Zuhören um zu Erinnern: Pia Ziefle über Srebrenica, Herkunft und Identitätsbrüche

Am 12. Juli 1995 begann im bosnischen Srebrenica ein Völkermord, der über 8.000 Menschen das Leben kostete. Die Autorin Pia Ziefle verbindet damit eine ganz eigene, persönliche Geschichte. Ein Text über Herkunft, Identitätsbrüche und die Wichtigkeit des Erinnerns.

von Pia Ziefle

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Es war ein heißer Monat gewesen, so sagt es mir meine Erinnerung für den Juli 1994, und die Wetterdaten, die sich heute leicht für jeden Tag und beinahe jeden Ort dieser Erde ergoogeln lassen, sagen dies auch. Ich war zwanzig Jahre alt, und mitten im Umzug in meine erste eigene Wohnung. Wir schleppten die Möbel in einer Bruthitze von einer größeren Stadt in eine kleinere, natürlich schleppten wir sie in der größeren Stadt in einen Transporter und fuhren damit in die kleinere, aber es fühlte sich an, als wären wir den ganzen Weg zu Fuß gegangen.

Während ich dies aufschreibe, sind draußen fünfunddreißig Grad, und ich sehe uns vor mir, lange nicht mehr gesehene Freunde. Höre unsere kleinen Gespräche über meine neue Arbeit, endlich der praktische Teil meiner Ausbildung. Dass du das durchziehst, sagt einer, bei dem ich die Jahre zuvor mein Taschengeld verdient habe, mit genau derselben Arbeit, für die ich ab morgen – oder ab übermorgen – kein Taschengeld mehr bekomme, sondern richtiges, und am Ende der Zeit einen Zettel, der mir bestätigt, dass ich bin, was ich bin.

In Deutschland ist das so, sagt er, für alles ein Zertifikat, und wir lachen uns kaputt darüber, dass wir Drucker sind und uns jedes Zertifikat selber ausstellen könnten, sollen wir?, dann sind wir Ingenieure oder Baumarktleiter oder Zahnärzte oder Gott.

Ich habe keine Sorgen. Zwei Jahre liegen vor mir, klar und deutlich. Ich habe ein Klingelschild, auf dem mein Name steht. Zum ersten Mal wohne ich in einer Wohnung, die keine WG ist und daher nicht einfach mit dem Straßennamen bezeichnet wird, wie meine WGs davor. Wer ab jetzt zu mir möchte, muss außer der Adresse auch wissen, wie ich heiße. Ich habe einen Job und ein Konto, das auf meinen Namen lautet, und mit der Karte, die ebenfalls meinen Namen trägt, kann ich Geld abheben, um mir Brot zu kaufen und Gemüse, und ganz selten Fleisch beim Metzger, aber das ist weit zu laufen bis dorthin.

Nur: mit meinem Namen ist nichts in Ordnung. Ich weiß das 1994 seit zehn Jahren. Ich trage die Beweise mit mir, in einer weinroten Mappe: eine deutsche Adoptionsurkunde und einen Geburtsschein, zwei Jahre nach meiner Geburt ausgestellt. Mit einem anderen Namen als dem, der 1994 auf meiner Klingel steht (heute ist es wieder ein anderer, weil ich inzwischen geheiratet habe, es scheint ein Thema zu sein, das mich verfolgt). Unvergessen die Gänge zum Amt für meinen ersten Ausweis mit sechzehn, mit dieser Mappe unter dem Arm, um lückenlos nachzuweisen, dass ich diejenige bin, die ich bin.

Aber ich habe keine Sorgen. Auch nicht, wenn ich im Summen und Wummern meiner Maschinen manchmal darüber nachdenke, dass es da eine Mutter geben muss und einen Vater, eine Schwester und vielleicht einen Bruder, vielleicht in Deutschland, vielleicht ganz woanders.

Ein Jahr später werden innerhalb weniger Tage über achttausend Menschen ermordet in einem Land, das auf einem dieser Papiere in meiner weinroten Mappe als das Heimatland meiner Mutter aufgeführt wird, einer Mutter, die ich noch nie gesehen habe, und deren Name mir nur durch einen Zufall bekannt ist. In einem Land, das in irgendeinem Archiv – vielleicht – meine richtige Geburtsurkunde aufbewahrt hat, weil ich zwanzig Jahre zuvor als jugoslawisches Kind auf die Welt gekommen bin.

