Selber machen? Über die Eigenständigkeit und das Gemeinwesen

Muss sich der moderne Mensch beruflich wirklich ständig neu erfinden? Nein, sagt der Philosoph Matthew B. Crawford. Erst die Spezialisierung macht uns zu sozialen Wesen und stabilisiert dadurch die Gesellschaft.

von Matthew B. Crawford

Stellen wir uns einen Mann vor, der seinen Job in der City aufgibt und beschließt, Bauer zu werden. Er lernt, seine eigene Nahrung anzubauen, was ihm eine gewisse Befriedigung verschafft. Aber ihn stört, dass er nicht weiß, wie man den Traktor repariert, den er nutzt. Also eignet er sich auch diese Fertigkeit an.

Es kommt allerdings der Tag, an dem er ein neues Teil für seinen alten Traktor auftreiben muss, und sein örtliches Landmaschinengeschäft ist nicht in der Lage, es für ihn zu besorgen, weil es nicht mit Traktoren handelt, die älter als 15 Jahre sind. Er findet das Teil im Internet ‒ es kann aus dem Ausland bestellt werden. Auch das ist ihm zuwider; er möchte nicht auf weit entfernte Menschen und ein weit verzweigtes Vertriebssystem angewiesen sein. Drum fasst er den Entschluss, das Ersatzteil selbst anzufertigen. Er kauft sich Schmiedewerkzeug, und nachdem er zwei Monate (während derer er seine Feldfrüchte ein wenig vernachlässigt) geübt hat, gelingt es ihm, aus handelsüblichem Stahl ein unansehnliches, aber brauchbares Ersatzteil für den Traktor zu hämmern.

Anschließend fängt er an, sich Gedanken über den Prozess der Stahlherstellung und die Gewinnung von Eisenerz zu machen. Der Möchtegernbauer ist überzeugt, dass er nun auch noch zum Bergarbeiter werden muss.

Tatsächlich muss der Mann sogar die gesamte Geschichte der Künste und Wissenschaften durchlaufen, um seinen Traum von der „Eigenständigkeit” zu verwirklichen. Nach drei Jahren ist er völlig verarmt. Seine Frau verlässt ihn und brennt mit einem Internet-Tycoon durch. Ernüchtert öffnet er die letzte Flasche Wein in seinem Keller und muss feststellen, dass ihr Inhalt sich in Essig verwandelt hat. Alles scheint vor die Hunde zu gehen.

Doch da kommt ihm eine Eingebung: Er wird Essig produzieren. Er gibt ein paar alten Kollegen aus der Marketingbranche Bescheid, die ihm klar machen, dass zu seinem Angebot neben dem einfachen Substantiv „Essig“ auch noch ein Adjektiv gehört. Er wird also „handgemachten“ Essig produzieren.

Er beauftragt einen Fotografen damit, schöne Bilder von ihm zu machen, wie er in einer rustikal wirkenden Scheune Essig herstellt. Diese Fotos stellt er zusammen mit der Geschichte, wie er seinen Job in der Stadt aufgab, um seiner Leidenschaft nachzugehen, auf seine neue Homepage. Das Produkt erfreut sich in Kalifornien und Berlin großer Beliebtheit. Der Mann hat seine Abweichung von der Norm erfolgreich vermarktet und andere für seinen Wunschtraum begeistert. Er wird Millionär, denn der Markt hat großes Potential. Er hat auch eine neue Frau – eine, die sehr viel progressiver eingestellt ist und seiner Leidenschaft mit Sympathie begegnet. Sie benutzt ausschließlich die besten und nachhaltigsten Hautpflegeprodukte.

Eine solche Entwicklungskurve ist mittlerweile derart absehbar und zuverlässig, dass sie bald als Geschäftsmodell in Handelsschulen gelehrt werden dürfte (wenn das nicht ohnehin schon der Fall ist). Die Selbstverständlichkeit, mit der eine konsumkritische Haltung zu einem gehobeneren und abgehobeneren Konsumverhalten führt, legt nahe, dass zwischen beidem eine tiefe Verbindung besteht. Vielleicht ist beides Ausdruck von Narzissmus.

Aber wir sollten den ursprünglichen Wunsch unseres Möchtegernbauern nicht vorschnell abtun. Stellen wir uns vor, dass alles schon viele Jahre vorher seinen Anfang nahm ‒ damals, als seine Waschmaschine einen Defekt hatte und er einen Handwerker rufen musste. Er bewunderte die Fähigkeit des Handwerkers und wurde sich seiner eigenen, in Unwissen begründeten Unzulänglichkeit und Abhängigkeit bewusst. Er begann sich darüber zu ärgern, dass seine Freizügigkeit mit einem Makel behaftet war, einem gewissen Mangel an Selbsterfahrung, der ihn in den Augen des Handwerkers, den er bis dahin auf der sozialen Leiter unter sich verortet hatte, womöglich verachtenswert erscheinen ließ.

Es handelte sich hierbei also um einen Augenblick echter Einsicht. Sein Fehler bestand darin, von der Kompetenz des Handwerkers auf die Möglichkeit einer allumfassenden Kompetenz zu schließen. Denn es braucht Jahre, bis man gut in etwas wird, und das Leben ist kurz. Deshalb spezialisieren wir uns und sind notwendigerweise voneinander abhängig. Die Abhängigkeit von unseren Zeitgenossen ist die Grundlage für wirtschaftlichen Austausch, ganz so wie die Abhängigkeit von unseren Vorgängern – wenn man es sich recht überlegt – die Grundlage jener Dankbarkeit bildet, die eine Generation mit der anderen verbindet.

