Werden Sie erwachsen und lernen Sie eine neue Sprache

Was haben ein tropfender Wasserhahn und Mehrsprachigkeit gemeinsam? Beide können unser Leben verändern, meint Gaston Dorren. Warum es uns außerdem reicher, schlauer und vernünftiger macht, eine neue Sprache zu lernen, verrät der niederländische Autor in seinem Essay. Ein Plädoyer für Verständigung zwischen den Kulturen. 

Von Gaston Dorren

BeitragsbildFoto: Linh Do | Flickr | CC BY 2.0

Der Abschied von einer bequemen Illusion

Als Grundschulkind aß ich oft bei meinem Freund Paul zu Mittag. Eines Tages fiel mir, während wir am Küchentisch saßen, auf, dass der Wasserhahn über der Spüle tropfte. Und am nächsten Tag immer noch. Ein paar Tage später hatte das Tropfen allerdings aufgehört. Als ich das erwähnte, antwortete Pauls Mutter, ganz beiläufig: „Ja, wir haben ihn am Wochenende repariert.“

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie beeindruckt ich war. Wenn in meiner Familie etwas kaputt ging, dann blieb es kaputt – wochenlang, monatelang, manchmal auch jahrelang. Also hielt ich das für normal. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, dass andere Familien nicht nur anders, sondern in mancherlei Hinsicht auch besser waren als meine eigene.

So sehr ich sie auch liebte, das makellose Bild, das ich von meinen Eltern gehabt hatte, zeigte erste Kratzer. Ich musste mich von der bequemen Illusion verabschieden, dass wir die beste Familie der Welt waren. Einerseits verlor ich zwar etwas, andererseits gewann ich aber auch etwas hinzu. Ich wurde ein bisschen erwachsener. Denn erwachsen wird man, indem man bequeme Illusionen hinter sich lässt.

Warum uns Mehrsprachigkeit zu besseren Menschen macht

Beschäftigen wir uns jetzt aber erst mal mit dem Thema Sprachen und mit Ihnen. Ich bin mir sehr sicher, dass Sie fast alle mehr als eine Sprache beherrschen: Sie sprechen Deutsch, wahrscheinlich auch Englisch, gut oder doch zumindest ein wenig, und vielleicht haben Sie noch weitere Sprachen gelernt.

Diese Zwei- oder Mehrsprachigkeit – ich werde ab hier der Einfachheit halber konsequent „Mehrsprachigkeit“ sagen – hat Sie als Person verändert, und zwar zum Besseren. Damit will ich keineswegs sagen, dass Sie außergewöhnlich sind. Gewiss sind Sie das in mancherlei Hinsicht, aber Mehrsprachigkeit ist in weiten Teilen der Welt die Norm. Wenn Sie Deutsch und Englisch sprechen, sind Sie also „normal“. Wenn Sie andererseits nur Englisch sprechen, sind Sie, statistisch betrachtet, Amerikaner oder Brite.

Nicht außergewöhnlich also, aber von Einsprachigen unterscheiden Sie sich sehr wohl. Schauen wir mal, auf welche Weise. Werfen wir einen Blick auf die, wie ich finde, großartigen Effekte der Mehrsprachigkeit. Den besten hebe ich mir für den Schluss auf.

Der finanzielle Effekt

Effekt Nummer eins ist finanzieller Natur. Ökonomen zufolge haben wir Mehrsprachigen höhere Durchschnittseinkommen als Einsprachige mit ansonsten vergleichbaren Fähigkeiten. Das gilt vor allem in Staaten mit mehr als einer offiziellen Sprache, wie Kanada oder Belgien, und dort, wo Fremdsprachenkenntnisse verhältnismäßig selten sind, wie in den Vereinigten Staaten. Ein Amerikaner, der Deutsch spricht, verfügt im Schnitt über ein fast vier Prozent höheres Einkommen. Aber ich bezweifle, dass das auch in Teilen der Welt gilt, wo die Mehrsprachigkeit weit verbreitet ist, wie in Osteuropa, Skandinavien und in den Niederlanden – Deutschland befindet sich vielleicht irgendwo in der Mitte. Außerdem wird Sie dieser finanzielle Effekt als Person nicht stark verändern. Es handelt sich ja nur um etwas Geld.