1995 haben sich meine Fragen nach meiner familiären Herkunft unauflöslich mit der Frage nach der Kriegsbeteiligung dieser Familie verschmolzen, Srebrenica hat sich über die Berichte meiner deutschen Eltern aus ihrer Kriegskindheit gelegt und beides miteinander verbunden. Ich erinnere mich an mein Entsetzen, als ich erkannte, dass das Morden des Zweiten Weltkrieges in Europa nicht länger in vergangenen Erzählungen steckte, sondern real geworden war, und nur wenige Hundert Kilometer von mir entfernt einfach so vonstatten gehen konnte. Es war ein körperliches Entsetzen, über viele Tage, und es rückt mir noch immer ganz nahe, wenn ich darüber lese. Nie wieder hat mich die Frage losgelassen, wie viel – oder wie wenig – nötig ist, um Menschen dazu zu bringen, andere Menschen zu töten, die am Tag zuvor noch Nachbarn gewesen sind.

In meinem ersten Buch Suna habe ich aus der Geschichte meiner Herkunft einen Roman gemacht, und Srebrenica zum Auslöser meiner Suche nach meiner Familie gemacht, so wie es tatsächlich gewesen ist. Ich habe ihn angesiedelt in der Generation meiner deutschen, türkischen und jugoslawischen Großeltern, und in den Jahren, in denen meine Geschichte tatsächlich begonnen hat: 1968 mit der Reise meiner jugoslawischen Mutter nach Deutschland.

Er vollzieht die Lebensstationen meiner ersten Eltern nach, ihre erste Begegnung habe ich in den Zug verlegt, der beide zu ihrer neuen Arbeitsstätte bringen soll, sie verlieben sich, bekommen ein Kind, müssen sich trennen und bekommen dennoch ein zweites: mich.

Kommst du aus dem Ausland?, so lasse ich im Buch Kinder fragen, eine Frage, die ich tatsächlich oft gehört habe, weil ich so überhaupt nicht deutsch wirken würde, und ich weiß, dass ich mich als Kind bedroht gefühlt habe davon – ich! Das Akademikerkind aus der Neubausiedlung, ohne Dialekt, mit bester Bildung und keinem Wissen über meine nicht-deutsche Herkunft – und mich verzweifelt gefragt habe, wie man wirken muss, um deutsch zu sein?

Heute, wenn da draußen Flüchtlingsheime brennen, wenn eine Partei, die in mehreren Landesparlamenten sitzt und mit ganz anderen Themen gegründet worden ist, eine Anführerin wählt, die diese Partei stramm rechts verortet, unverhohlen, wenn Menschen auf die Straße gehen, zu Tausenden, gegen eine Religion und damit gegen ihre Mitmenschen, die ihr angehören, dann ist diese Frage wieder da, nur dieses Mal von Erwachsenen gestellt, auf eine noch viel bedrohlichere Weise: Wie deutsch muss man sein, damit man hier bleiben darf, damit man akzeptiert wird, damit man dazugehören kann?

Jede*r Fünfte von uns hat Wurzeln außerhalb von Deutschland, jede*r Fünfte, und da ist die Wanderbewegung durch den Krieg, vor 1945 also, nicht einmal mitgezählt. Jetzt, wo Millionen von Menschen vor Kriegen fliehen, vor Hunger und Armut, jetzt, wo sie Fahrten auf sich nehmen, die Tausende von ihnen nicht überleben, haben Menschen in einem reichen und gut versorgten Land nichts anderes zu tun, als Häuser anzuzünden, die für diejenigen vorgesehen sind, die alles zurücklassen mussten? Die nicht entscheiden konnten, dass sie gehen möchten?

Sehr gern hätte ich eine Lösung, einen Satz. Eine gute Formulierung. Ich habe beides nicht. Aber ich habe die leise Ahnung, dass wir die Geschichte derjenigen, die da auf den Straßen in Ostdeutschland unterwegs sind, die sich wehren gegen etwas, das sie als bedrohlich empfinden, nicht genügend erzählt haben.

