekanntlich einen Hauch Noir.

 


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Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über (Kriminal-)Literatur, Film und Fernsehen. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Jury-Mitglied der Krimibestenliste.

Foto: privat

 

Das Buch 

Altglück ist ein verlassenes Nest in der Nähe der belgischen Grenze, hier träumt es sich schlecht vom sozialen Aufstieg. Achim, der Tankstellenbesitzer, heuert bei der Lokalgröße Falco an und steigt gemeinsam mit seinem Kumpel Haller in den Drogenhandel ein. Seine letzte Chance auf ein gutes Leben, glaubt er – für sich, seine Geliebte und deren Tochter Marie. Doch ein Mann droht alles kaputtzumachen: Richard Dunkel. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er als Security für eine Chemiefirma. Eines Nachts stößt er dort auf Achims Drogenversteck. Er setzt Achim mächtig unter Druck – und gefährdet so, ohne es zu ahnen, Marie.

Sven Heuchert wurde 1977 im Rheinland geboren und lebt heute bei Köln. 2015 erschien sein Storyband „Asche“; er veröffentlichte außerdem in zahlreichen Literaturzeitschriften. „Dunkels Gesetz“ ist sein Debütroman.

Foto: Gerald von Foris


Links

„Dunkels Gesetz“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

Sonja Hartls Zeilenkino 

Die offizielle Website von Sven Heuchert 

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