„Hast Du kein Papier, dann bist Du gar nicht hier“. Firas Alshater im Interview

Die Lage ist unübersichtlich. Wieder einmal sind Flüchtlinge mit einem Terroranschlag in Verbindung gebracht worden. Im Gespräch mit Simon Grimm erinnert Firas Alshater  daran, was die meisten Flüchtlinge hier bei uns umtreibt, mit welchem emotionalen und kulturellen Gepäck sie bei uns ankommen, und wie schwierig der Alltag ist für Menschen, die Integration wagen wollen. 

 

firas-alshater-sofa-textbildFiras Alshater auf dem Zukar-Sofa. Foto: Jan Heilig

 

Hier das gesamte, ungekürzte Gespräch zum Nachhören:

 

Das Gespräch führte Simon Grimm

Firas, wir haben uns am vergangenem Samstag, dem 17.12. 2016, auf der Demo gegen den Krieg in Syrien getroffen, in Aleppo überschlagen sich gerade die Ereignisse. Wie gehst du damit um, was dort gerade passiert?

Ich habe vor ein paar Tagen ein Video dazu gemacht, in dem ich die Leute aufgefordert habe, dass sie ihr Profilbild (auf facebook) in Rot ändern, weil ich finde, dass ist die einzige Aktion, die einzige Farbe, die zeigt, was in Syrien momentan los ist. Nur Blut überall und keiner kann etwas dagegen machen, leider ist das wirklich so, ich fühle mich machtlos. Ich sehe, was dort los ist, kann aber nichts daran ändern, versuche die Situation zu erklären, aber es ist auch sehr schwierig für die Menschen zu verstehen, was genau los ist. Wie kann es sein, dass Ende 2016 immer noch Menschen ermordet werden? Überall sieht man ihre Bilder, live auf facebook oder twitter und keiner tut etwas dagegen? Wie können Menschen das verstehen?

 

In deinem Buch beschreibst du ja auch die negativen Erfahrungen, die du in Syrien gemacht hast, als Filmemacher und als Schauspieler, dennoch ist der Erzählton eher humorvoll, du bist ja durch Deinen Youtube Kanal Zukar auch bekannt als humorvoller Mensch bekannt – kannst du sagen, welche Geschichte du in deinem Buch erzählst? Welche Facetten von Humor und aber auch von Ernsthaftigkeit bringst du dabei unter?

Ich habe versucht in meinem Buch meine persönliche Geschichte zu erzählen. Meine Erfahrungen als Flüchtling hier in Deutschland, kurz auch ein Überblick über das Leben in Syrien zu geben, über das Gefängnis, über meine Kindheit – aber mit Humor, mit Black Comedy. Es ist also eine Black Comedy-Biographie sozusagen über die unterschiedlichen Leben in Deutschland und in Syrien, wieso man seine Heimat verlassen und von null in einem fremden Land beginnen muss. Aber auch: Was ist Integration für mich? Wie ist das Leben hier für mich? Und wie bin ich von einem Tag auf den nächsten ein youtube-Star geworden?

 

Du hast es gerade schon angesprochen: Die Unterschiede zwischen Syrien und Deutschland. Natürlich ist es für diejenigen, die schon immer oder sehr lange hier leben, sehr interessant, wie du diese wahrnimmst. Was sind diese Unterschiede für dich? In Bezug auf die Menschen, die Kultur…

Also, Menschen sind natürlich immer unterschiedlich, auch in Syrien. Aber hier einige kleine Beispiele, die den Leuten nicht immer auffallen: Ihr esst gerne mit Gabel und Messer und wir essen halt lieber mit dem Löffel, wir haben anderes Brot, das Essen hat bei uns einen anderen Geschmack, das Gemüse schmeckt anders, weil es dort Sonne gibt (hier gibt es keine Sonne!). Hier – das merke ich manchmal – lebt man einfach, um zu arbeiten und man arbeitet nicht, um zu leben. Man beginnt seine Woche mit Arbeit, den ganzen Tag Arbeit, und dann redet man auch noch im Urlaub über die Arbeit. Ein bisschen anders bei uns ist auch die Familie, die Verbindungen zur Familie sind sehr groß bei uns. Außerdem kann man sagen, dass die Menschen hier allgemein sehr offen sind, auch wenn das in Dörfern wieder etwas anders ist, aber ich rede übe meine Erfahrungen hier in Berlin.

Wie unterschiedlich Menschen sind, hängt davon ab, wie sie denken und woher sie kommen, aus welchem Ort. Ich zum Beispiel komme aus Damaskus, bin dort aufgewachsen. Dort ist es sehr multikulti, aber ich merke bei anderen Leuten, die zum Beispiel aus Dörfern bei Aleppo kommen, dass dort die Meinungen ein bisschen anders sind, vielleicht nicht so offen, da sie nicht so viele Erfahrungen gemacht haben.

 

Du hast es jetzt noch gar nicht angesprochen, aber du sagst ja auch immer, in Deutschland gebe es sehr viel Papier, alles geht über Papiere. Du hattest doch kürzlich in diesem Punkt auch deine ganz besonderen Erfahrungen mit den deutschen Behörden?

