Über die Bedeutung Kissingers

Henry Kissinger ist einer der umstrittensten Politiker unserer Zeit. Dennoch kritisieren Beobachter, dass jemand wie der ehemalige Außenminister den heutigen USA fehlt. Doch was bedeutete Kissinger eigentlich für die amerikanische Politik? Der Historiker Niall Ferguson mit einer Neubetrachtung eines angeblichen Realisten.

von Niall Ferguson

 

Kissinger_Steve_pyke_CC BY 2.0

Es gibt, ganz abgesehen von seiner Langlebigkeit, gute Gründe, warum weltweit so viele Staatenlenker – darunter der chinesische Präsident Xi Jinping – auch weiterhin den Rat von Henry Kissinger suchen, der vor fast vier Jahrzehnten als US-Außenminister aus dem Amt schied. Barack Obama ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Er ist der erste US-Präsident seit Dwight D. Eisenhower, der Kissinger nicht um Rat fragt. Immer wieder drängen Kommentatoren Obama dazu, mehr wie Kissinger zu sein. Andere behaupten, dass er, wenn auch nicht in rhetorischer, so doch in praktischer Hinsicht, „kissingerlike“ ist. Aber was genau ist mit diesem Ausdruck gemeint?

Die gängige Antwort darauf setzt Kissinger mit Realismus gleich, einer Weltanschauung, die von einer nüchternen Betrachtung der Außenpolitik unter dem strengen Blickwinkel nationaler Eigeninteressen geprägt ist, oder, um es mit den Worten des Journalisten Anthony Lewis auszudrücken, „eine Fixierung auf Macht und Ordnung, die zulasten der Menschlichkeit geht“. 1983 zeichnete sein ehemaliger Harvard-Kollege, Stanley Hoffmann, von Kissinger das Bild eines Machiavellisten, „der davon überzeugt ist, dass zur Erhaltung des Staates […] gegenüber ausländischen wie inländischen Widersachern Skrupellosigkeit und Tücke nötig sind“. Viele Autoren haben einfach vorausgesetzt, dass Kissinger sich mit seinen vermeintlichen Helden, dem österreichischen Staatsmann Klemens von Metternich und dem preußischen Kanzler Otto von Bismarck, die Aushängeschilder der klassischen europäischen Realpolitik zum Vorbild nahm.

Hingegen beschrieb der Wissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen, Hans Morgenthau, der wirklich ein Realist war, Kissinger einmal, wie Odysseus, als „vielseitig“. Als beispielsweise in den frühen 1960er Jahren die Frage aufkam, wie stark die Vereinigten Staaten die Regierung in Südvietnam stützen sollten, war Kissinger anfangs der Ansicht, dass das Recht Südvietnams auf Selbstbestimmung das Opfer amerikanischer Leben wert sei. Morgenthau, der wahre Realist, widersprach heftig.

Kissingers eigenes intellektuelles Kapital ist nur unzureichend untersucht worden.

In den 1950er und 1960er Jahren setzte sich Kissinger tatsächlich mit Metternich und Bismarck auseinander. Aber nur jemand, der nicht gelesen (oder vorsätzlich missverstanden) hat, was er schrieb, kann ernsthaft behaupten, dass er sich in den 1970ern daranmachte, ihre Ansätze in der Außenpolitik zu kopieren. Weit davon entfernt, ein Machiavellist zu sein, war Kissinger vom Anbeginn seiner Karriere in mindestens dreierlei Hinsicht ein „Idealist“.

Erstens: Selbst wenn Kissinger nie ein Idealist in der Tradition des US-Präsidenten Woodrow Wilson war, der den Weltfrieden durch Völkerrecht und kollektive Sicherheit anstrebte, war er doch kein Realist. Kissinger lehnte den wilsonschen Idealismus ab, weil er das Gefühl hatte, dass dessen hehre Absicht auf eine politische Starre hinauslaufe. 1956 drückte er es gegenüber seinem Freund, dem Historiker Stephen Graubard, folgendermaßen aus: „Das Beharren auf reiner Moral ist selbst die unmoralischste aller Haltungen“ – und sei es nur, weil sie oft zur Tatenlosigkeit führte. Aber Kissinger wusste, dass der Realismus ebenfalls lähmend wirken konnte. Als jemand, der aus Hitlerdeutschland geflohen und 1944 in einer amerikanischen Uniform zurückgekehrt war, um seinen Beitrag zur endgültigen Niederlage des Nationalsozialismus zu leisten, hatte Kissinger persönlich einen hohen Preis für die diplomatischen Fehlschläge der 1930er Jahre gezahlt. Und doch waren Stanley Baldwin und Neville Chamberlain, die britischen Architekten der Appeasement-Politik, wie er 1957 in einem Interview betonte, „ihrem Selbstverständnis nach knallharte Realisten“.

