„Die Mauer war für mich fast so etwas wie ein ständiger Begleiter“: Norbert Wollentarski zu 25 Jahre Mauerfall

Geboren ist Ullstein-Hersteller Norbert Wollentarski in Ostberlin, der „Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“. In seinem Beitrag erzählt er von seiner Flucht Richtung Westen, der Berliner Mauer, die wie „ein ständiger Begleiter“ für ihn war, von stillgelegten U-Bahnhöfen und natürlich vom 9. November, dem Tag des Mauerfalls.

von Norbert Wollentarski

Geboren bin ich in Ostberlin, das damals offiziell „Hauptstadt der DDR“ hieß.
Ab Mitte der 80er Jahre bewilligte die DDR manchen ihrer Bürger Verwandtenbesuche in Westdeutschland und Westberlin. So bekam ich im August 1987 die Gelegenheit, meine Tante in Rinteln in Niedersachsen zu besuchen. Von dort bin ich dann nach Hamburg gefahren und von Hamburg mit der ehemaligen amerikanischen Fluggesellschaft PanAm nach Berlin-Tegel geflogen. Die Lufthansa durfte Berlin damals wegen seines Viermächte-Status nicht anfliegen, die drei Luftkorridore von Westdeutschland nach Berlin konnten nur von Flugzeugen der Westmächte benutzt werden. Nach der Ankunft in Westberlin meldete ich mich im Notaufnahmelager Marienfelde, und blieb dort für ein paar Wochen.
Zurück in die DDR wollte ich nicht mehr.

Die Wohnungsknappheit in Westberlin war damals wesentlich größer als heute. Deshalb kaufte man sich Samstagnacht am Bahnhof Zoo die druckfrische Ausgabe der Morgenpost vom Sonntag, um Wohnungsannoncen zu studieren. Darin fand ich zwar keine Wohnung, aber die Anzeige vom Ullstein Verlag, der einen Hersteller suchte. Am 1. November 1987 konnte ich dort anfangen. Durch einen Arbeitskollegen erhielt ich dann auch schnell eine Wohnung in Wilmersdorf.

Fortan fuhr ich mit der U6 von Wilmersdorf zur Kochstraße, in deren Nähe sich damals der Ullstein Verlag in der Lindenstraße 76-78 befand. Wenn ich aus der U-Bahn stieg, schaute ich unmittelbar auf den Grenzübergang Checkpoint Charlie, an dem sich 1961 russische und amerikanische Panzer gegenüber gestanden hatten. Der Weg zum Verlag führte über die Kochstraße, auf Höhe der Charlottenstraße konnte ich direkt auf die Mauer schauen, davor stand ein großer Betonpflanzenkübel.
Die Mauer war für mich also fast so etwas wie ein ständiger Begleiter. Die U-Bahn Linie 6 fuhr ja unter Ostberlin durch, deshalb wurde, bevor man aus südlicher Richtung in die U-Bahn-Station Kochstraße einfuhr, ausgerufen: „Achtung, das ist der letzte Bahnhof in Westberlin.“ Wenn man weiter fuhr, zuckelte die U-Bahn ganz langsam an den „toten“ Bahnhöfen in Ostberlin vorbei, die im Dunkeln lagen und in denen Grenzposten der DDR mit Maschinenpistolen saßen, bis man endlich den ersten U-Bahnhof in Westberlin, Reinickendorfer Straße, erreichte. Das war immer ein beängstigendes und gespenstisches Bild.

