Kleine Buchhandlungen ganz groß: David Mesche über die Woche unabhängiger Buchhandlungen

2016 fand die Woche der unabhängigen Buchhandlungen bereits zum dritten Mal statt. Neben dem Verkauf von Büchern stehen hier vor allem kulturelle Events im Mittelpunkt. Dabei soll herausgestellt werden, was den unabhängigen Buchhandel eigentlich ausmacht und ihn oft von den großen Händlern unterscheidet. David Mesche von den BUCHBOX!-Buchhandlungen in Berlin über eine Aktion, die trotz des letztjährigen Teilnehmerrekords noch nicht am Ende angekommen ist.

von David Mesche

Immer wieder erreichen uns in Deutschland Trends, die ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien haben. Doch nicht alle Entwicklungen schaffen es selbstständig über den großen Teich. Während es in beiden Ländern schon seit langem etabliert ist, den unabhängigen Buchhandel als solchen überregional oder sogar landesweit zu feiern, fehlte es in Deutschland vor ein paar Jahren noch komplett an solchen Bestrebungen. Shoppen im Netz geht schnell und ist simpel und was den Unabhängigen Buchhandel ausmacht, wurde von der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht wahrgenommen. Dabei prägen Projekte zur Leseförderung, Lesungen, Konzerte und vor allem Buchhändler*innen, denen persönliche Beratung und Kundennähe tatsächlich am Herzen liegt, das kulturelle und gesellschaftliche Leben vielerorts. In jeder Stadt gibt es die Erfolgsgeschichten von Buchhändler*innen, die für ihre Kunden schon seit Jahren vertraute Instanzen sind. Aber von dieser Wertschätzung weiß außerhalb des Stadtteils meist niemand etwas.

Als Inhaber von vier kleinen Buchläden in Berlin-Friedrichshain und Prenzlauer Berg hatte ich keine Lust mehr, tatenlos zuzusehen wie sich der Buchhandel in Deutschland veränderte. Bis 2015 hatten wir als Unabhängige mit massiven Schwierigkeiten zu kämpfen. Läden mussten schließen, Kunden wanderten zu Amazon oder in große Ketten ab. Immer wieder die Frage, ob das E-Book das haptische Buch irgendwann doch noch verdrängen würde. Das drückte die Stimmung, auch bei denjenigen, die die Leidenschaft für Bücher teilen.

Veranstaltungen der unabhängigen Buchhandlungen prägen vielerorts das kulturelle und gesellschaftliche Leben in den Stadtteilen

Ich durchforstete das Internet und stieß auf unzählige Konzepte und Ansätze aus Nachbarländern. Als Vorbild für die „Woche unabhängiger Buchhandlungen“ kristallisierte sich schnell die „Independent Bookseller Week“ aus Großbritannien heraus. Eine Institution, an der sich fast alle “Indies” beteiligen und davon profitieren. Sie musste natürlich weiterentwickelt und auf den deutschen Handel angepasst werden, aber als Schablone war sie perfekt. Jetzt ging es darum Verbündete zu gewinnen. Als erstes klopfte ich bei unserem Interessenverband, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels an. Doch der winkte ab. Zu gefährlich sei es für sie, sich einseitig für die „Indies“ einzusetzen. Zum Glück war es nicht zu gefährlich für viele kleine Buchhandlungen.

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2014 konnte die „Woche unabhängiger Buchhandlungen“ (kurz WuB) erstmals an den Start gehen. Für die Teilnehmenden war sie ein voller Erfolg, die Resonanz von außen zugegebenermaßen aber noch etwas mau. Noch zu wenige Unabhängige hatten von der Aktion erfahren und sich eingebracht. Trotzdem war die Arbeit am Projekt schon damals alleine kaum zu bewältigen. Befreundete Buchhändler*innen überredeten mich dazu, im Team weiter zu machen. Unterstützt vom Pressebüro Politycki und Partner aus Hamburg und von Verlagen wie Ullstein, denen der unabhängige Buchhandel wichtig ist. Da jede(r) im Vorbereitungsteam bestimmte Aufgaben übernahm, war es für den Einzelnen gut zu schultern. In dieser Konstellation konnten wir anfangen, das Projekt größer zu denken.

Und das ist uns gelungen: in diesem Jahr fand Die Woche unabhängiger Buchhandlungen bereits zum dritten Mal statt. Mit über 350 Geschäften hatten sich so viele Teilnehmer angemeldet wie nie zuvor. Wir haben davon profitiert, dass einzelne Verlage wie Ullstein, Hanser oder Rowohlt die Kosten für die Buchhändler*innen übernommen haben. Es hat sich unter Kollegen herumgesprochen, dass die Teilnahme auch für die ganz kleinen Läden zu stemmen ist: wer mitmacht, sollte während der WuB mindestens ein Event in seiner Buchhandlung veranstalten. Schließlich dreht es sich darum, den Kunden in der Woche nicht nur Bücher zu verkaufen, sondern sie zusätzlich durch Musik-, Film- oder Vorleseabende zu begeistern. Diese Veranstaltung muss aber keine Lesung sein, viele laden ihre Kunden einfach zum abendlichen Stöbern mit Sektempfang oder empfehlen ihre Lieblingsbücher und lesen daraus. Das kostet den Buchhändler fast nichts. Entscheidend ist nur, dass die Aktionen so transportiert werden, dass die „Woche unabhängiger Buchhandlungen“ wahrgenommen wird.