Zweitens: Seit er sich als junger Harvard-Student in das Werk Immanuel Kants vertieft hatte, war Kissinger ein  Idealist im philosophischen Wortsinn. Seine unveröffentlichte Studienarbeit „The Meaning of History“ („Die Bedeutung der Geschichte“) war eine ebenso kritische wie bewundernde Auseinandersetzung mit Kants Geschichtsphilosophie. Kissingers Hauptargument lautete: „Freiheit ist […] eine innere Erfahrung des Lebens als Entscheidungsprozess zwischen sinnvollen Alternativen“. Ewiger Friede mag tatsächlich das oberste und unausweichliche Ziel der Geschichte sein, wie Kant behauptete, aber vom Standpunkt des Individuums aus betrachtet, bedeutete diese Unvermeidbarkeit keine Einschränkung der Freiheit. Kissinger schrieb dazu in seiner Abschlussarbeit: „Wie auch immer man die Notwendigkeit der Ereignisse auffasst, im Augenblick ihres Eintreffens kann ihre Unvermeidbarkeit keine Handlungsanweisung sein.  […] Wie auch immer wir Handlungen im Nachhinein erklären, ihrer Durchführung liegt die innere Überzeugung der Entscheidung zugrunde“.

Drittens: Von einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere an war Kissinger ein überzeugter Antimaterialist, der einem  ökonomischen Determinismus kapitalistischer Prägung ebenso feindselig gegenüberstand wie dem Marxismus-Leninismus. Es sei gefährlich, behauptete er in seiner Abschlussarbeit, zuzulassen, dass sich „die Auseinandersetzung mit der Demokratie zur Diskussion über die Effizienz ökonomischer Systeme entwickelt, die sich auf der Ebene objektiver Notwendigkeit bewegt und daher fragwürdig ist“. Im Gegensatz dazu lehne „das innere Freiheitsempfinden […] den Totalitarismus ab, selbst wenn dieser aus ökonomischer Sicht effizienter wäre“. Diese Haltung unterschied sich deutlich von der seiner Zeitgenossen, zu denen auch der Ökonom und Politikwissenschaftler Walt Rostow zählte, für den der Kalte Krieg nur gewonnen werden konnte, solange die Wachstumsraten des Kapitalismus höher waren als die des Kommunismus. „Solange es uns nicht gelingt, die Idee der Freiheit und des Respekts vor der Menschenwürde für neue Nationen mit Sinn zu füllen“, schrieb Kissinger in The Necessity for Choice (Die Notwendigkeit der Entscheidung), „wird der vielbeschworene ökonomische Wettstreit zwischen uns und der kommunistischen Welt […] keinen Sinn haben“. Mit anderen Worten: Die freiheitlich-demokratischen Ideale mussten um ihrer selbst willen verteidigt werden, ohne sich darauf zu verlassen, dass der materielle Erfolg des Kapitalismus ihnen zum Sieg verhelfen würde. Als Berater und Redenschreiber für Nelson Rockefeller, dessen drei erfolglose Bewerbungen für die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat er unterstützte, kam Kissinger in den 1960er Jahren wiederholt auf dieses Thema zurück.

(Official White House Photo by Pete Souza)

(Official White House Photo by Pete Souza)