Der neurologische Effekt

Was Sie sehr wohl verändert, ist Nummer zwei, der neurologische Effekt. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass Mehrsprachigkeit Ihr Gehirn  flexibler macht. Besonders in der Kindheit, besonders im Alter und besonders wenn Sie Ihr Leben lang ständig zwischen den Sprachen hin und her wechseln. Wenn Sie also genau das tun, dann bitte, machen Sie so weiter. Keep at it. Siga así. Ga zo door. Blief dat doon. Sie tun ihrem Gehirn aller Wahrscheinlichkeit nach einen großen Gefallen.

Der Vernunftseffekt

Es gibt einen dritten Unterschied zwischen Ein- und Mehrsprachigen, den ich den Vernunftseffekt nennen möchte und der mich offen gesagt überrascht hat. Wenn Menschen eine Zweitsprache nutzen, treffen sie rationalere, vernünftigere Entscheidungen. In ihrer ersten Sprache denken sie emotionaler, intuitiver, übereilter – weniger rational. Das hat gewisse Vorteile; dafür tappen Sie aber auch leichter in kognitive Fallen.

Wenn wir beispielsweise Geld im Casino verspielen – was nun mal der Sinn und Zweck von Casinos ist – versuchen wir meist viel zu lange, unsere Verluste wieder auszugleichen. Wenn Sie im Casino aber Ihre Zweitsprache verwenden, werden Sie wahrscheinlich schneller aufhören. Vielleicht fangen Sie erst gar nicht an – was sich natürlich besonders positiv auf Ihr Privatvermögen auswirkt. Die zweite Sprache sorgt also nicht nur dafür, dass Sie intensiver darüber nachdenken, wie man sich genau ausdrückt – man muss sich ja um Grammatik und solche Dinge kümmern –, sondern allem Anschein nach auch darüber, was man sagt und sogar, was man tut. Ist das nicht ein riesiger Pluspunkt?

Der Verwandlungseffekt

Die drei Auswirkungen, die ich bis hierhin erwähnt habe, sind alle vorteilhaft: der finanzielle Effekt, der neurologische Effekt und der Vernunftseffekt. Der nächste wird Ihnen vielleicht auf den ersten Blick nicht besonders nützlich erscheinen. Es geht um dieses Gefühl, das Sie sicher kennen: dass Ihre Persönlichkeit sich verändert, sobald Sie von Sprache A zu Sprache B wechseln. Deshalb möchte ich an dieser Stelle vom „Verwandlungseffekt“ sprechen. Vielleicht wird Ihre Stimme oder ihre Körpersprache anders, Sie werden vielleicht mehr oder weniger selbstsicher, förmlicher oder ganz locker, humorvoll oder tierisch ernst und Ähnliches mehr.

Warum ist das so? Ich glaube, dass ein Teil der Antwort in der persönlichen Biographie zu suchen ist. Deshalb werde ich es am Beispiel der Person demonstrieren, die ich am besten kenne: Als Student und als Journalist habe ich ungefähr ein Jahr in Lateinamerika verbracht, größtenteils an tourismusfernen Orten. Die Menschen trafen dort nicht besonders oft auf exotische Fremde wie mich, weshalb sie mir viele Fragen stellten. Sie gaben mir das Gefühl, irgendwie besonders zu sein. Und jedes Mal, wenn ich jetzt Spanisch spreche, was ich nicht mehr so oft und nicht mehr so gut tue, kehrt ein bisschen was von diesem Gefühl zurück.

Wann immer ich andererseits Limburgisch, die regionale Sprache meiner Jugend, spreche, erweckt das in mir ein Gefühl von Verwandtschaft, von Zugehörigkeit, von Verwurzelung. Diese Verwandlung ist also eine ganz andere als jene, die das Spanische in mir bewirkt.