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Auch was unsere Veranstaltungen angeht, haben wir 2016 unseren bisherigen Rekord geknackt. Vom 12. – 20. November über 400 Events in ganz Deutschland. Eine Hausnummer auf die wir erst einmal mächtig stolz sind. Und auch die Individualität und Vielfältigkeit der Veranstaltungen hat zugenommen. Das Spektrum reicht von Puppentheater und Kinderlesung bis zu Weinproben. Bei uns in der BUCHBOX! haben wir unter anderem Lesungen mit dem Musiker und Schriftsteller Robert Gwisdek und der Schriftstellerin/Übersetzerin Isabel Bogdan veranstaltet, unsere Buchhändler*innen haben im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Brot & Bücher“ einen Abend lang ihre Lieblingsbücher mit Kund*innen besprochen und zum Welt-Vorlesetag haben wir den Spieß umgedreht und die Kinder auf die Bühne geholt, um bei einem Schreibwettbewerb ihre eigenen Texte vor einer Jury vorzutragen.

Es hat sich herumgesprochen, dass die Teilnahme auch für die ganz kleinen Läden zu stemmen ist

Das besondere Highlight war in diesem Jahr die Wahl des „Lieblingsbuches der Unabhängigen”. Alle teilnehmenden Buchhändler*innen waren gefragt, ihr Lieblingsbuch des Jahres einzureichen. Unsere Shortlist kam Anfang Oktober heraus und sie war ein kompletter Gegenentwurf zur kommerziellen Spiegel-Bestsellerliste: Bücher aus kleineren Verlagen, Nischenprodukte aber auch die großen Namen. Eine wilde Mischung! Als Startschuss der WuB konnten wir im November unseren Gewinner bekannt gegeben: Benedict Wells mit seinem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“. Ein Buch, das viel über die Liebe zur Literatur spricht. Wahrscheinlich kein Zufall.

Wir überlegen zur Zeit, 2017 zusätzlich einen Publikumspreis zu vergeben, in Kooperation mit dem Sender Arte, der uns schon in diesem Jahr unterstützt hat. Wichtig ist, dass wir uns nicht wiederholen, schließlich wollen wir den Buchhandel von seiner individuellen und flexiblen Seite zeigen. Sicher ist, dass die WuB im kommenden Jahr noch größer werden soll. Das sind keine Allmachtsfantasien. Bei über 3000 inhabergeführten Buchläden ist noch viel Luft nach oben. Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei, das wissen wir alle. Jetzt geht es darum, sich zusammen zu tun, (Buch-)Rücken an (Buch-)Rücken sozusagen.

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Es braucht die kleinen Buchhandlungen, die einem Buch Nachdruck verleihen, die Orientierung bieten.“ Das hat Roger Willemsen 2015 bei der Auftaktveranstaltung der „Woche Unabhängiger Buchhandlungen“ im Admiralspalast gesagt. Ich möchte das gerne so stehen lassen. Besser lässt sich unsere Aufgabe einfach nicht zusammenfassen.

Die nächste WuB findet übrigens vom 4. bis 12. November 2017 statt. Wer Lust hat, 2017 mit uns zu feiern, kann sich jetzt schon unter http://wub-event.de/ für den Newsletter eintragen oder auf www.facebook.com/indiebooks sein Engagement verkünden.


→ mehr über den Autor 

kleiner-david1David Mesche wurde in Berlin geboren. Nach Stationen bei großen Buchhandelsketten gründete er ein eigenes Geschäft, die BUCHBOX! Er führte sie zunächst alleine, später gemeinsam mit Jan Köster. Der Buchladen in Berlin Friedrchshain wird inzwischen ergänzt durch 3 Filialen in Prenzlauer Berg und einen englischen Buchladen, die „Love Story of Berlin“. Da er drei eigene Kinder hat, denen er leidenschaftlich gerne vorliest,  fokussierte er sich in seinen Geschäften früh darauf, junge Menschen für Bücher zu begeistern. Neben großen Kinderspielecken kooperiert das Team seiner Buchläden mit fast alle Grundschulen ihren Stadtteilen, liest dort vor und läd Schulklassen zu sich ein. Sein Lieblinsbuch ist das „Gedicht an die Dauer“ von Peter Handke, momentan liest er parallel „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian und „Das Vermächtnis der Seidenraupen“ von Rafael Cardoso.

Weitere Informationen und Links

Die nächste WuB findet vom 4. bis 12. November 2017 statt. Wer Lust hat, 2017 mitzufeiern, kann sich jetzt schon unter http://wub-event.de/ für den Newsletter eintragen oder auf www.facebook.com/indiebooks sein Engagement verkünden.

 

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