Barbara Kenneweg: „Kultur kann man nicht wechseln wie ein Hemd.“

Welche Geschichte erzählen wir uns von unserem Leben, wie geben wir ihm einen Sinn? Wie viel Unsicherheit halten wir aus? Die Protagonistin in Barbara Kennewegs Debütroman lässt ihr altes Leben hinter sich, um sich, allein in ihrem „Haus für eine Person“, auf sich zu besinnen. Was das mit ihr macht und welche Fragen das aufwirft, darüber spricht die Autorin mit Juliane Junghans. 

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Ihre Protagonistin Rosa Lux sagt, sie ist aus der Spur geraten. Kurz nacheinander sind ihre Eltern gestorben, dann die Trennung von ihrem Freund. Sie zieht sich zurück aus der Welt, die sie kennt und zieht in ein winziges Haus am Rande der Stadt. Eine Aussteigerin, wie man sie sich vorstellt, ist sie aber nicht.

Zu Ihrem eigenen Leidwesen. Der klassische Aussteiger hat eine Idee, wie das Leben sein könnte oder sollte, wie alles besser wäre. Diese Idee fehlt Rosa. Sie geht nicht weit fort, sie verwirklicht keinen Traum, sie beginnt nichts Neues, sie hört nur auf. Insofern könnte man ihren Rückzug als Verzweiflungstat bezeichnen. Andererseits könnte man behaupten, dass sie weiter ist als der typische Aussteiger, da sie die Lösung ihrer Schwierigkeiten nicht in einer Veränderung äußerer Umstände, sondern in der Reduktion sucht, die sie auf sich selbst zurückwirft.

Sich auf sich selbst zu besinnen, kann ja waghalsiger sein, als nach Neuseeland auszuwandern. Das Ende lässt in der Schwebe, ob die Heldin ihr Abenteuer – oder die Anti-Heldin ihr Anti-Abenteuer – überlebt oder möglicherweise nicht. Für sie geht es definitiv ums Ganze.

Was zu Beginn Ihres Buches „Haus für eine Person“ vor allem auffällt, sind die genauen Beobachtungen. Wir sehen die Welt durch Rosas Augen und erspüren sie mit ihr. Kleine Dinge werden plötzlich ganz groß, Träume werden übermächtig. Warum ist der Roman so stark von Sinneswahrnehmungen und Beobachtungen geprägt?

Das Ziel meines Romans ist es, Leben so zu beschreiben, wie es erlebt und gefühlt wird, als mal leuchtendes, mal trübes Gewebe aus Gleichzeitigkeiten. Der Text schaut quasi in Echtzeit auf die Verwebung von Wahrnehmung und Denken, Ereignis und Tat. Wenn unsere Entscheidungen weitgehend vom Gefühl gesteuert sind, ergibt sich eine enorme Diskrepanz. Denn was ist quecksilbriger als das Gefühl? Schon im Laufe eines Tages unterliegt es Schwankungen, die ganz unterschiedliche und nicht selten widersprüchliche Gedanken hervorbringen, aus denen dann in einem gegebenen Moment Entscheidungen resultieren. So werden aus Launen Lebenswege.

Der Text lässt Überzeugungen entstehen und vergehen, lässt Handlungen zum Gegenteil dessen führen, was sie ursprünglich bezweckten, lässt Gefühle platzen wie Seifenblasen, um immer neue – und wer weiß, vielleicht sinnträchtigere – Gefühle entstehen zu lassen.

Rosa scheint daran zu scheitern, einen roten Faden in ihrem Leben zu finden. Im Gegensatz zu ihr stehen ihre alten Nachbarn, deren Leben im Rückblick eine schlüssige Geschichte ergibt, auch wenn es von Verlust und Krieg gezeichnet ist. Spiegeln sich da Phänomene unserer Zeit wie Entfremdung, Wurzellosigkeit, Bindungsarmut?

Das ist eine interessante Frage. Schon jetzt wurde mir mehrfach entgegengebracht, ich hätte einen tollen Roman über die Generation Y geschrieben. Da habe ich erstmal gegoogelt, was die Generation Y genau ist. Ich befasse mich eigentlich nicht mit Trends und Zeitgeist-Themen. Die Generation Y wird ziemlich unterschiedlich definiert, von den späten Siebziger Jahrgängen bis hin zu den späten Neunzigern.