Sprachen sprechen macht Kulturen zugänglich

Aber die eigene Biographie erklärt nur einen kleinen Teil des Verwandlungseffekts. Wenn wir eine Zweitsprache beherrschen, erschließen sich uns auch völlig andersartige Botschaften, denn Angehörige anderer Gesellschaften mit anderen Kulturen glauben andere Dinge und drücken andere Dinge aus als wir.

Das bestätigen auch die Erfahrungen, die ich während meines Aufenthalts bei peruanischen Andenbauern gemacht habe. Sie waren so arm, dass sie mir, wann immer ich jemanden fragte, wie viele Kinder er habe, zwei Antworten gaben: eine Zahl für die Lebenden, eine für die Toten. Die Tode waren größtenteils die Folge von Unterernährung, von Krankheit oder von beidem. Das führte mir sehr deutlich vor Augen, dass gute Eltern zu sein in dieser Gesellschaft vor allem hieß, die eigenen Kinder ausreichend ernähren und sich einen Arzt leisten zu können, etwas, das man in reicheren Gesellschaften eher für selbstverständlich hält.

Eine andere Entdeckung, die ich dort machte, war, dass eine Person gleichzeitig Katholik und Kommunist sein kann. In meiner Welt hatte das bis dahin als unvereinbar gegolten. Aber die Leute erklärten es mir: Der Kommunismus machte ihnen Hoffnung fürs Leben hier, der Katholizismus fürs Jenseits. Logisch!

Eine größere Welt

Das und vieles andere hätte ich nicht entdecken können ohne Spanisch. Die Sprache motivierte mich und ermöglichte es mir, eine andere Kultur zu erkunden. Dank der Sprache konnte ich es und wollte es auch. Sie machte meine Welt größer und vielfältiger; verwandelte sie und somit mich.

Natürlich vermag dies nicht nur das Spanische. Es hätte wohl auch Hindi oder Per­sisch oder Chinesisch oder sogar Dänisch sein können, denn jede Fremdsprache macht unsere Welt größer und vielfältiger. Sie erschließt uns Orte mit anderen Überzeugungen, anderen Erwartungen, Zielen oder Wünschen und sogar anderen Interpretationen der Wirklichkeit, anderen Sichtweisen über das, was es heißt, ein Mensch zu sein, was es heißt, eine Frau oder ein Mann zu sein, was es heißt – jetzt mal aus meiner männlichen Sicht – ein Ehemann, ein Sohn, ein Onkel zu sein, aber auch, was es heißt, ein Nachbar, ein Angestellter, ein Gastgeber, ein Bürger zu sein, was es heißt, zuverlässig und anständig oder ganz einfach nett zu sein. All das und noch viel mehr hängt von der Kultur einer Person ab.

Die eigene Muttersprache ist nicht genug

Und es ist für einen Außenstehenden schier unmöglich, sich eine Kultur zu erschließen, ohne die Sprache zu lernen. Nichts reicht an die direkte Unterhaltung mit Menschen in einer gemeinsamen Sprache heran. Nichts ist vergleichbar damit, die Dinge zu lesen, die sie nicht für die Außenwelt, sondern für ihren eigenen Austausch untereinander schreiben. Kein übersetztes Buch, kein Zeitungsartikel von einem Auslandskorrespondenten kann diese Erfahrung aus erster Hand ersetzen. Sie kommen ihr nicht einmal nahe. Die Sprache des anderen zu sprechen ist unersetzlich.