GESCHICHTE IST DIE ERINNERUNG VON STAATEN

Nach der Philosophie des Idealismus war das Wichtigste, das Kissinger in Harvard lernte, die zentrale Bedeutung der Geschichte zum Verständnis von Problemen der nationalen Sicherheit. „Beim Studium der äußeren Angelegenheiten, also dem Studium von Staaten als handelnde Einheiten, sind ohne ein Bewusstsein für den historischen Kontext keine wesentlichen Schlussfolgerungen möglich”, schrieb er in seiner Doktorarbeit, die 1957 unter dem Titel A World Restored (dt. Das Gleichgewicht der Großmächte) veröffentlicht wurde. „Die Erinnerung ist bei Staaten der Prüfstein ihrer Politik. Je grundlegender die Erfahrung, umso tiefgreifender beurteilt eine Nation die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit“. „Wer“, fragte Kissinger, „kann schließlich etwas gegen die Art und Weise sagen, auf die ein Volk seine eigene Vergangenheit interpretiert? Es ist sein einziges Mittel, sich der Zukunft zu stellen, und was ‚wirklich‘ geschah, ist oft weniger wichtig als das, von dem man glaubt, dass es geschah“. Für den Politikwissenschaftler mögen Staaten „Faktoren innerhalb einer Sicherheitsordnung” sein, für den Juristen austauschbare Parteien in einer endlosen Folge internationaler Rechtsstreitigkeiten. In Wirklichkeit, schrieb Kissinger, „verstehen sich aber alle Staaten als das Ergebnis historischer Kräfte. Das Gleichgewicht interessiert sie nicht als Selbstzweck, […] sondern als Mittel, um ihre historischen Ziele zu verwirklichen“.

Ein wiederkehrendes Thema in Kissingers frühen Schriften ist die historische Ignoranz typischer amerikanischer Entscheidungsträger. Juristen, bemerkte er 1968, sind die „in der Regierung am stärksten vertretene Gruppe, sie haben allerdings diesen einen Nachteil – eine mangelnde Kenntnis der Geschichte“. Für Kissinger war die Geschichte von doppelter Bedeutung: als Quelle erhellender Analogien und als entscheidendes Element des nationalen Selbstverständnisses. Amerikaner haben vielleicht ihre Zweifel an der Bedeutung der Geschichte, aber die Europäer, die, wie Kissinger schrieb, „auf einem Kontinent leben, der von Ruinen übersät ist, die die Fehlbarkeit des menschlichen Weitblicks bezeugen, spüren bis ins Mark, dass die Geschichte etwas Komplizierteres ist als eine Systemanalyse“.

Die Menschen ziehen charismatische Anführer gewieften Staatsmännern vor.

UNBEKANNTE UNBEKANNTEN

Anders als die meisten Wissenschaftler erkannte Kissinger bereits zu einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere, dass hochrangige politische Entscheidungen oft getroffen werden müssen, bevor alle Fakten bekannt sind. „Die Wahl zwischen […] Strategien beruhte nicht auf den ‚Fakten‘, sondern auf ihrer Interpretation“, argumentierte er in A World Restored. „Sie enthielt einen seinem Wesen nach moralischen Akt: eine Einschätzung, deren Gültigkeit genauso sehr von der Vorstellung der Ziele abhing wie vom Verständnis des verfügbaren Materials.“

Es handelt sich um eine Idee, die Kissinger später als „das Problem der Spekulation in der Außenpolitik“ bezeichnete. Entscheidungsfindung, behauptete er 1963 in einem Vortrag,

bedarf der Fähigkeit, über das Bekannte hinaus zu planen. Und wenn man sich auf unbekanntes Terrain vorwagt, dann steht man schnell vor dem Dilemma, dass es, abgesehen von den Überzeugungen, die man im Gepäck hat, wirklich nur sehr wenig gibt, was einen als Entscheidungsträger leitet. […] Jeder Staatsmann muss sich irgendwann entscheiden, ob er Gewissheit will oder ob er sich auf seine eigene Beurteilung der Situation verlassen will. […] Wenn man nach unwiderlegbaren Beweisen verlangt, wird man auf gewisse Weise zum Gefangenen der Ereignisse.

Wenn die demokratischen Staaten 1936 gegen die Nazis vorgegangen wären, argumentierte Kissinger, „wüssten wir heute nicht, ob Hitler ein missverstandener Nationalist war, ob er nur gewisse Ziele verfolgte oder ob er tatsächlich wahnsinnig war. Die Demokratien lernten, dass er tatsächlich wahnsinnig war. Sie erlangten Gewissheit, aber sie mussten sie mit mehreren Millionen Leben bezahlen.“

Diese Erkenntnis hatte weitreichende Auswirkungen auf das nukleare Zeitalter, in dem ein Weltkrieg hunderte Millionen Opfer hätte kosten können.

