Wann wird Raif wiederkommen?

Seit drei Jahren sitzt der saudi-arabische Blogger Raif Badawi wegen „Beleidigung des Islam“ schon im Gefängnis. Die zentralen Beiträge Badawis sind nun in der Streitschrift „1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“, erschienen, herausgegeben von Autor und Journalist Constantin Schreiber. Hier schreibt Badawis Frau Ensaf Haidar, wie sie die letzten Monate erlebt hat.

von Ensaf Haidar und Constantin Schreiber

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(Foto: Amnesty Finland/CC BY 2.0)

Noch immer gehe ich hinter dieser Fata Morgana her. Über zwei Jahre warte ich nun schon, hinter meiner inneren Wohnungstür, die sich zu einer wunden Leere hin öffnet, hinter der sich wiederum tausend brennende Fragen verbergen.

Wann und wie wird er zurückkommen? In welchem Zustand wird er sein? Wie wird seine Reaktion sein? Werde ich ihn umarmen? Küssen? Werde ich weinen? Ich wache auf vom Schmerz der Erinnerungen.

Um diese Abendzeit würde ich mich normalerweise mit Raif fürs Ausgehen bereitmachen. Wir würden gemeinsam planen: Was werden wir trinken? Was soll ich anziehen?

Ensaf Haidar und Raif Badawi heirateten im Jahr 2002, gegen den großen Widerstand ihrer Familie. Es war eine Liebeshochzeit – bis heute in Saudi-Arabien eine Ausnahme. Ehen werden noch immer in der Mehrzahl durch die Eltern arrangiert.

Auf die bohrenden Fragen meiner drei Engel hin, was es mit dem Geheimnis der langen, ungewöhnlichen Abwesenheit ihres Vaters auf sich hat, gab ich schließlich nach. Unbedacht sagte ich ihnen, wegen eines Problems zwischen Raif und der saudi-arabischen Regierung hätte diese ein Reiseverbot über ihn verhängt. Natürlich provozierte diese Antwort dann noch viel mehr Fragen, was mich sogleich bereuen ließ, überhaupt etwas gesagt zu haben.

Ensaf und Raif haben drei Kinder: Mirijam, Terad und Najwa. Nach der Verhaftung Badawis wuchs der Druck auf die Familie; schließlich zogen sie in Ausland. Die Kinder leben nun mit ihrer Mutter im Osten der kanadischen Provinz Québec und haben zwei Muttersprachen – Arabisch und Französisch.

Eines Morgens wurde ich durch den Anruf eines Freundes von Raif geweckt, der bei seinem Prozess am 8. Mai 2014 dabei gewesen war. Ohne jegliche Einleitung sagte er mit trauriger, brüchiger Stimme: „Raifs Urteil ist verschärft worden.“ Wie mechanisch legte ich einfach auf. Große Unruhe überkam mich, schließlich musste ich weinen. Doch dann riss ich mich zusammen. Ich rief mir ins Gedächtnis, dass Raif mir versprochen hatte, zurückzukehren. Wann, weiß ich nicht, aber er hat es mir versprochen.

Raif Badawi war wegen seiner Website „Freie saudische Liberale“ bereits mehrfach ins Visier des saudischen Sicherheitsdienstes geraten. Bereits seit 2012 befand er sich in Haft. 2014 wurde seine Strafe dann auf insgesamt 1000 Stockschläge, zehn Jahre Haft, weitere zehn Jahre Reiseverbot und eine Million Rial Geldstrafe erhöht.

Bei jedem Diskussionsforum, bei jedem Interview wiederhole ich meine Botschaften an die saudi-arabische Regierung von Neuem: dass sie doch sicher genau wissen, dass Raif kein Verbrecher ist, sondern ein Meinungshäftling. Und dass sie sich an alle internationalen Konventionen zur Freiheit der Meinungsäußerung zu halten haben. Ich weiß nicht, ob sie mich eines Tages erhören werden oder nicht.

Ensaf Haidar hat maßgeblichen Anteil daran, dass der Fall Badawis international so hohe Wellen schlägt. Privat hat ihr Engagement gravierende Auswirkungen. Ihre Familie in Saudi-Arabien hat sich von ihr losgesagt und den Kontakt abgebrochen.