In Vielem, was über diese Generation gesagt wird, von Desillusionierung bis zum Mangel an Ambition, gibt es in der Tat Parallelen zu Rosa. Ich habe den Roman nicht als Generationenroman konzipiert, insofern ist es mir auch egal, ob Rosa zehn Jahre älter oder jünger ist. Mir ging es um den möglichst tiefen Einblick in ein Individuum, um seinen Umgang und Kampf mit den Gegebenheiten und mit der Gegenwart. Mich hat es fast ein bisschen erstaunt, wie viel Identifikationspotential die Protagonistin zu bieten scheint. Offenbar ist sie nicht irgendein Sonderling, sondern trifft einen Nerv. Vielleicht stellt Rosa so etwas wie eine verdrängte, aber drängende Schattenseite dar.

Rosas Haltlosigkeit wirft auch die Frage auf, welches Gefüge einen Menschen stabilisiert. Zum einen natürlich menschliche Bindungen, aber auch Werte, bis hin zur Religion. Die Frage danach klingt im Buch auch an – Rosa wandert an einem Punkt durch eine Ausstellung buddhistischer Kunst und wird gepackt von dem, was sie dort sieht. Warum fühlt sie sich gerade vom Buddhismus angesprochen?

Religion ist ja oft die Lösung für Menschen, die auf der Suche sind. In gewissen Ausformungen kann sie zur simplen Lösung für desorientierte Menschen werden, die sich – aus Schwäche oder aus Mangel an Fantasie –nach eindeutigen Antworten sehnen. Scheinbar gibt es ja gerade bei jungen Leuten verstärkt das Bedürfnis nach klaren Ansagen, was richtig und was falsch ist.

Rosa sucht keine Autorität, die ihr vorschreibt, was der rechte Pfad ist. Sie ist getrieben von einer Sehnsucht nach Erkenntnis und Erlösung, wobei die Gewichtung je nach innerer Verfassung variiert. Insofern ist ihr der Buddhismus mit seinem Versprechen der Erleuchtung auf den ersten Blick näher. In seinen konkreten Erscheinungsformen bleibt er Rosa jedoch, wie die Szene im Museum zeigt, eher fremd. Sie ist eben Teil der westlichen Kultur. Kultur kann man nicht wechseln wie ein Hemd, auch wenn die Möglichkeiten des Austauschens und Lernens noch nie so groß waren wie heute.

Letztlich bleibt die Frage, ob man als ständig Suchender, Irrender, immer neu Betrachtender sein Glück finden kann. Wie viel Stabilität und Gewissheit braucht man? Wie viel freien Fall oder Flug hält man aus? Welche Rolle spielt der viel bemühte Begriff „Freiheit“ für unsere Zukunft, und was soll das überhaupt sein? Diese Fragen beschäftigen mich in Anbetracht der globalen politischen Entwicklungen sehr und werden einen zentralen Platz in meinem nächsten Roman einnehmen.

Das Interview führte Juliane Junghans 


→ mehr über die Autorin

Kenneweg_Barbara_c_Gerald+von+Foris_5979Barbara Kenneweg, Jahrgang 1971, arbeitet seit 2002 als Autorin für Bühne und Hörfunk (u. a. Deutschlandfunk, RBB, WDR). Für ihre Kurzgeschichten wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. „Haus für eine Person“ ist ihr erster Roman. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Foto: Gerald von Foris

 

Das Buch

VS_9783550081774-Kenneweg-Haus-fuer-eine-Person_U1.inddRosa will ein neues, ein anderes Leben. Sie ist Anfang dreißig und hat doch schon viel verloren: beide Eltern, die Liebe – und sich selbst. Radikal kehrt sie dem schnellen Großstadtleben den Rücken und zieht in ein vergessenes Viertel, in dem die Vögel singen und lauter alte Menschen wohnen. Hier sucht sie das »echte« Leben und findet es in der Beobachtung kleinster Dinge und in den erstaunlichen Geschichten ihrer hochbetagten Nachbarin Frau Paul.

 

Links

Haus für eine Person auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Die offizielle Website von Barbara Kenneweg