Ebenfalls im Jahr 1963 brachte Kissinger in einer unveröffentlichten Abhandlung mit dem Titel „Entscheidungsfindung in einer nuklearen Welt“ das, wie er es nannte, „schreckliche Dilemma“ auf den Punkt, vor dem die Entscheidungsträger des Kalten Krieges stünden:

Jeder politische Führer hat die Wahl zwischen dem geringsten oder einem höheren Aufwand. Wenn er sich für den geringsten Aufwand entscheidet, kann sich mit der Zeit herausstellen, dass er falsch lag, und dann wird er einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Wenn er auf Grundlage einer Vermutung handelt, wird er nie in der Lage sein nachzuweisen, dass dieser Aufwand wirklich notwendig war, aber er spart sich unter Umständen später eine Menge Kummer. […] Wenn er zu einem frühen Zeitpunkt handelt, kann er nicht wissen, ob es notwendig war. Wenn er wartet, kann er Glück oder Pech haben.

Der entscheidende Punkt beim Problem der Spekulation ist die Asymmetrie der Resultate. Eine erfolgreiche präventive Maßnahme wird nicht im Verhältnis zu ihrem Nutzen belohnt, weil es, wie Kissinger schrieb, „in der Natur erfolgreicher Politik liegt, dass die Nachwelt vergisst, wie leicht es hätte anders kommen können“. Es ist wahrscheinlicher, dass der vorausschauende Staatsmann für die Kosten der Vorbeugung abgestraft wird, als dass er für die Abwendung des Unheils Lob erhält. Hingegen führt das Spiel auf Zeit — der Kern der Appeasement-Politik der 1930er Jahre — nicht zwangsläufig ins Verderben. Und der geringste Aufwand entspricht für gewöhnlich auch dem geringsten Widerstand im Inland.

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DAS GERINGERE ÜBEL

„Es gibt nicht nur richtig oder falsch, sondern eine Menge Schattierungen dazwischen“, schrieb der junge Kissinger 1948 in einem aufschlussreichen Brief an seine Eltern. „ Die echten Tragödien im Leben beruhen nicht auf der Wahl zwischen richtig und falsch“, führte er weiter aus, weil „nur die herzlosesten Menschen sich für das entscheiden, was sie als falsch erkennen. […] Die echten Dilemmata stellen die Seele vor qualvolle Probleme“. Einfach ausgedrückt hat man bei den schwierigsten außenpolitischen Entscheidungen die Wahl zwischen Übeln, und der wahre moralische Akt besteht demnach darin, sich für das geringere Übel zu entscheiden (selbst wenn das die politisch härtere Entscheidung bedeutet).

1957 schrieb Kissinger beispielsweise in Nuclear Weapons and Foreign Policy (Nuklearwaffen und Außenpolitik), dass die Erhaltung des Gleichgewichts der Mächte solche schwierigen Entscheidungen im Kalten Krieg nötig machen würde:

Wir werden sicher mit Situationen von außergewöhnlicher Ambiguität wie Bürgerkriegen oder Staatsstreichen konfrontiert werden. . […] Es versteht sich von selbst, dass wir versuchen sollten, solche Ereignisse zu verhindern. Aber wenn es einmal soweit ist, müssen wir den Willen aufbringen, in einer Situation zu handeln und Risiken einzugehen, die uns nur die Wahl zwischen Übeln lässt. Während wir einerseits nie unsere Prinzipien aufgeben sollten, müssen wir andererseits einsehen, dass wir sie nur wahren können, solange wir überleben.

Die philosophische Botschaft des Buches ist, dass eine zweifellos schreckliche Sache wie ein begrenzter Atomkrieg das kleinere Übel sein kann, wenn die Alternativen Kapitulation oder Vernichtung lauten.

 

DER TRÜGERISCHE REALISMUS

Kissinger machte in seiner Schrift über Metternich und Bismarck – und am deutlichsten im unfertigen Buchmanuskript, das er über den Letzteren verfasste – klar, dass er einen reinen Realismus in der Außenpolitik als potenziell schädlich ansah. „Gesellschaften sind zum Mut des Zynismus nicht fähig“, schrieb er in einem unveröffentlichten Kapitel über Bismarck. „Das Festhalten daran, dass Menschen nur Atome und Gesellschaften nur Kräfte sind, hat noch immer zu dem Ergebnis geführt, dass jede Selbstbeherrschung fallen gelassen wurde. Weil Gesellschaften mit Annäherungen arbeiten und zu feinen Unterscheidungen nicht in der Lage sind, läuft eine Doktrin, die Macht als Mittel ansieht, Gefahr, am Ende aus der Macht ein Ziel machen“.