Ich bin sicher, auch ihre Geschichte hat mit Identitätsverlust zu tun, mit dem Bruch ’89, der in vielen Leben keine Erlösung und keine politische Befreiung gewesen ist, sondern Verunsicherung und Chaos gebracht hat, schlicht deswegen, weil viele der Menschen, die heute auf der Straße demonstrieren, damals Kinder gewesen sind. Deren Erfahrung neben den Geschichten der Politiker und Intellektuellen, der Gebildeten und Belesenen noch keine Erzählung bekommen hat, was es schwer macht, ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln zu dem neuen Land, das über Nacht entstanden ist, ohne Krieg und ohne Wunden, über die man sich miteinander verständigen könnte. Ein neues Land, in dem das alte schlicht nicht mehr vorkommt, was einem vielleicht erst bewusst wird, wenn man zwischen dreißig und vierzig die ersten Kinder bekommt, und die Kindheitserfahrungen aus dem eigenen Leben nicht mehr weitergegeben werden können an die eigenen Kinder, es nur noch sehr begrenzt ein Wiedererkennen gibt, und Jugenderinnerungen meiner Generation in Zeitschriften ausschließlich Westjugenderinnerungen sind.

Vielleicht ist das so: vielleicht brauchen wir den zeitlichen Abstand zu Ereignissen, um spüren zu können, was sie bedeuten, vielleicht brauchen wir ein bestimmtes Lebensalter, um spüren zu können, was sie für uns persönlich bedeutet haben.

Wo kann ich hin, wenn ich nicht weiß, wo ich herkomme?, fragt sich meine Protagonistin in Suna,  und sie meint damit auch „wer kann ich sein, solange ich das nicht weiß?“.

Sicher ist: wir brauchen das Erinnern. Wir sollten sie uns daher anhören, die Geschichten, die jeder und jede von uns zu erzählen hat, wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind vielleicht eine kleine Gruppe derjenigen, deren Aufgabe das sein könnte.

 

Nachtrag:

In Serbien sind nach Srebrenica zwanzig Jahre verstrichen, in denen das Massaker verschwiegen, geleugnet oder heruntergespielt worden ist. Zwanzig Jahre, in denen einen neue Generation herangewachsen ist, die auf ihre Familiengeschichte zurückblickt und Väter verloren hat, Brüder, Cousins oder Onkel. Sie haben angefangen, Fragen zu stellen.

Acht Täter sind inzwischen verhaftet und etwa hundertfünfzig Tatbeteiligte wurden in den USA identifiziert. In diesem Jahr. In 2015. Zwanzig Jahre danach.


 

Weblinks
Die offizielle Website von Pia Ziefle
Pia Ziefle bei Twitter
Pia Ziefle auf Facebook
Suna auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Pia Ziefle

Pia Ziefle

Pia Ziefle, geboren 1974, ist freie Autorin und Bloggerin. Beiträge von ihr erschienen u.a. im Tagesspiegel, der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Tübingen. Ihr Roman  Länger als sonst ist nicht für immer erscheint im März 2016 im List Verlag.

Foto: © Gerald von Foris

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3 Kommentare

  1. Hallo Frau Ziefle,
    ich finde, Sie haben schon eine ganz gute Formulierung gefunden: „dass wir die Geschichte derjenigen, … , die sich wehren gegen etwas, das sie als bedrohlich empfinden, nicht genügend erzählt haben“.
    Allerdings ist das kein rein ostdeutsches Problem, das haben wir in den alten Bundesländern auch. In meiner Verwandschaft kursieren Sprüche, die mir die Finger- und Zehennägel aufrollen, von Menschen, die selbst Flüchtlinge waren – sind? – und nach 1945 aus Tschechien oder Schlesien vertrieben wurden.
    Und von wegen ohne Wunden: Dass die eigene Biografie plötzlich ungültig wird, dass man sich dem Generalverdacht ausgesetzt sieht, einem Unrechtsstaat angehört zu haben und sich dort vielleicht sogar wohlgefühlt zu haben, das nagt an den Menschen. Die Wunden sind nicht sichtbar, aber gerade deshalb um so wirksamer.

    Viele Grüße
    Ch. Holzapfel

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