Nach einer Umzugsreise, die eher einer Flucht glich, reiste ich mit den Kindern zuerst nach Kairo, dann nach Beirut, bis wir uns schließlich in Kanada niederließen, um ein normales Leben zu führen, während wir auf unseren Vermissten warten.

Seit der ersten Auspeitschung im Januar ist der weitere Vollzug ausgesetzt – offiziell wegen Badawis schlechtem Gesundheitszustand, allerdings dürfte auch der internationale Aufschrei einen Anteil daran haben. Aus inoffiziellen Kreisen ist zu hören, dass Badawis Fall neu aufgerollt werden soll – mit offenem Ausgang des Verfahrens.

Ich weiß gar nicht, wie ich jedem Einzelnen auf dieser Welt, der mich und Raif unterstützt hat, danken soll. Besonders Amnesty International, die, unter Einsatz sämtlicher Amnesty-Abteilungen in allen möglichen Teilen der Erde, keine Mühe gescheut haben und so die größte Menschenrechtskampagne in Gang gesetzt haben, die wir je gesehen haben. Danke Amnesty International und danke an Raif, der mich gelehrt hat, stark zu sein und zu kämpfen, um ihn zurückzuholen. Wenn auch nicht bald, aber eines Tages werde ich ihn wieder haben. Er hat es mir doch versprochen. Ja, er hat mir versprochen, dass er durch irgendeine Tür, egal durch welche, wieder zurückkommen wird. Hauptsache er ist irgendwann wieder hier, in meiner Nähe, und erfüllt die Welt mit seiner Liebe, seinem Mut und Gerechtigkeitssinn.

 

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl


Weblinks
→ Die Initiative gegen Folter von Amnesty International
→„1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“ auf den Seiten der UIlstein Buchverlage
→ Raif Badawi auf Twitter
→ Ensaf Haidar auf Twitter

 

Raif Muhammad Badawi

Raif Muhammad Badawi

Raif Muhammad Badawi, geboren 1979, ist ein saudischer Intellektueller und Internet-Aktivist. Er gründete 2008 das Online Forum „Die Saudischen Liberalen“, eine Website über Politik und Religion in Saudi-Arabien, die vom Staat abgeschaltet wurde. Seit 2012 in Haft, wurde er am 9. Januar 2015 auf dem Vorplatz der Al-Dschafali-Moschee in Dschidda mit 50 Peitschenhieben gezüchtigt. Mit „1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“ erscheinen seine zentralen Texte nun das erste Mal in Buchform. Die Veröffentlichung ist ein Non-profit-Projekt zugunsten des Autors.

Foto: © Ensaf Haidar

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2 Kommentare

  1. […] Saudi-Arabien: Wann wird Raif wiederkommen? Seit fast drei Jahren sitzt der saudi-arabische Blogger Raif Badawi wegen „Beleidigung des Islam“ im Gefängnis. Die zentralen Beiträge Badawis erscheinen nun in der Streitschrift „1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“, herausgegeben von Autor und Journalist Constantin Schreiber. Hier schreibt Badawis Frau Ensaf Haidar, wie sie die letzten Monate erlebt hat: Noch immer gehe ich hinter dieser Fata Morgana her. Über zwei Jahre warte ich nun schon, hinter meiner inneren Wohnungstür, die sich zu einer wunden Leere hin öffnet, hinter der sich wiederum tausend brennende Fragen verbergen. Wann und wie wird er zurückkommen? In welchem Zustand wird er sein? Wie wird seine Reaktion sein? Werde ich ihn umarmen? Küssen? Werde ich weinen? Ich wache auf vom Schmerz der Erinnerungen. … Bei jedem Diskussionsforum, bei jedem Interview wiederhole ich meine Botschaften an die saudi-arabische Regierung von Neuem: dass sie doch sicher genau wissen, dass Raif kein Verbrecher ist, sondern ein Meinungshäftling. Und dass sie sich an alle internationalen Konventionen zur Freiheit der Meinungsäußerung zu halten haben. Ich weiß nicht, ob sie mich eines Tages erhören werden oder nicht.“
 Quelle: resonanzboden […]

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