Gewiss gab es viel, was Kissinger an Bismarcks Strategie bewunderte. Durch die Auseinandersetzung mit Bismarck erkannte er, welche herausragende Bedeutung es hat, die Gegner gegeneinander auszuspielen. Kissinger zufolge hing Bismarcks neue europäische Ordnung nach der Vereinigung Deutschlands von seiner Fähigkeit ab, „die Bündnisse der anderen Staaten so zu beeinflussen, dass Preußen jeder der widerstreitenden Parteien jeweils näher war als diese einander“. Besonders bewunderte Kissinger die elegante Doppelbödigkeit von Bismarcks Rückversicherungsvertrag des Jahres 1887, dessen Auflösung durch seine Nachfolger eine fatale Stagnation in die europäische Diplomatie brachte. Es handelte sich dabei um ein geheimes Abkommen, demzufolge das Deutsche Reich und Russland neutral bleiben würden, wenn der andere in einen Krieg mit einem dritten Staat geraten sollte, solange das Deutsche Reich nicht Frankreich bzw. Russland nicht den deutschen Verbündeten Österreich-Ungarn attackierte. Trotz allem behauptete Kissinger in seinem Essay The White Revolutionary (dt. Der weiße Revolutionär), dass Bismarck mit seiner im Wesentlichen darwinschen Auffassung von den internationalen Beziehungen als unmoralischem Überlebenskampf zum Scheitern verurteilt war, als es darum ging, seinen geopolitischen Erfolg zu zementieren.

Ein grundlegendes Problem des demokratischen Zeitalters war nach Kissingers Auffassung, dass die Menschen charismatische Anführer statt gewiefter Staatsmänner bevorzugten. „Die Forderungen des Propheten“, schrieb Kissinger in A World Restored, „sind auf Perfektion gerichtet […] [Aber] nur wenn man alles gleichmacht und alle alten Formen über Bord wirft, lassen sich Utopien verwirklichen […] Verläßt man sich ausschließlich auf die moralische Reinheit eines Einzelnen, verzichtet man damit auf die Möglichkeit, ihn zu bremsen“. Kissinger stellte sich gegen den Propheten und auf die Seite des Staatsmanns, „der gegen solche Bestrebungen stets misstrauisch bleiben muss, nicht weil ihm der Ärger mit der Manipulation Spaß macht, sondern weil er auf das Schlimmste gefasst sein muss.“ Zur Tragödie des Staatsmanns gehört, dass er immer in der Minderheit sein wird, denn „es ist nicht das Gleichgewicht, das den Menschen inspiriert, sondern Universalität, nicht Sicherheit, sondern Unsterblichkeit”.

 

DIE RÜCKKEHR DER 70ER JAHRE

In vielerlei Hinsicht spiegelte Kissingers Erfahrung in der Regierung diesen letzten Punkt nur zu gut wider. Obwohl die Presse ihn anfangs als „Super K“ hochjubelte, wurde er später zur Zielscheibe scharfer Attacken sowohl von der linken als auch von der rechten Seite, wobei ihm die Erstere Kriegsverbrechen in der Dritten Welt vorwarf und die Letztere ihn beschuldigte, vor dem Kreml einen Kotau zu machen. Möglicherweise ist das der Grund, warum es kaum Anzeichen dafür gibt, dass Kissingers Standpunkte sich in der Außenpolitik verfestigt haben oder auch nur in Erinnerung geblieben sind.

„Eine amerikanische Außenpolitik gibt es nicht“, schrieb Kissinger in einem 1968 veröffentlichten Essay. Es gibt lediglich „eine Reihe von Maßnahmen, die zu einem gewissen Ergebnis geführt haben, das sie unter Umständen nicht einmal hervorbringen sollten“, und denen „die Forschungs- und Geheimdienstorganisationen im In- und Ausland versuchen eine Rationalität und Kontinuität zu unterstellen, […] die sie schlicht und ergreifend nicht besitzen.“ Das könnte heute, über 40 Jahre später, genauso gut gesagt werden. Kissinger führte den Mangel an strategischer Kohärenz auf die Schwächen der modernen Demokratie zurück. Anders als die politischen Führer des 19. Jahrhunderts, so erklärte er, sei „der typische politische Führer der zeitgenössischen, auf Management ausgerichteten Gesellschaft ein Mann mit einem starken Willen, einem großen Potenzial gewählt zu werden, aber ohne eine besonders klare Vorstellung davon, was er tun wird, wenn er ins Amt kommt“. Auch das könnte heute genauso gut gesagt werden.