Nur die eigene Muttersprache zu sprechen ist also einfach nicht genug. Man kann sich leicht der bequemen Illusion hingeben, dass alle anderen Menschen entweder wie wir selbst sind oder doch zumindest wie wir selbst sein wollen. Sie sind es aber nicht, und sie wollen es auch nicht. Sie sind genauso menschlich und genauso ernst zu nehmen wie wir. Deshalb ist das Erlernen einer anderen Sprache wie der Besuch bei einer anderen Familie, wenn man ein Kind ist: Man entdeckt, dass die eigenen familiären Begebenheiten nicht der Goldstandard sind, nicht das letzte Wort in Sachen Perfektion. Sie stellen einfach nur die eigene ‚Familie im weiteren Sinne’ dar, das heißt die eigene Kultur – mitsamt ihrer Probleme und Mängel und Schwächen und Nachteile und Unzulänglichkeiten. Mitsamt ihrer tropfenden Wasserhähne – der tropfenden Wasserhähne der eigenen Kultur.

Mehr Mut zum Unterschied

Eine zweite Sprache zu lernen ist vergleichbar mit dem Erwachsenwerden. Man wächst gleichsam ein bisschen heran, erreicht die nächste Entwicklungsstufe, wird zu einer reiferen Person.

Daher ist dieser Verwandlungseffekt der Mehrsprachigkeit aus meiner Sicht sogar noch nutzbringender als die zuvor erwähnten Effekte, also Geld, ein flexibles Gehirn und Vernunft: Er kommt nicht nur dem einzelnen Mehrsprachigen zugute, sondern auch der Welt um ihn herum.

Denn was passiert, wenn die Mehrsprachigkeit uns verwandelt, unsere Welt größer und vielfältiger macht? Wir haben mehr Mut zum Unterschied. Wir reagieren weniger ängstlich auf Menschen mit anderen Traditionen und Überzeugungen, ob sie nun weit weg oder Tür an Tür mit uns leben.

Keine Kultur ist perfekt

Das macht Mehrsprachigkeit zu einem ziemlich guten Impfstoff gegen eine der Hauptkrankheiten des heutigen Europas, den fremdenfeindlichen Nationalismus. Es dürfte kaum ein Zufall sein, dass der erste Mitgliedsstaat der Europäischen Union, der ihr den Rücken kehrt, sich durch besondere Unwilligkeit auszeichnet, wenn es um das Erlernen von Fremdsprachen geht.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich glaube, dass die europäische Kultur, und da schließe ich selbstverständlich Großbritannien mit ein, in vielerlei Hinsicht eine gute Kultur ist, aber sie ist nicht die einzige gute und weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Um diese große und vielfältige Welt da draußen zu verstehen, zu akzeptieren und wertzuschätzen, müssen wir jedoch eine zweite Sprache beherrschen. Und zum Glück ist es niemals zu spät, Spanisch oder sogar Persisch zu lernen – ich versuche es gerade mit Vietnamesisch – und es ist auch ganz sicher nicht zu spät, Ihre Kinder oder Enkelkinder anzuspornen, Polnisch oder Chinesisch zu lernen. Zur Ermunterung möchte ich in diesem Zusammenhang den deutschen Dichter und Übersetzer Michael Hofmann zitieren, der einmal auf Englisch schrieb: „To speak another language is a blow against stupidity“.

 


→ mehr über den Autor

Dorren_Gaston_c_Bram+PetraeusGaston Dorren ist ein holländischer Linguist und Journalist. Er beherrscht zahlreiche europäische Sprachen, hat neben dem Verfassen von mehreren Büchern über Sprachen eine Reiseapp entwickelt und singt leidenschaftlich gerne – natürlich ebenfalls multilingual.

Foto: Hedy Vermeer
9783550081675

 

Das Buch

Weshalb hat das Geschlecht im Niederländischen keinerlei Bedeutung und was hat der Marihuanakonsum mit der Sprachenvielfalt der Holländer zu tun? Wieso hängen die Franzosen immer noch am Rockzipfel ihrer Mutter (den alten Römern) und warum klingt Spanisch eigentlich wie Maschinengewehrfeuer? Diesen und vielen weiteren irrwitzigen Kuriositäten zu Europas Sprachen geht Gaston Dorren, selbst Sprachgenie und Vollblutlinguist, in seinem Buch auf den Grund und zeichnet so ein neues, spannendes Bild des Kontinents.

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Sprachen auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Die offizielle Website von Gaston Dorren

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