 Ja, also ich finde dieses ganze bürokratische Leben hier eigentlich zum Kotzen. Vielleicht ist es einfach zu viel Papier und zu viel Arbeit mit Papieren. „Hast du kein Papier, dann bist du gar nicht hier.“ – das ist einer der ersten Sätze aus meinem Buch. Letztens habe ich zum Beispiel auch die schlechte Erfahrung gemacht, dass meine Aufenthaltserlaubnis abgelaufen ist. Dabei hatte ich zwei Monate vor der Frist eine Verlängerung beantragt, aber die wurde nicht bearbeitet, bzw. die Unterlagen wurden nicht gefunden.

 

was-xfiras-ebeneBehördengänge. Foto: Firas Alshater privat

 

Moment, die Behörden haben deine Papiere einfach nicht mehr gefunden?

Ja, als ich dort war, haben sie gemeint, sie finden die Papiere nicht. Als ich dann ein Video darüber gepostet habe, haben sie sich gemeldet und gemeint, sie hätten die Papiere nun wieder gefunden und diese werden jetzt bearbeitet. Sie meinten, das brauche ungefähr vier Wochen, jetzt sind schon sieben Wochen vorbei, aber bislang habe ich noch nichts gehört. Das ist ärgerlich, weil das eigentlich endlich mal fertig sein sollte. Ich sollte endlich mal einen gültigen Ausweis in meiner Hand halten, mit dem ich reisen und meine Sachen machen kann. Das ist einfach ärgerlich. Ich hatte auch Termine beim Radio in München oder auf einer Konferenz in Brüssel, aber das ging leider einfach nicht, ich musste sie absagen.

 

Hier geht es ja seit Jahren um das Stichwort Integration, aber in der öffentlichen Debatte bringen wir dann gerne alles unter einen Hut: da geht es um brennende Flüchtlingsheime, um Pegida und AfD, um irgendwelche Terror-Attentate, die sich dann doch als Amoklauf herausstellen. In deinem Buch finde ich es deshalb sehr erfrischend, dass du einen ganz eigenen Zugang und eine sehr klare Botschaft in Sachen Integration hast – wie lautet diese?

Meine klare Botschaft ist: Hey Mensch, alles im Leben braucht Zeit. Da muss man ein bisschen Geduld haben, sich Zeit geben. Bis das Kind geboren ist, dauert es neun Monate und dann braucht es noch ein Jahr um zu laufen, zwei Jahre um zu sprechen – du kannst nicht einfach von Leuten, die 20 Jahre etwas gelernt haben und dann hierher kommen, um von null anzufangen, fordern, alles in einem Monat oder in einem Jahr zu vergessen, um dann perfekt zu sein in diesem Land. Das geht nicht. Die Menschen brauchen Zeit, um zu wissen, wo sie hier sind, um zu wissen, was sie hier machen wollen, um die Sprache zu lernen, um sich daran zu gewöhnen, was hier los ist, um sich hier besser zu fühlen – und dann zu beginnen, sich zu integrieren.

 

Was hat denn das mit Pinguinen zu tun?

Das Leben hier in Deutschland hat für mich ein bisschen etwas von dem, wie die Pinguine leben. Die kommen immer aufeinander zu, um zusammen zu leben, damit keiner wegen Kälte oder so stirbt. Jeder wärmt den anderen. Das ist die Solidaritätsgemeinschaft hier in Deutschland, und dann brauchen auch die Menschen, die hier neu sind, Platz darin, um anderen Wärme zu machen und um selbst warm zu bleiben.

 

Vielen Dank für dieses Interview und was ich noch sagen wollte: Du sprichst sehr gut Deutsch.

Aber du auch! (Beide lachen. Dies ist Firas‘ Standard-Antwort auf dieses unbeholfene Lob.)


→ mehr über den Autor

Firas Alshater, geboren 1991 in Damaskus, studierte Schauspiel. In der Revolution gegen Baschar al-Assad entschied sich der Freiheits-Aktivist, mit der Kamera zu arbeiten. Er wurde in dieser Zeit mehrfach vom syrischen Regime verhaftet und brutal gefoltert. Für diverse internationale Nachrichtenagenturen produzierte Alshater Videobeiträge. Seit 2013 lebt er in Berlin. Gemeinsam mit Jan Heilig drehte er den Dokumentarfilm „Syria Inside“ sowie diverse YouTube-Videos für die Webserie Zukar, durch die er weltweit in den Medien Beachtung fand. Firas Alshater beginnt im Herbst 2016 sein Filmstudium in Potsdam. Er glaubt unerschütterlich daran, dass Integration funktionieren kann.

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Mit seinem Video »Wer sind diese Deutschen?« erreichte Firas Alshater in wenigen Tagen mehr als eine Millionen Menschen bei YouTube und Facebook. Er ist vor Krieg, Terror und Gewalt in Syrien geflohen und kam nach Deutschland. Hier versucht er nun, sich ein neues Leben aufzubauen. Doch musste er sich zunächst an die deutschen Eigenarten und die Sprache gewöhnen. Aber lieber Deutsch lernen als Folter in Syrien, sagt Alshater mit einem Augenzwinkern. Denn seinen Humor hat er sich bewahrt, obwohl er mit seinen fünfundzwanzig Jahren schon viel erlebt hat: Er wuchs behütet in Damaskus auf, studierte Schauspiel. Dann kam die syrische Revolution, Alshater wurde verhaftet und gefoltert. Er ist froh, heute in Deutschland zu leben. Seine Botschaft lautet: Zusammen schaffen wir das.

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