Was auch immer man sonst über die Außenpolitik der Regierungen Nixon und Ford denken mag, es ist unbestreitbar, dass Kissinger wenigstens einen strategischen Rahmen gesteckt hatte, innerhalb dessen die Herausforderungen des Landes in Angriff genommen werden konnten.

Obama und seine Berater sind der Geschichte nicht besonders zugetan. In einer der denkwürdigsten Aussagen des Präsidentschaftswahlkampfs von 2012 spottete Obama über seinen republikanischen Gegenkandidaten, Mitt Romney: „Das ist eine Rückkehr zur Außenpolitik der 80er Jahre. Dabei ist der Kalte Krieg schon seit über 20 Jahren vorbei“. Er machte sich damit darüber lustig, dass Romney Russland „unseren geopolitischen Feind Nr. 1“ genannt hatte. Und doch annektierte Russland nur 17 Monate später unter Missachtung internationalen Rechts die Krim. Obamas großspurige Behauptung aus dem Januar 2014, dass er „im Augenblick keinen zweiten George Kennan gebrauchen könne“, klang schon bald hohl.

Vielleicht waren es aber gar nicht die 1980er, die da zurückkehrten, sondern die 1970er. Damals wie heute erlebte die amerikanische Wirtschaft einen schweren Schock, der einen bleibenden Kater hinterließ. Der Ölschock des Jahres 1973 fand seine Analogie in der Bankenkrise von 2008. Wie Richard Nixon erbte Obama einen Krieg, der zwar militärisch nicht verloren, aber daheim ungeheuer unpopulär geworden war. Irak war das Vietnam dieser Generation, mit der Ausnahme, dass Obama dank der Führung von Befehlshabern wie David Petraeus und Stanley McChrystal einen Krieg erbte, der dabei war, gewonnen zu werden.

Wie Nixon hat auch Obama es mit einem Russland zu tun, das sehr viel weniger Interesse an freundschaftlichen Beziehungen hat, als es vorgibt: Es wird leicht vergessen, dass der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew in seiner Anfangszeit eine putinähnliche Figur war, die ihren Einfluss nicht nur vor der russischen Haustür, sondern in der ganzen Welt ausbreiten wollte. Und wie Nixon kommt Obama sowohl mit seinen europäischen als auch mit seinen asiatischen Verbündeten nur schwer zurande. Die Westeuropäer investieren heute sogar einen geringeren Anteil ihres nationalen Haushalts in die Verteidigung als in den 1970ern. Sie haben Kissingers alte Weisheit vergessen: „Wann immer Frieden — verstanden als die Vermeidung von Krieg — das oberste Ziel einer Macht oder einer Gruppe von Mächten gewesen ist, war die internationale Ordnung vom rücksichtslosesten Mitglied der internationalen Gemeinschaft abhängig“. In der Zwischenzeit bewegen sich die Asiaten – aus Überzeugung, dass Obamas angeblicher „Schwerpunkt auf Asien“ Augenwischerei ist – in die entgegengesetzte Richtung und entwickeln eigene Militärstrategien, um dem Aufstieg Chinas zu begegnen. Und der Nahe Osten ist heute ein mindestens so großes Pulverfass wie damals, als Kissinger im Amt war.

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GERALD R. FORD

Was auch immer man sonst über die Außenpolitik der Regierungen Nixon und Ford denken mag, es ist unbestreitbar, dass Kissinger zu Beginn seiner Karriere als nationaler Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten wenigstens einen strategischen Rahmen gesteckt hatte, innerhalb dessen die Herausforderungen, die sich den USA stellten, in Angriff genommen werden konnten, und dass jeder Teil dieser Strategie den vier hier umrissenen Prinzipien folgte.

