Podcasts: Aus der Nische direkt ins Ohr

Schon länger werden Podcasts als neuer Trend gehandelt und spätestens seit Spotify Jan Böhmermann und Olli Schulz unter Vertrag genommen hat, ist das Thema auch bei uns angekommen. Unsere Pressekollegin Susann Brückner stemmt sich gegen den Trend und möchte mit ihrer Begeisterung für Podcasts gern in der Nische bleiben. Ein Plädoyer für das Podcast als Format für eine kleine aber feine Community von Liebhabern.

von Susann Brückner

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Podcast, der, Reportage, (Radio)beitrag o. Ä., der als Audiodatei im MP3-Format im Internet zum Herunterladen angeboten wird (Duden, eingetragen seit 2006)

 

Ein Anachronismus im Namen ist schonmal keine ideale Voraussetzung für ein durchschlagendes Medium: Podcast = iPod + broadcast. Vor zehn Jahren ergab das Sinn, heute fragt man sich, warum ein mp3-Player jemals außerhalb eines Smartphones existierte. Oder, falls man jünger ist, warum das Ding nicht Padcast heißt.

Merkwürdig auch, dass das Radio direkt in der Bedeutungsdefinition des Duden auftaucht, wenn auch nur etwas verschämt in Klammern. Richtig ist, viele Radiosender stellen einige ihrer Formate nach der Sendung im Netz zur Verfügung. Das ist praktisch, denn so kann ich hören, was Radiostationen produzieren, die außerhalb meines Empfangsbereichs ausgestrahlt werden und das auch noch, wann immer ich will. Legendär ist der Zündfunk Generator des BR, ausgesprochen beliebt der WDR Hörspielspeicher und die besten Gäste hat der 1Live Talk. Aber diese Audio-Dateien sind Zweitverwertungen. Sie sind nicht für das Medium Internet produziert worden, sondern sie sind Radio. Mobil und 21. Jahrhundert, aber Radio.

Schaut man sich an, was You-Tube Videos von Fernsehbeiträgen unterscheidet oder Blogs von Zeitschriften, tritt der durch das Medium Internet bedingte funktionale Unterschied zutage, der auch für Podcasts gilt: Sie richten sich an und interagieren mit einer bestimmten Community, sie zeigen Gesicht, sie richten ihre Formate an den (Nischen-)Bedürfnissen des neuen Mediums aus, sie experimentieren mit den Mitteln und der Zeit, die Ihnen zur Verfügung stehen.

Originär für das Internet produzierte Podcasts von privaten Absendern haben im deutschprachigen Raum eine besonders prominente Form hervorgebracht: den Laberpodcast. Das ist die offizielle Selbstbezeichnung. Dazu finden sich ein bis fünf Menschen zu einer räumlichen oder virtuellen Gesprächsrunde ein und: labern – von wenigen Minuten bis über drei Stunden ist alles drin. Der technische und zeitliche Aufwand ist relativ gering und die Themen sind so unterschiedlich wie die Produzierenden; es gibt Musiker*innen, Feminist*innen, Techniknerds, Filmkritiker*innen, Bücherwürmer,  Anarchist*innen, Eltern, Strickbegeisterte, Kochfans, Religiöse, Unterhalter*innen, Verschwörungstheoretiker*innen… you name it. Empfehlungen funktionieren folglich nur in der eigenen Filterblase, hier die Top 3 aus meiner: Lila Podcast, Die Wrintheit, kleinercast. Der erfolgreichste Podcast in diesem Format ist die zuvor im Radio (!) ausgestrahlte Show fest & flauschig von Olli Schulz und Jan Böhmermann.

Mit dem Erfolg der amerikanischen Produktion Serial sind Überlegungen in der Podcast-Szene laut geworden, ob sich Podcasts nicht für komplett neue Erzählformate anbieten. Serielle Modelle funktionieren im Netz – Videos sind das beste Beispiel. Netflix nutzen sogar meine wenig internetaffinen Lehrerfreunde. Mit Text funktioniert das auch, nicht nur bei der E-Book Flatrate, auch Blogs, Facebook, Twitter beweisen das. Und Audio?

Der Nachteil von Audio im Netz liegt auf der Hand: Es gibt nix zu gucken. Das macht aber auch die Vorzüge aus: Audio braucht nicht so viel Speicherplatz. Und nicht soviel Akku! Audio zielt direkt auf Emotionen (dazu gibt es Studien – nur über den Geruchssinn kommt man noch direkter an die Gefühle). Audio ist ideal für Leute, die unterwegs sind und ihren Sehsinn zum Überleben brauchen. Und für solche, die zu verkatert sind zum Lesen und Serienschauen.

Das Verschwinden der mp3-Player ohne Display hat den Podcast von der Liste interessanter Netzformate vertrieben. Aber vielleicht müssen Podcasts auch gar nicht raus aus der Nische, vielleicht sind sie genau das: Produktionen von Nerds für Geeks mit Leidenschaft. Ein bisschen, wie Freunde treffen, ein bisschen voyeuristisch nur mit Ohren. Podcasts sind der CB-Funk des Internets. Deal with it.


→ mehr über die Autorin

sub_portraitSusann Brückner ist Pressereferentin bei Ullstein. Sie träumt seit einigen Jahren davon, einen Podcast zum Thema  Popgeschichte der Roboter zu produzieren, der mit 80er Jahre-Musik unterlegt wäre und in dem definitiv gelabert würde.
Foto: Melanie Hauke

 

 

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