Wirtschaftlicher Austausch lässt sich demnach nicht einfach als ein Akt des Eigeninteresses verstehen, sondern als ein Moment, in dem das Selbst auf seinen eigentlichen Platz verwiesen wird. Wir müssen unsere Endlichkeit und die Tatsache, dass wir irgendwo zwischen unseren Artgenossen angesiedelt sind, hinnehmen. Um über die Runden zu kommen, müssen wir uns selbst für andere nützlich machen. Wir müssen den Interessen anderer dienen, indem wir auf einem speziellen Gebiet gut werden.

Das zu akzeptieren fällt schwer. Schließlich verformt diese Spezialisierung die Seele; sie verengt und verschmälert. Vielleicht sähe das beste Leben so aus, dass man am Morgen auf die Jagd geht, anschließend ein bisschen Landwirtschaft betreibt und nach dem Mittagessen ein wenig Kritik betreibt. Aber das entspricht nicht unserer Verfasstheit. Schon das Buch Genesis weist uns mahnend darauf hin.

Vielleicht hat allein der wirtschaftliche Austausch, der sich von Angesicht zu Angesicht vollzieht, den erzieherischen Effekt, das „imperiale Ich“ zu zügeln. Wenn wir von großen anonymen Kräften abhängig werden, die kein einzelnes Individuum auch nur annähernd überblicken kann, gerät unsere Abhängigkeit von anderen Menschen aus unserem Bewusstsein. Unser Konsumverhalten kann dann leicht durch eine Haltung befeuert werden, die angesichts der ständig wachsenden Möglichkeiten die Auseinandersetzung mit oder das Opfer von anderen unberücksichtigt lässt. Das ist ganz sicher schlecht für die Umwelt, aber eben auch für die Selbsterfahrung.

Wir haben es also mit zwei Formen von Extremismus zu tun: dem des Idealisten, der die umfassende Eigenständigkeit anstrebt, und dem des idealen Konsumenten, der der Wunschvorstellung nachhängt, nicht auf andere Menschen angewiesen zu sein. In einem Zeitalter der Extreme bestünde das eigentlich Radikale darin, sich der Mäßigung zu verschreiben. Das widerspricht allerdings dem Selbstbild des Radikalen.

In der Praxis können wir versuchen, in einem realistischen Rahmen ein bisschen eigenständiger zu werden. Und tatsächlich hat die Mühe, die es kostet, die dafür nötigen praktischen Fähigkeiten zu erlernen, oft den überraschenden Effekt, dass man sich der eigenen Abhängigkeit von anderen stärker bewusst wird. Wer schon einmal versucht hat, einen Fehler am eigenen Auto zu diagnostizieren und zu beheben, weiß, wie intellektuell anspruchsvoll das ist, und wird anschließend seinem Mechaniker größere Wertschätzung entgegenbringen. Er gewinnt unter Umständen die Erkenntnis, dass wir von menschlicher Exzellenz umgeben sind ‒ auch im Falle von Tätigkeiten, denen oft wenig Beachtung geschenkt wird. Wir beginnen, die Welt mit realistischeren Augen zu sehen, und empfinden Dankbarkeit.

Wenn so etwas geschieht, ist es gut für unser Gemeinwesen ‒ und für die Politik.


 

Das Buch
VS_97835504081194-Crawford-Die-Wiedergewinnung-des-Wirklichen_U1Wir leben in einer Welt, die uns mit immer mehr und immer dauerhafteren Außenreizen bombardiert, nicht zuletzt durch Werbung. Wir verwenden einen Großteil unserer Aufmerksamkeit darauf, diese Reize zu verarbeiten, anstatt uns fokussiert und konstruktiv mit unserer Umgebung und uns selbst zu beschäftigen. Wir eignen uns die Welt kaum noch aktiv an, statt dessen wird sie uns aus zweiter Hand aufgedrängt — über die Vermittlung der Medien und nach den Vorgaben der Wirtschaft. Wie kann man unter solchen Bedingungen eine autonome Individualität entwickeln?

Wir müssen wieder lernen, uns zu fokussieren. Und wir müssen uns einen direkten Zugang zur Wirklichkeit erschließen — durch konkrete Tätigkeiten, zum Beispiel ein Handwerk oder eine Sportart. Nur auf diese Weise wird es uns gelingen, zu einem authentischen Individuum zu werden, das sich nicht nur durch äußere Einflüsse definiert, sondern sich durch eigenes Tun in der Welt behauptet.

 

 

Matthew B. Crawford

Matthew B. Crawford

Matthew B. Crawford, geboren 1965, ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker. Er studierte politische Philosophie an der University of Chicago, war dort Fellow am Committee on Social Thought und arbeitete in einer Denkfabrik. Zurzeit lehrt er an der University of Virginia und arbeitet außerdem in seiner eigenen Motorradwerkstatt „Shockoe Moto“ in Richmond, Virginia.

Foto: © Adam Ewing

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