Die Strategie, die Kissinger Mitte der 1960er Jahre auszuarbeiten begann, hatte drei verschiedene Bausteine. Erstens strebte er danach, das transatlantische Bündnis mit Westeuropa zu stärken. Um den mächtigen, aber nach innen gerichteten Kräften der westeuropäischen Integration und der westdeutschen Ostpolitik etwas entgegenzusetzen, versuchte er die bilateralen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den drei größten europäischen Mächten – Deutschland, Frankreich und Großbritannien – wiederzubeleben. Zweitens machte er sich für eine Entspannungspolitik stark, indem er – nicht zuletzt in der strategischen Rüstungskontrolle – Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion suchte, ohne das grundlegende Prinzip über Bord zu werfen, dass man sich der sowjetischen Expansion widersetzen und die sowjetische Macht begrenzen müsse. Der dritte und wichtigste Punkt: Er begann zu erkennen, dass die Volksrepublik China trotz ihres offensichtlich revolutionären Charakters in das Gleichgewicht der Kräfte eingebunden werden konnte und dass die chinesisch-sowjetische Rivalität sich ausnutzen ließ, indem man die Vereinigten Staaten näher an jede der streitenden Parteien brachte als diese sich untereinander waren. Kissingers Kritker haben lange die Taktiken bemängelt, die er – besonders in Ländern, denen er nur eine zweitrangige Bedeutung beimaß – zur Umsetzung seiner Strategie anwandte. Aber sie konnten nicht abstreiten, dass es ein strategisches Konzept gab. Heute sehen wir das Ergebnis von fast sieben Jahren ohne ein solches Konzept.

Selbst wenn Kissinger nie ein Idealist in der Tradition von US-Präsident Woodrow Wilson war, so war er doch kein Realist.

Die politischen Entscheidungsträger der USA (und nicht nur die der aktuellen Regierung) haben die Bedeutung der Geschichte für das Selbstverständnis von Nationen viel zu lange unterschätzt. Sie haben Entscheidung um Entscheidung getroffen, ohne das Problem der Spekulation in seiner Bedeutung zu erfassen und dadurch mal die Vorteile des vorausschauenden Handelns überschätzt und mal die Kosten der Untätigkeit unterschätzt. Sie haben sich vor der Wahl des geringeren Übels gedrückt und hinter einem Schleier hochtrabender Reden einen zynischen Realismus praktiziert, dem es sowohl im In- als auch im Ausland immer an Legitimität fehlen wird. Aus all diesen Gründen finden sich die Vereinigten Staaten in einem ähnlich großen strategischen Chaos wieder wie Ende 1968. Ein Ansatz im Stile Kissingers ist dringend nötig. Aber dafür müssen die Entscheidungsträger — und die Öffentlichkeit — erst einmal die Bedeutung Kissingers verstehen.

 

Dieser Text erschien in zuerst in der September/Oktober-Ausgabe 2015 des Foreign Affairs Magazine.


 

Das Buch
VS_9783549074749-Ferguson-Henry-Kissinger-Band1_U1.inddEr wurde verehrt und geschmäht wie kein anderer. Die einen feierten ihn als unverzichtbaren Mann im Hintergrund, Berater aller US-Präsidenten von Kennedy bis Obama, die anderen verdammten ihn als zynischen Realpolitiker. Henry Kissinger, Jahrgang 1923, ist einer der bedeutendsten, zugleich umstrittensten Staatsmänner unserer Zeit. Ihm widmet Niall Ferguson eine große Biographie, die Kissinger in neuem Licht erscheinen lässt.
Erst vor dem Hintergrund seiner Kindheit als Jude in Nazi-Deutschland, als mittelloser Immigrant in New York, als US-Soldat im Zweiten Weltkrieg oder als Professor in Harvard lässt sich Kissingers Aufstieg zum Meister der Diplomatie und genialen Strategen der Weltpolitik verstehen. Eine materialreichere, intimere, fundiertere Kissinger-Biographie gibt es nicht. Sie beruht auf exklusivem Zugang des Autors zu Kissingers Privatarchiv und auf Recherchen in mehr als hundert Archiven in aller Welt.

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Niall Ferguson

Niall Ferguson

Niall Ferguson, geboren 1964 in Glasgow, ist Senior Fellow der Hoover Institution in Stanford sowie Senior Fellow des Center of European Studies der Harvard University. Er gilt als einer der profiliertesten Historiker der angelsächsischen Welt. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen Der Aufstieg des Geldes (2009), Der Westen und der Rest der Welt (2011) und der erste Band seiner Kissinger-Biographie Der Idealist (2016).

Foto: © Michaela Philipzen, Ullstein Buchverlage

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