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Liniennetzplan der BVG mit gesperrten U-Bahnhöfen im geteilten Berlin. (Foto: Ulrike von Stenglin)

Die Ullstein Buchverlage sitzen heute am Oranienburger Tor. Der U-Bahnhof, den wir jeden Tag so selbstverständlich benutzen, lag damals auf Ostberliner Gebiet und war zugemauert, ebenso die U-Bahnhöfe Stadtmitte, Französische Straße, Naturkundemuseum und Schwartzkopfstraße. In Westberlin lagen zwar drei viertel des heutigen S-Bahn-Rings, trotzdem gab es dort zwischen 1980 und 1993 keinen Verkehr. Die S-Bahn unterstand der Deutschen Reichsbahn und damit der DDR und wurde von den Westberlinern boykottiert. Auch die übrigen S-Bahn-Strecken waren nur bedingt nutzbar, da sie, wie an der Friedrichstraße, im Nichts endeten – und nicht wie heute und vor 1961 die ganze Stadt miteinander verbanden.

So hatte man sich in Westberlin eigentlich schon ein bisschen an die Mauer gewöhnt, bis zu dem großen Ereignis am 9. November 1989. Es war ein Donnerstag, ich lag schon im Bett und schlief. So gegen Mitternacht rief mich ein Kollege an und sagte: „Norbert, die Mauer ist auf, sieh dir das im Fernsehen an.“ Im Verlag wussten alle, dass ich aus Ostberlin geflüchtet war – meine Mutter wurde deshalb sechs Stunden im Stasi-Gebäude in der Normannenstraße verhört.
Ich schaltete den Fernseher ein und konnte es nicht glauben: Tausende von Menschen standen an den Grenzübergängen und wollten nach Westberlin. Und die Grenzer ließen sie tatsächlich durch.
Am nächsten Tag gingen der Arbeitskollege, der mich nachts angerufen hatte, eine weitere Kollegin und ich zum Grenzübergang Checkpoint Charlie, wo Hunderte von Menschen zu Fuß oder in ihren Trabis die Grenze passierten. Es herrschte unglaubliche Emotionalität und Ergriffenheit. Viele, besonders ältere Menschen, weinten und fielen sich in die Arme. Der Axel-Springer-Verlag hatte sofort eine dünne, kostenlose Sonderausgabe herausgebracht und vor dem Hauptgebäude eine Gulaschkanone mit kostenloser Erbsensuppe aufgestellt.
Die folgenden Tage glichen einem Ausnahmezustand. Die U-Bahnen waren rappelvoll, zeitweise musste der U-Bahnhof Wittenbergplatz wegen Überfüllung geschlossen werden. Der Ku`damm war für Autos gesperrt und in einige Kneipen dort gab es Bier für 1,- DM oder bei Vorlage des DDR-Personalausweises manchmal sogar kostenlos.

Wir waren alle glücklich und euphorisiert.

Dann wagte es endlich auch meine Mutter, mich zu besuchen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie vom U-Bahnhof Frankfurter Allee in Friedrichshain nach Wilmersdorf zum U-Bahnhof Bundesplatz kommen sollte, denn auf DDR-Landkarten war Westberlin ein weißer Fleck. Und Telefone funktionierten ja noch nicht so wie heute – vorausgesetzt, man hatte im Osten überhaupt einen der ganz wenigen privaten Anschlüsse, musste man für ein Telefonat von Ostberlin nach Westberlin die 849 vorwählen. Für ein Telegramm von Ostberlin nach Westberlin musste man übrigens Auslandstarif bezahlen – Westberlin war Ausland! Meine Mutter stieg am Schlesischen Tor in Kreuzberg aus der U-Bahn und rief mich aus einer Telefonzelle an, so konnte ich ihr den Weg zu meiner Wohnung erklären.

Wer das nicht selbst miterlebt hat, kann diese Absurdität vielleicht nicht glauben.
Schließlich konnte ich nach über zwei Jahren meine Mutter wiedersehen und in die Arme schließen.

Für mich sind der 22. August 1987, als ich in die BRD übertrat, und der 9. November 1989 die beiden wichtigsten Tage meines Lebens.

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Die Mauer von Kreuzberger Seite aus gesehen. Der Autor ist der Dritte von links. Frühjahr 1988. (© Nobert Wollentarski)

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